Auch Azubis wollen wohnen

von Redaktion

Drei junge Frauen erzählen, wie schwierig die Suche nach einer Wohnung ist

Waldkraiburg – Die Konkurrenz um bezahlbaren Wohnraum wird größer – nicht erst seit Fertigstellung der Autobahn. Ganz besonders schwierig ist es für Jugendliche in einer prekären Situation, deren weitere Ausbildung von einer eigenen Wohnung abhängt. Längst kein Einzelfall mehr, heißt es beim AWO Projektehaus Jagus. Die Situation werde immer schlimmer.

Draußen ein grauer November-Tag, drinnen sprechen Eko Sahin (21), Nicole Eggersdorfer (22) und Michelle Matthes (21) über ein Thema, das sie seit Monaten eint: die Wohnungssuche. Nicole macht bei Jagus eine Ausbildung als Kauffrau für Büromanagement, Eko und Michelle befinden sich in einer berufsvorbereitenden Maßnahme.

Seit Monaten
auf der Suche

Seit Februar suchen Eko und Michelle nach einer Unterkunft, vor zwei Monaten hat Nicole angefangen zu suchen. Mittlerweile aber schon wieder aufgegeben: „Ich schließe erst meine Ausbildung ab, suche einen Job und schaue erst dann wieder nach einer Wohnung. Vielleicht bin ich dann für Vermieter interessanter“, sagt Nicole.

Innerlich die Hoffnung aufgegeben haben auch Eko und Michelle, aber keine Wohnung ist keine Option. Eko wohnt mit ihrer Mutter gemeinsam in einem Zimmer in Mühldorf – ohne Küche und eigenes Bad. Eine unhaltbare Situation, weshalb sie oft bei Freunden schläft. „Ich muss da raus.“ Michelle wohnt bei ihrer Mutter, muss aber aus familiären Gründen bis spätestens Ende Januar für sich und ihren Sohn eine eigene Wohnung finden. Doch für beide Frauen sind die Aussichten schlecht.

„Zu jung, Jugendliche machen nur Party, nehmen Drogen oder weil ich türkische Wurzeln habe: Die Gründe der Vermieter sind ganz unterschiedlich“, erzählt Eko. Für viele Wohnungen bekomme sie keinen Besichtigungstermin, wenn klar sei, dass das Jobcenter die Miete überweise. „Bei Wohnungen, die von bestimmten Maklern vermittelt werden, braucht man gar nicht erst nach einem Termin fragen“, bestätigt auch Michelle. Hartz IV-Empfänger hätten hier keine Chance.

Das Kind ist oft
ein Kriterium

Vermieter würden es Nicole nicht zutrauen, alle Herausforderungen des Alltags zu schaffen: Ausbildung, Kind und Haushalt. „Das Kind ist oft ein Kriterium, weshalb ich eine Absage bekomme.“ Ein Vermieter hätte ihr sogar eine Wohnung gegeben – aber ohne Kind.

Sandra Eigner und Andrea Lüppen arbeiten als Pädagoginnen im Projektehaus und kennen die Sorgen der drei jungen Frauen sehr gut. Die schwierige Wohnungssuche werde zu einer großen Belastung. „Es wird immer schlimmer, es hört gar nicht mehr auf. Aktuell haben wir etwa sechs, sieben Leute bei uns, die eine Wohnung suchen.“

Die Auswahl ist ohnehin begrenzt. Weil die Auszubildenden auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen sind, kommen viele Wohnungen ohnehin nicht infrage.

Die Pädagoginnen unterstützen bei der Wohnungssuche, gehen mit zu Besichtigungsterminen und sind auch Ansprechpartner für die Vermieter. „Sonst haben die Jugendlichen keine Chance, sie brauchen einen Fürsprecher“, sagt Andrea Lüppen. Das nehme mittlerweile einen großen Teil ihrer Arbeit ein. Trotzdem würden viele Vermieter skeptisch bleiben.

Die aussichtslose Suche nach einer Wohnung zermürbt. „Wenn ich keine Wohnung finde, muss mein Sohn übergangsweise zu seinem Papa“, sagt Michelle. Dauere die Situation weiter an, müsse sie in eine Mutter-Kind-Einrichtung. So weit will sie es gar nicht kommen lassen: Zuvor suche sie sich einen Job, um genügend Geld zu verdienen. Eine Ausbildung würde sie dann aber nicht machen können.

Keine Angebote
für Auszubildende

Das Projektehaus will den Jugendlichen eine Zukunftsperspektive bieten. „Unsere Teilnehmer versuchen, ihr Leben auf die Reihe zu kriegen. Dazu braucht es aber oft auch eine Wohnung“, sagt Andrea Lüppen. Denn über ihr Leben könnten sie sich nur schwer Gedanken machen, wenn sie nicht wüssten, wo sie am nächsten Tag schlafen sollen.

Die Suche nach einer Wohnung ist schwierig, der Markt angespannt. „Durch die Autobahn kommen noch mehr Leute in die Region, die Mieten werden teurer“, befürchtet Nicole. Mit einem Lehrlingsgehalt eine eigene Wohnung zu finanzieren, sei generell schwierig. Sich gegen andere Interessenten zu behaupten, sei sogar noch schwieriger.

„Mit festem Arbeitsvertrag tut man sich leichter, eine Wohnung zu bekommen“, sagt auch Eko. Die Hoffnung auf eine eigene Wohnung hat sie noch nicht aufgebeben. „Für Studenten werden Wohnungen gebaut, wieso nicht auch für Auszubildende?“ Dann wäre die Suche deutlich einfacher.

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