Denker, Dichter, Christ

von Redaktion

Johann Nepomuk Brandl: Reiseerinnerungen eines „kleinen Genies“

Kraiburg – Bis heute ist Sepp Brandl von seinem Großvater begeistert, von dem er sagt: „Er war ein kleines Genie.“ Am 7. September 1866 in Maximilian geboren, ist Johann Nepomuk Brandl als Sohn eines Bauern aufgewachsen und hat dort sein ganzes Leben verbracht. Zur Schule ging er in Kraiburg, das war 15 Minuten zu Fuß.

Als Sechsjähriger begab er sich auf seine erste Wallfahrt nach Altötting; und zwar mit seinem Vater. Der hatte große Mühe, den müden Buben wieder zurück zu bringen. Er war einfach noch zu jung. Mit dem Zug ging es daher auf dem Rückweg bis Ampfing und dann wieder zu Fuß nach Hause.

Reiseerinnerungen
in fünf Bänden

Als 15-Jähriger ging er erneut mit dem Vater los. Diesmal führte sie der Weg nach Oberammergau. Mit dem Zug nach Rosenheim und dann zwei Tage zu Fuß weiter bis zum Ziel. Der Bub schrieb sich alle Orte auf. Hier begann das, was später seine Reiseerinnerungen in fünf großen Bänden werden sollten.

In der Schule fand er das Lesen am schönsten. Es hat dazu geführt, dass er sein Leben lang lernte. Stenografie hat Johann Nepomuk Brandl sich selbst beigebracht und, weil er auch Mesner war, wie sein Vater und seine Vorfahren, hat er sich gleich noch das Kirchenlatein selbst gelehrt.

Ansonsten ist er Bauer geworden, ein Gütler, wie man sagt. Ein Kleinbauer also, der als Landwirt seine Existenz hatte, wie seine Vorfahren. Nur dass er den Bienenzüchter und Obstanbauer noch hinzunahm. Weil er ein kluger Kopf war, wurde er außerdem Gemeindeschreiber. An Sonn- und Feiertagen fand er dafür Zeit.

Hinaus zog es ihn immer. Einmal ist er bis nach Füssen gegangen, das war nach der ersten Heuernte und vor der Getreideernte. Da war er zwei Wochen unterwegs. Ab Jettenbach bis Brannenburg mit dem Zug dann über den Wendelstein bis nach Füssen. 1904 fuhr er sogar mit dem Schiff nach Jerusalem.

Ein eigenes Kapitel war seine Beziehung zu den Bergen. „Er folgte einem starken, inneren Ruf“, erinnert sich sein Enkel. Auf die Zugspitze ist Johann Nepomuk Brandl gegangen, auf die Kampenwand und nach Reichenhall zum Watzmannhaus.

Aus den Erlebnissen heraus sind mehrere Gedichte entstanden. Seine Gedichte und Gedanken schrieb er nieder in umfassenden Reiseerinnerungen. Sie sind erhalten geblieben. Ein Gedicht aus der Bergwelt um den Königssee lautet: „Rings die Bergwelt vielgestaltig, hehres Wunder sich erschließt, Schönheitszauber allgewaltig! Augen, Augen! Schaut! Genießt!“

Es sind fünf großformatige Bände geworden, mit je über 400 Seiten, auf denen er handgeschrieben und durch Postkarten bebildert seine Reisen durch Italien, die Schweiz, Österreich, Bayern und Jerusalem festhielt. „In seinen Geschichten werden die Orte lebendig“, erzählt Sepp Brandl fasziniert. Außer den Reiseerinnerungen verfasste der Großvater die Familienchronik und die Ortschronik. Seine Bibliothek war sehenswert. Im Selbststudium hatte er sich alles von Schiller bis Homer angelesen, nur Goethe war ihm zu pathetisch.

Bescheidenheit und
Fleiß zeichnen ihn aus

Neben dem unheimlichen Wissensdurst zeichnete sich Johann Nepomuk Brandl charakterlich durch Bescheidenheit und unglaublichen Fleiß aus. Sein Enkel hat ihn heute noch vor Augen, wie er an seinem Schreibtisch sitzt, seit nachts um 3, wo er aufstand, weil er da in Ruhe arbeiten konnte.

Wichtig waren dem Großvater die Würde des Menschen, Respekt vor der Obrigkeit, nicht zu verwechseln mit einem Dünkel, und Weltoffenheit. Man hat sich an ihm orientiert. Bei ihm war die geistige und kommunale Schaltzentrale. Ein plötzliches Ende fand er am 9. November 1941 durch eine Kropfoperation. Besonders war er bis zuletzt. Er wünschte sich nicht viele Kränze nur ein Sträußchen Almenrausch an seinem Grab. Weil es den aber im November nicht gab, stellte sein Enkel ihm diesen später einmal auf seinen Schreibtisch.

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