Wasserburg/Waldkraiburg – Böller, Knaller und Raketen: Für viele Tiere ist das laute Silvesterfeuerwerk eine Qual und mit jeder Menge Stress verbunden. Unsere fünfjährige Hündin „Schnecke“ ist ebenfalls betroffen. Während der Briard die ersten Jahre noch ganz entspannt ins neue Jahr gekommen ist, hat die Hündin in den vergangenen drei Jahren große Angst entwickelt – und es scheint von Jahr zu Jahr schlimmer zu werden. Vieles haben wir schon ausprobiert – richtig geholfen hat bisher nichts.
Leider nimmt auch die Knallerei immer mehr zu. Einzelne Böllerliebhaber testen schon Tage vorher sporadisch ihr lautes Sortiment und „Schnecke“ reagiert jedes Mal mit vermehrtem Hecheln. Sie sitzt zitternd sabbernd vor ihrem Herrchen, ihr Speichel sammelt sich in kleinen Pfützen auf dem Fußboden.
Wenn es ganz schlimm wird, verkriecht sich die große Hundedame ganz kleinlaut im hintersten Winkel unter der Eckbank. An diesen Tagen wird auch das Gassigehen schwierig. Freiwillig will „Schnecke“ das Haus nicht mehr verlassen. So wurde sie auch heuer vor den Tagen vor dem Jahreswechsel zwangsweise ins Auto verfrachtet und per Haustaxi auf‘s freie Feld oder in den Wald gefahren – irgendwohin, wo sich kein Knaller verirrt.
„Schnecke“ verschmäht Eierlikör
Bachblüten haben bei „Schnecke“ leider nicht geholfen. Im vergangenen Jahr wollte ich auf Anraten einer Tierärztin aus dem Hörfunk mit meiner Hündin ein Gläschen Eierlikör teilen. Das funktionierte leider auch nicht: „Schnecke“ schmeckte das Getränk gar nicht, sie verweigerte den Schluck, der sie beruhigen sollte – und regte sich noch mehr auf, weil ihr Frauchen mit allen Mitteln versuchte, ihr den verhassten Likör doch noch einzuflößen.
Silvesterpartys sind für uns aus diesem Grund in den vergangenen Jahren tabu. Wir können unsere Hündin in diesen angstvollen Stunden unmöglich allein zu Hause lassen. Davon rät auch Andrea Thomas, Vorsitzende vom Tierschutzverein Rosenheim, grundsätzlich ab: „Ein verantwortungsvoller Tierhalter sollte seine Haustiere am Silvesterabend nicht alleine zu Hause lassen, insbesondere keine Hunde.“
Katzen seien nicht ganz so empfindlich, aber man solle unbedingt darauf achten, dass Freigängerkatzen an diesem Abend nicht raus können, das bedeutet, dass auch eine Katzenklappe verschlossen sein sollte.
Zu Hause finde die Katze eher ein Plätzchen, im Keller oder unter dem Sofa, wo sie sich während der Phase des größten Lärms verstecken könne.
„Draußen reagieren Tiere meistens extrem hektisch und am Silvesterabend und am 1. Januar werden häufig Tiere im Rosenheimer Tierheim abgegeben, die nicht mehr nach Hause gefunden haben“, weiß Thomas aus langjähriger Erfahrung.
Hunde sollten deshalb am 31. Dezember tagsüber immer angeleint sein, rät sie. „Am schlimmsten ist ein plötzlicher Böller, der sie so erschrecken kann, dass sie voller Panik auf die Straße rennen und dort schlimmstenfalls überfahren werden.“
Tierbesitzer sollten Ruhe ausstrahlen
Als Tierbesitzer sollte man selbst versuchen, so viel Ruhe wie möglich auszustrahlen – das hilft auch dem Tier. Und natürlich, wenn der Lärm am größten ist, Fenster und Jalousien schließen, damit es innen so leise wie möglich ist. Immerhin hören Hunde viel besser, insbesondere hohe Töne, als der Mensch. Und Katzen hören sogar Frequenzen im Ultraschallbereich. Übrigens gibt es auch Tierfreunde, die ihren Hunden und Katzen einige Tage vor Silvester Tonaufnahmen vom Silvesterfeuerwerk vorspielen, wobei sie die Lautstärke nach und nach steigern, bis die Tiere ganz gelassen reagieren. Das habe ich aber selbst noch nie ausprobiert.
An Lärm können sich Tiere tatsächlich gewöhnen. Das weiß auch Schäfermeister Werner Fröwis aus Amerang. „Unsere Schafe grasen im Sommer auf dem Truppenübungsplatz in Traunstein“, berichtet er. Sie seien deshalb einiges an Lärm gewöhnt, selbst Schüsse aus einer Panzerkanone würden ihnen kein nervöses Blöken entlocken. Am mangelnden Gehör kann ihre Gelassenheit nicht liegen: Die wolligen Vierbeiner hören nämlich recht gut. „Sie können ein Auto schon auf 500 Meter Entfernung hören“, weiß Fröwis. „Da heben sie schon ihren Kopf und schauen, wer kommt.“
Als Jäger kümmert sich Fröwis natürlich auch um das Wild – nicht nur an Silvester. Der Vorsitzende der Kreisgruppe Wasserburg im Bayerischen Jagdverband hat in seinem Revier aber bisher keine Panik bei den Tieren feststellen müssen: „Es kam höchstens mal vor, dass die Wildtiere zwei Stunden später zur gewohnten Fütterung erschienen sind, aber bisher haben sie sich zum Glück nie für längere Zeit zurückgezogen.“ Die Knallerei finde ja auch meist innerhalb der Ortschaften statt und nicht auf freier Flur. Insofern hätten die Wildtiere meist einen beschaulichen Jahreswechsel. Dem stimmt Wildbiologe Thomas Schreder zu. Als stellvertretender Präsident des Landesverbandes für Vogelschutz weiß er jedoch auch, dass Lichtblitze und lautes Knallen an Silvester für Wildvögel eine Belastung darstellen.
Keine Probleme für Oberreither Falken
Amseln, Finken und Buntspechte beispielsweise, die in heimischen Gärten oft ihre angestammten Futterstellen finden, erleben in der Silvesternacht vielerorts eine Schocksituation. Sie werden von den bunten, pfeifenden Raketen in der Silvesternacht aus dem Schlaf gerissen und fliegen in Panik davon. Oft müssen sie weite Strecke zurücklegen und manchmal das ganze Wohngebiet hinter sich lassen bis sie wieder ein ruhiges Plätzchen finden. „Manchmal kann es Wochen dauern, bis die Vögel wieder an ihren angestammten Futterplatz zurückkehren. Im schlimmsten Fall kommen sie gar nicht wieder“, beschreibt Schreder die missliche Lage.
Falkner Rudi Kolitsch vom Wildfreizeitpark Oberreith hat an Silvester mit seinen Falken und Eulen weniger Probleme. Sie seien zwar ebenfalls geräuschempfindlich, „aber nur, wenn sich die Lärmquelle in unmittelbarer Nähe neben dem Vogel befindet.“ Je nach Charakterstärke der Tiere reagiere der eine oder andere Vogel mehr oder weniger empfindlich. An den Lärm vom Rasenmäher gewöhnt Kolitsch seine Vögel, indem er sich ihnen langsam aus der Weite annähert. Am Ende kann er dann direkt beim Gehege arbeiten, ohne dass die Tiere panisch herumflattern. Die Silvesterknallerei sei aber in Oberreith so weit entfernt, dass die Vögel enstpannt ins neue Jahr kommen.
Vorsichtsmaßnahmen ergreift dagegen Gaby Irber in Waldkraiburg, um die ihr anvertrauten Tiere vor dem Silvesterlärm zu schützen. Die Tierheimleiterin berichtet, dass ihre Mitarbeiter an Silvester alle Tiere ins Haus holen. „Es bleibt keiner draußen, denn die meisten scheuen den Lärm. „Hunde, Katzen und besonders Kaninchen reagieren manchmal panisch“, beschreibt sie. Aus diesem Grund bleiben in der Silvesternacht auch immer zwei, drei Mitarbeiter im Waldkraiburger Tierheim um immer wieder nach den Schützlingen zu sehen. In allen Räumen spielt leise Musik, Leckerlis werden zur Ablenkung und zusätzliche Streicheleinheiten zur Beruhigung verteilt. „Wir machen es uns ganz kuschelig und hoffen, dass es bald vorbeigeht.“
Manchem Tier ergeht es an Silvester schlechter, weiß sie aus leidvoller Erfahrung. Katzen kommen in der letzten Nacht des Jahres oft abhanden, verstecken sich für zwei, drei Tage. Aber auch Hunde reißen sich von der Leine los, wenn sie plötzlich durch einen Knaller erschreckt werden und flüchten in Panik. „Da erreichen uns gerade Silvester immer wieder Anrufe von besorgten Tierhaltern, die nach ihren entlaufenen Vierbeinern fragen“, erinnert sich Irber. „Gut, wenn nichts Schlimmeres passiert und die Tiere sich nicht in Panik verletzen.“
Um Katzen und Hunde zu beruhigen, gibt es inzwischen einige Präparate auf dem Gesundheitsmarkt für Tiere. Tierärztin Dr. Bärbel Hacklechner kennt die meisten und rät den Tierhaltern deshalb auch zum sorgsamen Umgang mit den Medikamenten. „Wie die Menschen, so können auch die Tiere ganz unterschiedlich auf die Wirkstoffe reagieren“, warnt die Tierärztin. Mit anderen Worten: Was Fiffi lahmlegt, lässt Bello manchmal erst richtig hektisch werden.
Tipp der Tierärztin: Watte in die Ohren
Sie rät deshalb, sich gut beraten zu lassen und dem Tierarzt den Charakter und das Verhalten seines Haustieres genau zu beschreiben. Dabei spiele eine große Rolle, ob das Tier von Haus aus nervös sei, oder nur bei Lärm empfindlich reagiere. Die Palette der angebotenen Mittelchen reicht von homöopathischen Kügelchen über Beruhigungsmittel bis zu Glückshormonen, die Hund und Katze über die Nase aufnehmen können. Diese sogenannten Pheromone sollen nun auch „Schnecke“ in diesem Jahr über die Knallerei hinweghelfen – gekoppelt mit einem weiteren, ganz handfesten Hilfsmittel, mit dem Hacklechner beste Erfahrungen gemacht hat: „Reichlich Watte in die Hundeohren stopfen, dann ist der Lärm für sie leichter zu ertragen.“ Wird gemacht!