Waldkraiburg – S P D – drei Buchstaben, die heute in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem für eins stehen: die Krise der Volksparteien. Wie im politischen Jammertal scheint sich die Partei selbst vorzukommen. Eine Wahlschlappe nach der anderen hat sie zuletzt einstecken müssen. Und im jüngsten Bayerntrend ist sie auf jämmerliche sieben Prozent geschrumpft.
In solchen Situationen rührt sich bei vielen Menschen reflexartig ein Fluchtinstinkt. Nichts wie weg? Walter Kraus und Gert Hilger käme das nicht in den Sinn. Einmal Sozialdemokrat, immer Sozialdemokrat! „Aus der SPD und der Gewerkschaft tritt man nicht aus, da stirbt man heraus“, sagen die beiden langjährigen Mitglieder im Ortsverein Waldkraiburg, der am Freitag sein 70-jähriges Bestehen feiert.
Schwarz auf weiß steht’s im Parteibuch: 108,84 Euro Jahresbeitrag hat Walter Kraus 2018 an die SPD abgeführt. So hoch ist der Rentnertarif. „Das Geld hat mich noch nie gereut“, sagt der 87-jährige. Kein Euro. Daran hat sich seit dem Eintritt vor 51 Jahren nichts geändert.
Die SPD ist Teil der
Familiengeschichte
Neben der Gewerkschaftsarbeit, die Kraus geprägt hat, war die Familiengeschichte ein entscheidender Grund für diesen Schritt, einer, der vor dem Hintergrund der neuen politischen Entwicklungen in Deutschland und der Welt wieder traurige Aktualität hat. Kraus kommt aus einer typischen sudetendeutschen Arbeiterfamilie. Der Vater war Hauskassier des Ortsvereins. Als 1938 die Nazis das Sudetenland „heim ins Reich holten“, wie das hieß, wurde er wie andere Sozialdemokraten, Kommunisten, Gewerkschaftler von sogenannten „Freikorps-Leuten“ und Anhängern der Sudetendeutschen Partei festgesetzt. „Ich kann mich noch erinnern, wie mein Vater mit dem Lkw abgeholt wurde.“ Manche kamen ins Gefängnis, sogar ins KZ. Das ist dem Vater erspart geblieben, der allerdings beschattet und später in eine Firma nach Berlin versetzt worden sei.
Gert Hilger, auch er ein Aktivposten der Gewerkschaftsarbeit, hat einen anderen Zugang. Der 73-Jährige kommt aus einem sehr konservativen Elternhaus. Politisch desinteressiert und konservativ hat er das Klima am Gymnasium in Niederbayern in den 1960er-Jahren in Erinnerung. Seinen Lebensweg ganz wesentlich geprägt habe ein Buch: Richard Llewellyns Roman „So grün war mein Tal“ über den Kampf von Bergarbeitern in Wales. Dass er 1982 zur SPD ging, schreibt Hilger auch dem damaligen SPD-Bürgermeister Josef Kriegisch und weiteren „beeindruckenden Waldkraiburger Sozialdemokraten“ zu.
Ortsverein hatte
über 500 Mitglieder
Die Zeiten waren schon einmal besser für die „alte Tante SPD“, auch im Ortsverein, der mit Josef Kriegisch 18 Jahre lang einen erfolgreichen Bürgermeister, in den 1970er-Jahren die stärkste Rathausfraktion stellte und vor einem halben Jahrhundert über 500 (!) Mitglieder zählte. 68 sind es heute.
„Mein Grundprinzip ist Solidarität“, sagt Hilger, der es sehr bedauert, dass die „selbstverständliche Einheit zwischen Gewerkschaft und SPD-Mitgliedschaft“ verloren gegangen sei. Das ist aus seiner Sicht ein Grund für die Misere der Sozialdemokratie, deren Ursachen viel tiefer sitzen. Fundamentale gesellschaftliche Veränderungen spielen mit. Den klassischen Industriearbeiter, jahrzehntelang Basis für die Erfolge der SPD, gibt es nicht mehr. „Jeder kommt sich heute so vor, als sei er sein eigener Unternehmer, deshalb glaubt man, es brauche weder Gewerkschaft noch SPD.“
Und manche laufen gar Parteien hinterher, die wie die AfD bisher noch nicht mal ein Rentenkonzept vorlegen konnten. Hilger schüttelt den Kopf. Die SPD hat Konzepte für die Rente und für die vielen anderen Politikfelder. Doch sie hat auch ein Vermittlungsproblem, glaubt der Waldkraiburger. Mühelos könnte er Errungenschaften auflisten, die es ohne die SPD in der Großen Koalition nicht gegeben hätte: den Mindestlohn, die Grundrente, zuletzt auch die Verbesserung der Situation der Paketboten… Hilger: „In der Öffentlichkeit wird das nicht wahrgenommen.“
Die Partei hat auch
ein Führungsproblem
Dabei gebe es so vieles, was die Partei herzeigen könnte. Ganz zu schweigen von den historischen Leistungen, auf die Sozialdemokraten mit großem Stolz zurückblicken. Hilger erinnert daran, dass ein linker Sozialdemokrat, Kurt Eisner, den Freistaat Bayern gründete, ein Sozialdemokrat, Otto Wels, im März 1933, als sich der braune Terror schon in den Straßen breitmachte, eine mutige Reichtagsrede gegen das Ermächtigungsgesetz der Nazis hielt. Nach dem Krieg war es wieder ein Sozialdemokrat, Wilhelm Hoegner, der als „Vater der bayerischen Verfassung“ gelten könne. Nicht zu vergessen Willy Brandt, erster SPD-Bundeskanzler und Namensgeber einer Auszeichnung, die Walter Kraus schon hat und Gert Hilger bei der 70-Jahr-Feier erhalten wird.
Keiner hat die Partei länger geführt als Brandt. Keiner hat sie glaubwürdiger verkörpert. Heute hat die SPD ein großes Führungsproblem. „Wir brauchen wieder ein Zugpferd an der Spitze“, sagt Hilger. Ob Steinbrück oder Gabriel – „das hat nicht wirklich gepasst“. Und Andreas Nahles? „Mir hat nicht gefallen, wie man mit ihr umgegangen ist, in den Medien, in der Öffentlichkeit, aber auch in der eigenen Partei und Fraktion“, meint Walter Kraus.
„Wenn es brennt irgendwo im Land, dann ruft man nach Gewerkschaften und SPD“, findet Gert Hilger. Und es klingt verbittert. Der Wähler honoriere nicht, dass die Sozialdemokraten Verantwortung übernommen haben. Auch 2017 nicht, als die Verhandlungen für die Jamaika-Koalition gescheitert waren und es ohne SPD keine Regierung gegeben hätte. „Aus staatspolitischer Räson hat sich die SPD selbst in die Bredouille gebracht“, so Hilger, der damals für die GroKo war und heute auf einen „Reinigungs- und Erneuerungsprozess in der Opposition“ setzt.
Hat die Partei also mehr als eine große Vergangenheit, hat sie auch eine Zukunft? Die beiden SPD-Urgesteine sind Optimisten. Einen SPD-Bundeskanzler oder -Bürgermeister hält der Waldkraiburger nach wie vor für realistisch. Bei einem bayerischen Ministerpräsidenten ist der 73-Jährige etwas skeptischer.
Die SPD ist schon ganz unten. Sieben Prozent im Bayerntrend. Walter Kraus schöpft daraus Hoffnung. „Tiefer darf und tiefer kann es nicht mehr gehen.“
Mit einem Neujahrsempfang feiert der Ortsverein morgen, Freitag, im Haus der Kultur sein 70-jähriges Bestehen. Über die Geschichte des Ortsvereins Waldkraiburg spricht Zweiter Bürgermeister Richard Fischer. Höhepunkt der Veranstaltung ist die Verleihung der Willy-Brandt-Medaille durch Landtags-Vizepräsident Markus Rinderspacher.