Waldkraiburg – Von einem Tag auf den anderen war alles anders. Seitdem gibt es nur noch ein „Davor“ und ein „Danach“. Silvia Steinbrenner kennt das Gefühl, wenn die Welt um einen herum zusammenbricht. Vor zehn Jahren ist ihr ältester Sohn infolge einer schweren Erkrankung verstorben. Heute leitet sie mit Theresa Tiller einen Gesprächskreis für verwaiste Eltern und hilft Eltern in der gleichen Situation, mit ihrer Trauer umzugehen.
Trost kann
es keinen geben
„Mein Kind ist tot. Diese Tatsache, der sich Eltern nach dem Tod ihres Kindes stellen müssen, ist so katastrophal vernichtend, das wird diese Situation fast nicht aushalten können. Am liebsten würden wir auf der Stelle gleich mitsterben“, sagt Silvia Steinbrenner. Den Gedanken an den Tod des eigenen Kindes kann man gar nicht denken und plötzlich gehört man dazu. „Der Tod ändert das Leben auf einen Schlag.“ Egal ob ein Kind durch einen Unfall, Suizid oder nach Krankheit verstorben ist, ob das Kind klein, bei oder nach der Geburt gestorben ist, ob es 40 Jahre alt ist, das Kind geht vor einem und damit wird die natürliche Ordnung infrage gestellt.
Am Anfang steht man unter Schock, fühlt sich wie in Watte gehüllt. Alle Angehörigen und das nähere Umfeld seien vom Tod des Kindes betroffen, aber keiner wisse, wie man damit umgehen soll. „Die einfachen Dinge können ungemein helfen.“ Hilfe im Haushalt, zuhören, Dasein, Aushalten oder in den Arm nehmen – für verwaiste Eltern eine wichtige Stütze. Ratschläge helfen in dieser Situation nicht weiter und man spende Trost, wo es keinen Trost geben kann. „Der einzige Trost ist die Anerkennung des Untröstlichen“, sagt sie.
Es hat lange gedauert, bis sie den Tod des Sohnes realisiert hatte, dass es die Zukunft des Kindes nicht mehr gibt. „Die Trauer ist ein seelischer lebenslanger Prozess. Allmählich lernt man, damit zu leben, aber die Trauer verändert sich mit der Zeit.“ Heute kann sie über den Tod ihres ältesten Sohnes reden, kann in ihrem Leben wieder lachen und Freude empfinden. „Die verstorbenen Kinder würden es bejahen. Aber die Eltern müssen wieder lernen, mit dem Leben umzugehen.“ Eltern verlieren den „naiven Blick“ auf das Leben, dass sie einen selbstverständlichen Platz in dieser Welt haben. Während das Umfeld mit dem Verlust abgeschlossen hat, ist für die verwaisten Eltern die Welt nicht mehr die, die sie einmal war. Das eigene Lebenshaus könne nie wieder das Gleiche sein wie zuvor. Man müsse sich neu erfinden, aussortieren, Grenzen setzen und sich schützen. Man könne sich nicht von diesem Albtraum lösen, sondern würde langsame Mosaiksteine einsammeln, um das Leben neu zu finden. Die innere Stimme als Kompass gebe einem zu erkennen, was seinem seelisch und körperlich guttut. „Trauer ist kein einheitliches Gefühl, sondern ein Kaleidoskop mit vielen Facetten.“ Viele denken, man müsse die Trauer möglichst schnell hinter sich bringen. Dabei sei es wichtig, sie zuzulassen, um einen heilsamen Prozess zu durchleben.
Auch Silvia Steinbrenner löste sich aus ihrer Erstarrung und schloss sich dem Gesprächskreis für verwaiste Eltern an. Damals noch unter Pfarrer Martin Garmaier. Etwa sechs bis acht Personen kommen zu den Treffen. Jeder entscheidet selbst, was er von seinem Schicksal erzählen will, wie sehr er sich öffnen will. Manchmal tut es aber einfach nur gut zuzuhören, zu wissen, dass man mit der Trauer nicht allein ist. „Man erkennt, dass es auch andere Menschen in der gleichen Situation gibt“, sagt sie. Darüber sprechen und verstanden werden – das entlaste und mache Mut.
Beruflich eine
neue Richtung
Der Tod ihres Sohnes gab dem Leben von Silvia Steinbrenner beruflich eine neue Richtung. Die gelernte Krankenschwester ließ sich zur Hospizbegleiterin ausbilden, machte eine Palliativ-Care-Ausbildung und eine Ausbildung in der Trauerbegleitung. Nach dem Weggang von Pfarrer Garmaier ließ sie die Treffen wieder aufleben – dieses Mal über den Anna Hospizverein. Seit zwei Jahren leitet sie mit Hospizbegleiterin Theresa Tiller den Gesprächskreis für verwaiste Eltern und auch eine Trauergruppe für Erwachsene.
Tiefe Verunsicherung, Haltlosigkeit und Orientierungslosigkeit – der Verlust eines Kindes ist eine dramatische Situation. Der Schmerz ist so heftig, die Trauer trifft einen „mit voller Wucht“. Der Weg in der Trauer ist schwer und lang, jeder trauert auf seine Art und Weise. Selbst der Partner kann die Trauer nur bruchstückhaft teilen. Immer wieder darüber zusprechen könne helfen, einen Weg in das „Danach“ zu finden und eine innere Beziehung zum Kind zu leben.