Waldkraiburg – „Wenn man der Hüwel die Hand gibt, muss man danach die Finger zählen. Irgendwas bleibt immer bei ihr hängen.“ Das Bonmot von Altbürgermeister Siegfried Klika bringt es auf den Punkt: Die Geschäftsführerin des Kreisjugendrings (KJR) ist für ihr „einnehmendes Wesen“ berüchtigt. Acht Jahre lang hat sie konsequent an diesem Ruf gearbeitet – und dabei eine Menge für die Jugend und die Jugendverbände erreicht. Jetzt sucht die 52-Jährige eine neue berufliche Herausforderung.
Ungeduldige Netzwerkerin
Als Kristin Hüwel 2012 ihre Stelle antrat, brachte sie viele Qualifikationen für die Aufgabe mit. Nach dem Studium der evangelischen Theologie und der Soziologie, Psychologie und Pädagogik hatte sie in der Instituts- und in der Betriebsmarktforschung gearbeitet, in der Personalvermittlung und Erwachsenenbildung. Sie ist Lehrbeauftragte an der Fachhochschule Landshut und IHK-Prüferin.
Vor allem aber hat sie einen langen Atem. An ihrer Bürotür hängt ein Beweis: die Glückwünsche der Kollegen zum ersten Halbmarathon, den sie im Vorjahr gelaufen ist. „Ich habe gelernt, dass es gut ist, ungeduldig zu sein und mich hemmungslos für wichtige Projekte in der Jugendarbeit einzusetzen“, sagt Hüwel. „Es war nicht meine Aufgabe, bequem zu sein.“
Wer für die Jugendarbeit Verantwortung trägt, darf nicht erwarten, dass er ständig offene Türen einrennt. Der eine Kommunalpolitiker rückt kein Geld raus, weil Jugendliche Laternen am Marktplatz ausgetreten haben, vom anderen gibt es keinen Zuschuss, weil Jugendliche nicht auffällig waren. In diesem Spannungsfeld arbeitete auch der KJR Mühldorf. Und Landrat Georg Huber ließ sie bei Dienstantritt wissen, dass sich der KJR jetzt erst mal beweisen müsse.
Hüwel erinnert sich noch gut daran, als sie als Geschäftsführerin mit zwei FSJ‘lern auf einer 20-Stunden-Stelle saß und mit einem Landkreis-Zuschuss in Höhe von 114000 Euro zurecht kommen musste. „22000 Euro fehlten im ersten Jahr, um die Geschäftsstelle überhaupt bewirtschaften zu können.“
Sieben Jahre später ist die Geschäftsstelle anders aufgestellt: mit zwei Pädagogenstellen, einer Verwaltungsmitarbeiterin, zwei FSJ’lern, zwei festen Honorarkräften und der 30-Stunden-Stelle für die Geschäftsführung.
Im Haushalt 2019 habe der KJR erstmals Rücklagen bilden können. 2020 beträgt der Zuschuss des Landkreises 245000 Euro.
Gut und gerne 600000 Euro, vermutlich mehr, habe sie in den vergangenen Jahren an Fördergeldern aufgetrieben, vom Bayerischen Jugendring und Bezirksjugendring, vom Bezirk und vom Land, von der Sparkassenstiftung. Dabei ist das Geld nur Mittel zum Zweck, um etwas zu bewegen in der Jugendarbeit. Zum Beispiel im Bereich der Medienpädagogik. Das Medienmobil des KJR ist eingeführt bei Verbänden und in Schulen. Es gehe darum, Gefahren und Chancen aufzuzeigen. „Wir müssen den Kindern beibringen, mit der Realität, in der sie leben, verantwortungsvoll und emanzipiert umzugehen.“
Erziehung zu Toleranz und Demokratie hat sich zu einem weiteren Schwerpunkt entwickelt. „Ich wünsche den Jugendlichen kritische Auseinandersetzung, auf dem Boden des Grundgesetzes und der Rechtsstaatlichkeit, ohne menschenverachtende Parolen.“
Für Demokratie und Toleranz hat sich die KJR-Geschäftsführerin auch als Vorsitzende des landkreisweiten Netzwerks „Mühldorf ist bunt“ eingesetzt. In beiden Funktionen sah sie sich heftiger Kritik und Anfeindungen von Rechts ausgesetzt. Öffentlich wurde der Konflikt mit der AfD. Diese forderte den Kreisjugendring auf, die Jugendgruppe des türkisch-islamischen Ditib-Verbandes auszuschließen, und die Verantwortlichen in der Kreispolitik, dem KJR andernfalls Zuschüsse zu streichen.
„Da muss man auch mal den Kopf hinhalten und klare Kante zeigen.“ Konfliktscheu war Hüwel nie.
Emotional kann die scheidende KJR-Managerin werden, wenn ein „Herzensprojekt“ gelingt. Zum Beispiel das Tanztheater „Was uns verbindet“, das der Bayerische Jugendring mit einem Preis für vielfältige und Rassismus-kritische Jugendarbeit ausgezeichnet hat. Die viele Arbeit mit jungen Leuten aus unterschiedlichen Bereichen und Milieus, vor allem auch den Geflüchteten, und einigen Profis hat sich gelohnt.
Bei jeder Aufführung seien ihr die Tränen gekommen. „Es ist wie ein krönender Abschluss“, sagt sie über das Stück, das am 2. Juli noch einmal im Haus der Kultur zu sehen sein wird, und für die Eröffnung der Chiemgauer Kulturtage im Gespräch ist.
Akzente in der Medienpädagogik
Dass sich die jungen Leute und die Jugendorganisationen was trauen, das wünscht sie ihnen für die Zukunft. Dass sie ihre Themen, ihre Anliegen vorbringen. Ihre Beobachtung: „Die Jugend zeigt wieder mehr Interesse an politischen Themen hat. „Als ich anfing, war das schwierig.“
Wer auf Hüwel folgt, steht noch nicht fest. Die Aufgabe ist ausgeschrieben. Gesucht wird ein Pädagoge oder eine Betriebswirtschaftlerin. Im besten Fall soll die Stelle am 1. April wieder besetzt sein.
Das Büro in der KJR-Geschäftsstelle in der Braunauer Straße hat Kristin Hüwel schon geräumt, Ende März endet ihr Arbeitsverhältnis. Bis dahin stehen noch einige Termine an.
Dann bricht die Mutter zweier erwachsener Kinder zu neuen Ufern auf. Sie macht sich selbstständig und wird künftig als Beraterin von Non-Profit-Organisationen und im Privat- und Business-Coaching arbeiten. „Und ich lerne noch was dazu.“ Die 52-Jährige bildet sich zur Resilienztrainerin fort. „Es ist wichtig, sorgsam mit unserer Zeit und unserem Leben umzugehen.“