Ein Motor der Stadtentwicklung

von Redaktion

Nachruf Zum Tod von Altbürgermeister Jochen Fischer

Waldkraiburg – Jochen Fischer ist tot. Wie ein Lauffeuer ging diese Nachricht am Montag durch die Stadt und löste große Betroffenheit aus, bei den Weggefährten, die den Altbürgermeister als Motor der Entwicklung dieser jungen Stadt erlebt hatten, bei vielen Waldkraiburgern, die ihn – auch nach seiner Amtszeit – als leidenschaftlich engagierten Menschen und über Parteigrenzen hinweg hoch geschätzten Ehrenbürger in Erinnerung behalten.

Als Bub mit Mutter aus Niederschlesien geflüchtet

Einmal die Geschicke einer aufstrebenden Industriestadt in Oberbayern als Bürgermeister zu leiten, das war ganz sicher nicht in seine Wiege gelegt, als Jochen Fischer am 21. März 1932 im niederschlesischen Schweidnitz geboren wurde. Im April 1945 flüchtete er mit seiner Mutter vor der heranrückenden Kriegsfront in Richtung Westen. Sein Vater fiel bei der Verteidigung der Festung Breslau.

Diese Erfahrungen sollten ihn entscheidend prägen, in seinem politischen Engagement, in seinem Einsatz für ein demokratisches Gemeinwesen und nicht zuletzt in der Vermittlung von Geschichte an die nachfolgenden Generationen.

Zunächst stand freilich im Vordergrund, in einer neuen Heimat Fuß zu fassen. Fischer absolvierte Ende der 1940er-Jahre eine Lehre als Chemielaborant in Burghausen und war danach unter anderem in Unternehmen in Schweden, Luxemburg und Bosnien in verantwortlichen Funktionen tätig, ehe er zehn Jahre lang die TVA in St. Erasmus leitete.

Seit 1967 brachte er sich als Ortsvorsitzender der CSU in das kommunalpolitische Geschehen ein, rückte 1978 in den Stadtrat, 1982 in den Kreistag nach und wurde im März 1984 mit denkbar knappem Stimmenvorsprung zum Bürgermeister gewählt. 1990 und 1996 bestätigten ihn die Bürger mit eindrucksvollen Ergebnissen im Amt.

Wichtige Weichen für die Entwicklung der Stadt gestellt

Mit großer Tatkraft ging Fischer an diese Aufgabe heran. In seine Amtszeit fallen wesentliche Weichenstellungen für die Stadtentwicklung: die Stromübernahme durch die Stadtwerke etwa, der erfolgreiche Kampf um ein Vollgymnasium in Waldkraiburg, die Absiedlung großer Industriebetriebe aus dem Wohnumfeld in ein neues Gewerbegebiet.

Den Bau und die Erweiterung von Schulen und Kindertagesstätten, des Feuerwehrzentrums, des Hauses der Vereine und weiterer sozialer und öffentlicher Einrichtungen sind mit seinem Namen verbunden. In besonderer Weise gilt dies für die Entwicklung des Kulturlebens in der Stadt, das weit über Waldkraiburg hinaus strahlte. Die Gründung der Sing- und Musikschule, die internationalen Jugendkulturtage (bis 2002), die Einweihung des Hauses der Kultur und – am letzten Tag seiner Amtszeit im April 2002 – die Eröffnung des großen Theater- und Veranstaltungssaals prägten das Image Waldkraiburgs als „Kulturstadt“ und Fischers Ruf als „Kulturbürgermeister“.

Mit großer Hartnäckigkeit und Durchsetzungsfähigkeit konnte er Projekte verfolgen, die er für wichtig und richtig hielt. Die harte politische Auseinandersetzung hat er nicht gescheut, mitunter auch polarisiert.

Seiner Beliebtheit bei den Bürgern hat das keinen Abbruch getan. Er wurde geschätzt, über alle politischen Lager hinweg, weil er auch selbst nicht in diesen Lagern dachte und zum Beispiel am 1. Mai als langjähriger Gewerkschaftler vorne mitmarschierte.

2002 wurde er – kurz nach seinem Abschied aus dem Rathaus – zum Waldkraiburger Ehrenbürger ernannt. Viele andere Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz am Bande, würdigten seine Verdienste, insbesondere auch in Ehrenämtern, etwa als Kreisvorsitzender des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge und des BRK.

Gut informierter Frühaufsteher und Homo politicus

Trotz eines schmerzhaften Rückenleidens, das ihn schon während der Amtszeit beeinträchtigt hatte, trieb er als überaus agiler Vorsitzender des Fördervereins Stadtmuseum die Eröffnung einer stadtgeschichtlichen Dauerausstellung und des Glasmuseums voran und engagierte sich in der katholischen Kirchengemeinde.

Und ab und zu meldete sich der Frühaufsteher und Homo politicus, der in der Regel schon vor 6 Uhr die Heimatzeitung durchgearbeitet hat, öffentlich zu Wort, etwa als er für die Erstaufnahme-Einrichtung in Waldkraiburg und einen menschlichen Umgang mit Flüchtlingen Position ergriff. Weil er sich um die Demokratie sorgte, übte er – vor den Europawahlen 2019 – deutliche Kritik an radikalen und rechtspopulistischen Parteien wie der AfD.

Geistig noch immer rege, ging es ihm da körperlich freilich schlechter. Seit dem Sommer vergangenen Jahres war der Altbürgermeister auf Pflege im Adalbert-Stifter-Wohnheim angewiesen, wohin er mit seiner zweiten Frau Gisela gezogen war. Längere Krankenhausaufenthalte waren notwendig. Von einer Lungenentzündung hat er sich zuletzt nicht mehr erholt. Jochen Fischer ist am Sonntagabend, wenige Tage vor Vollendung seines 88. Lebensjahres, in der Palliativ-Einrichtung im Stifter-Heim gestorben. Zwei Kinder und zwei Enkel trauern mit ihren Familien um ihn. Eine Tochter war schon 2007 verstorben, ein schwerer Schicksalsschlag, den er kaum verwinden konnte.

Seit Längerem hatte der Altbürgermeister und Ehrenbürger mit einem Historiker an seiner Biografie geschrieben. Die Arbeiten waren weit fortgeschritten. Er hätte das Werk gerne noch veröffentlicht. Doch das war ihm nicht mehr vergönnt.

Verabschiedung am Samstag

Die Verabschiedung von Jochen Fischer findet am Samstag, 7. März, statt. Um 10 Uhr beginnt das Requiem in der Christkönigskirche. Die Beerdigung am Waldfriedhof folgt zu einem späteren Zeitpunkt im engen Familienkreis.

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