Waldkraiburg – Immer mehr Tiere sind vom Aussterben bedroht. Auch im Landkreis Mühldorf stehen Tiere auf der Roten Liste gefährdeter Arten. Im Gespräch mit den Heimatzeitungen spricht Dr. Andreas Zahn, Zweiter Vorsitzender der Kreisgruppe Mühldorf des Bund Naturschutz, über erste Erfolge und wo man selbst anpacken kann.
Wie viele gefährdete Arten gibt es im Landkreis?
Das lässt sich schwer sagen, weil es für viele Artengruppen vor Ort keine Spezialisten gibt. Bei besser untersuchten Artengruppen schaut es schlecht aus: So stehen 60 Prozent der Amphibien und 90 Prozent der Reptilien auf der Roten Liste gefährdeter Arten. Das Braunkehlchen ist im Landkreis ausgestorben, die Wechselkröte steht kurz davor, Unke und Kammmolch sind akut bedroht. Schlimm ist der Rückgang von „Allerweltsarten“ wie dem Gras- oder Wasserfrosch. Bei den Fledermäusen werden Mausohr- und Abendseglerkolonien kleiner, auch die noch häufige Zwergfledermaus nimmt ab. Es ist zu befürchten, dass der deutschlandweite drastische Schwund bislang häufiger Vogelarten auch vor dem Landkreis nicht haltmacht.
Welche Arten sind besonders gefährdet?
Insbesondere Arten alter Waldbestände, wilder Flusslandschaften und weitgehend verschwundener bäuerlicher Kulturlandschaften, wie Streuwiesen, Moorweiden oder Heckenlandschaften. Probleme haben Arten, die mit dem Nährstoffeintrag nicht zurechtkommen: Viele früher magere Wiesen sind inzwischen so nährstoffreich, dass die typischen Blumen und Kräuter verdrängt werden. Toteiskessel und Moore werden durch die Einschwemmung von Dünger geschädigt, Brennnessel und Springkraut verdrängen zum Beispiel Orchideen-Arten oder seltene Sauergräser.
Was lässt sich für die Rettung der Arten tun?
Es gilt vor allem, naturnahe Lebensräume sorgsam zu pflegen. In der Regel wäre dies eine traditionelle landwirtschaftliche Nutzung: Wenig gedüngte Heuwiesen, Jungviehweiden und auch mal eine Ackerbrache. Doch muss man wissen: Im Landkreis reichen die vorhandenen Biotopflächen nicht aus, um den Artenschwund aufzuhalten. Es müssen mehr Flächen zur Verfügung gestellt werden. Denn viele Lebensräume sind inzwischen sehr isoliert. Nur durch eine umfangreiche Vernetzung der Lebensräume und die Schaffung von Wanderkorridoren ließen sich absehbare Aussterbevorgänge zumindest verlangsamen. Gewässerrandstreifen, Bahndämmen und besonders Weg- und Waldrändern könnte hier eine wichtige Funktion zukommen. Aber hier fehlen Förderprogramme, die so attraktiv sind, dass sich der Aufwand für eine naturnahe Pflege wirklich lohnt.
Es müssen nicht immer nur Naturschützer anpacken. Was kann man als Privatperson machen?
Natürlich sollte man Gärten und Balkone naturnäher gestalten, hier liegt ein großes Potenzial für den Naturschutz. Der Verzicht auf Herbizide und Insektizide im Garten, seltener Mähen oder ein Stück Wiese, Totholzhaufen und Weiher anlegen, das Laub liegen lassen, eine Hecke aus heimischen Gehölzen pflanzen, möglichst wenig Flächen versiegeln und überbauen – all das trägt zur Artenvielfalt in Siedlungen bei. Doch schon jetzt ist die Artenvielfalt im Ort oft höher als auf dem Land. Stark gefährdete Arten sind meist an Lebensräume angepasst, die wir in Gärten nicht bieten können. Lichtverschmutzung ist ein lange unterschätzter Faktor.
Was wurde bereits gemacht und wo muss man noch aktiver werden?
Ein entscheidender Schritt war die Gründung des Landschaftspflegeverbands, da nun mehr Lebensräume bedrohter Arten richtig gepflegt oder neu angelegt werden können. Viel Hoffnung macht das Projekt „Schätze der Eiszeitlandschaft“. Viele Toteiskessel können dadurch von alten Verfüllungen befreit und Moore wieder gepflegt werden. Dem Kiebitz greifen der Landesbund für Vogelschutz, der Landschaftspflegeverband und die Landwirte unter die Flügel. Jäger bemühen sich um die Wiederansiedlung des Rebhuhns. Wünschenswert wäre, dass Gemeinden und Grundbesitzer Naturschutz noch stärker als wichtige Aufgabe und nicht als lästige Pflicht sehen. Waldbesitzer können alte Bäume mit morschem Holz und Höhlen stehen lassen. Gemeinden können ihre Grünflächen insektenfreundlich pflegen, auch wenn dies teurer kommt.
Was macht es so schwierig, gefährdeten Arten Lebensraum zu bieten?
Im Landkreis haben wir gute Böden und damit beste Bedingungen für eine moderne landwirtschaftliche Produktion. Um Konzepte zu entwickeln, wie dennoch genug Lebensräume erhalten und neu geschaffen werden können, bedarf es Zeit und Einfallsreichtum und damit Personal. Meist findet man Lösungen, wenn man mit Grundstücksbesitzern Probleme bespricht. Oft könnten Ausgleichsflächen einfallsreicher gestaltet und besser gepflegt werden. Dazu müssen die Naturschutzbehörden und Landschaftspflegeverbände personell noch besser ausgestattet werden. Naturschutz geht nicht nebenbei.
Welche Erfolge gab es in den vergangenen Jahren?
Durch die Renaturierungsmaßnahmen des Wasserwirtschaftsamtes wurden zwischen Jettenbach und Mühldorf Reste einer Wildflusslandschaft erhalten, ein wichtiger Lebensraum für Fische und Wasservögel. Dank des Ackerwildkrautprojektes der „Öko-Modellregion Isental“ haben Frauenspiegel und Erdrauch eine neue Chance. Im Isental konnten mit der Wildland-Stiftung magere Feuchtwiesen erhalten und neu hergestellt werden. Niedermoorflächen im Besitz der Autobahndirektion bieten gefährdeten Vogelarten neuen Lebensraum. Auch der Bund Naturschutz hat mehrere Beweidungsprojekte initiiert oder durchgeführt, wodurch in Kooperation mit Landwirten die alte, artenreiche Almenweide neu entstanden ist. Der größte Erfolg ist jedoch der Wandel in der Wahrnehmung: Artenschutz wird als wichtig erachtet. Wenn sich jetzt noch die politischen Rahmenbedingungen ändern, besteht Hoffnung, auch im Landkreis Mühldorf.