Waldkraiburg – Die Nachrichten aus Würzburg, wo in einem Seniorenheim zehn Menschen an den Folgen des Corona-Virus gestorben sind, möchte Hubert Forster am liebsten ausblenden. „Schon der Gedanke daran treibt den Blutdruck in die Höhe.“ Dem Leiter des Adalbert-Stifter-Wohnens, der größten Senioreneinrichtung Waldkraiburgs, geht es wie vielen anderen, die in der stationären Altenpflege Verantwortung tragen.
Die erste Mitarbeiter fallen bereits aus
Dass das Virus in ihre Einrichtung einbricht, mögen sie sich nicht vorstellen. Schon deshalb, weil es an der Ausrüstung fehlt. „Wir können unsere Mitarbeiter nicht so schützen, wie wir das wollen.“ Steffi Dubnitzky, Leiterin des AWO-Seniorenzentrums, schlägt Alarm. Mundschutz, Ganzkörperanzüge – Stand heute fehle es nahezu an allem.
Fast 500 Senioren werden in den vier Waldkraiburger Häusern betreut. Für sie hat sich mit Corona fast alles verändert. Für Besucher sind die Häuser zu. Selbst für Angehörige gibt es Ausnahmen nur in Sterbefällen. Wenige Stunden am Tag können Angehörige im Stifter-Heim Versorgungsmittel am Eingang abstellen. Die Pflegekräfte leiten sie weiter. „Bitte haben Sie Verständnis, dass unser Personal keine Zeit für Diskussionen hat“, steht auf einem Plakat vor der Einrichtung. „Das ist schlimm“, sagt Andrea Strunz. Sie steht am Eingang, um Getränke für ihre Mutter abzugeben und Wäsche abzuholen. „Aber es ist das Beste für alle.“
Vereinzelt habe es Verstöße gegen Auflagen gegeben, hätten sich drei, vier Bewohner mit Angehörigen getroffen. „Das können wir kaum unterbinden“, so Hubert Forster, in dessen Haus über 240 Menschen im betreuten Wohnen oder in der Pflege sind. Er ist froh, dass die meisten Bewohner und Angehörigen die Auflagen akzeptieren. „Die schrittweise Verschärfung hat das sicher erleichtert.“
Fast alle sozialen Kontakte sind weggebrochen, kein Friseur, keine Fußpflegerin darf mehr ins Haus. „Das trägt nicht zur psychischen Stabilität unserer Bewohner bei“, sagt Steffi Dubnitzky vom AWO-Seniorenzentrum, wo sich 78 Mitarbeiter um 74 Bewohner kümmern. „Unsere kleine Welt ist noch kleiner geworden.“
Noch nie wurde mehr telefoniert. Sozialdienst und Pflegekräfte versuchen Lücken, die durch das Betretungsverbot entstehen, zu schließen. „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unternehmen viel gemeinsam mit den Bewohnern. Zum Beispiel werden Blumengestecke gebastelt“, schreibt Bernhard Rössler, Pressesprecher der Vitalis Gesellschaft für soziale Einrichtungen, die das Haus Mechthild mit 80 Bewohnern und 78 Mitarbeitern betreibt.
„Die Fitteren gehen in den Garten“, sagt Robert Geisberger, geschäftsführender Gesellschafter der Inntal Pflegeheime GmbH, zu der das Pflegeheim Bayerischer Hof mit etwa 80 Bewohnern und eben so vielen Mitarbeiterinnen gehört. Noch seien die Aufgaben zu schaffen, weil die Angehörigen „sehr verständnisvoll“ seien und die Bewohner ruhig bleiben. Geisberger: „Wir sind noch clean, toi, toi, toi! Aber ich weiß nicht, was passiert, wenn das Gesundheitsamt mir 15 Leute in die Quarantäne heimschickt.“
Erste Lücken im Personal zeichnen sich ab. Das Problem mit der Kinderbetreuung konnte weitgehend gelöst werden. „Unsere Mitarbeiterinnen können sich noch mit den Partnern abstimmen. Aber das geht nur, solange der Urlaub reicht“, so Steffi Dubnitzky. Im Adalbert Stifter Seniorenwohnen fällt „eine Handvoll“ der rund 180 Kräfte bereits aus. Sie sind in Quarantäne, weil sie mit Verdachtsfällen Kontakt hatten. Gefahrenquellen gibt es überall. „Ärzte, die später in Quarantäne mussten, waren bei uns im Haus.“ Eine Mitarbeiterin aus der Seniorenbetreuung weise Symptome auf. Bislang sei sie nicht getestet worden, so Forster, „obwohl es doch heißt, dass das Pflegepersonal schnell getestet wird.“
„Das sorgt für Verunsicherung.“ Und die wächst bei den Pflegekräften von Tag zu Tag. Die Mitarbeiterinnen wissen, wie schlecht es um die Versorgung mit Schutzausrüstung bestellt ist. Steffi Dubnitzky: „Sie haben keine Angst um sich, aber um ihre Angehörigen, manche mit Vorerkrankungen, die sie nicht anstecken wollen.“
Keine Schutzmasken und Schutzkittel
Organisatorisch haben sich die Heime aufgestellt für den Fall, dass eine Infektion im Haus bestätigt wird. Seit Wochen wird an Pandemie-Plänen gearbeitet. Mitarbeiter kommen in diesem Fall in häusliche Quarantäne, Bewohner werden in einem vorbereiteten Bereich isoliert, heißt es von der Vitalis. „Unsere drei Gebäude werden dann voneinander abgeschottet“, so Forster.
Die Leiterin des AWO-Seniorenzentrums malt für den Fall einer oder gar mehrerer Infektionen dennoch ein düsteres Szenario an die Wand: „Die erste Ressource, die uns dann ausgeht, sind die Materialien, Mundschutz, Desinfektionsmittel, Ganzkörperkittel. Die zweite Ressource, die wegbrechen wird, sind die Mitarbeiter, die in Quarantäne oder krank sind.“ Bei der Ausrüstung fehle es nahezu an allem, so Dubnitzky. Desinfektionsmittel reiche noch bis nächste Woche. „Wir nutzen alle Möglichkeiten und Quellen, um an Ausrüstung zu kommen.“ FFP2- und FFP3-Atemschutzmasken seien bestellt. „Keiner kann sagen, wann sie kommen.“ 50 bis 60 Schutzkittel seien noch vorhanden. Ganzkörperschutzanzüge „haben wir gar nicht“.
Seit einer Woche wartet Hubert Forster auf FFP 2-Masken. „600 Stück kosten 7000 Euro.“ Mitarbeiter haben nach seinen Worten damit begonnen, einen einfachen Mundschutz selbst herzustellen. „Das ist besser als nix.“ Vollschutzanzüge? Auch im Adalbert Stifter Seniorenwohnen Fehlanzeige.
Etwas günstiger stellt sich die Versorgungslage laut Pressesprecher Rössler in St. Mechthild dar. Die Gesellschaft habe die Lagerbestände frühzeitig erhöht. Rössler sagt aber nichts dazu, wie voll die Lager sind und wie lange die Ausrüstung reicht. Auch er spricht von einer „großen Herausforderung“.
Von einem „Albtraum“ spricht Robert Geisberger. „Nicht nur der Bayerische Hof sucht Schutzausrüstung, sondern die ganze Welt.“ Er habe im Online-Handel noch Desinfektionsmittel und einfachen Mundschutz organisieren können. Wie lange sie im Fall X reichen, weiß er nicht. Eins weiß er: Die Kosten für Atemschutzmasken „sind explodiert“. Geisberger: „Wer damit in dieser Situation Geld machen will, gehört eingesperrt.“