An der Stadtgeschichte mitgeschrieben

von Redaktion

Waldkraiburg wird 70 – Zeitzeugin Christl Suckfüll erinnert sich an die Gründerjahre

Waldkraiburg – An das Jahr 1960 erinnert sich das Ehepaar Suckfüll noch recht gut, an den Juni, als die gesamte Bevölkerung Waldkraiburgs die Stadterhebung feierte. „Wir kamen aus den Festivitäten gar nicht mehr heraus, denn im Januar hatten wir in der katholischen Bunkerkirche geheiratet und wenig später im Knusperhäuschen zünftig gefeiert“, erzählt Christl Suckfüll.

Wenn die Waldkraiburgerin zurückblickt, ist das davor liegende Jahrzehnt für sie noch recht gegenwärtig, denn in diesen Jahren wurde Waldkraiburg die zweite Heimat der Familie. Nach der Vertreibung aus Braunau im heutigen Tschechien zog die damals Zwölfjährige mit Mutter und Bruder 1950 nach vierjährigem Aufenthalt im ländlichen Taufkirchen in eine 48 Quadratmeter große Wohnung am Schönhengstweg.

Ihr Vater war Lehrer
im Holzlager und seit
1952 Gemeinderat

Ihr Vater Rudolf Weisser, erst 1948 aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt, war am 1. April 1950 als Lehrer in Waldkraiburg eingestellt worden und unterrichtete in der Schulbaracke des Pürtner Holzlagers.

Nicht nur das war für die Familie eine freudige Tatsache: Das geschäftige Treiben in dem Ort wirkte ansteckend, „denn mit vollem Einsatz wurden von den Heimatvertriebenen die vorhandenen DSC-Bunker zu Wohnungen, Werkstätten und Büros umfunktioniert“, erzählt Christl Suckfüll. Und das in einem Ort, auf den man zu Recht stolz war, denn er durfte sich seit dem 1. April 1950 Gemeinde Waldkraiburg nennen.

Rudolf Weisser wollte mithelfen, diese seine neue Heimat mitzugestalten. Im Jahr 1952 wurde er in den Gemeinderat gewählt und gehörte ihm in diesen Aufbaujahren bis 1972 an. Eng habe er mit dem damaligen Gründungsbürgermeister Hubert Rösler zusammengearbeitet. Suckfüll: „Rösler war der Planer Waldkraiburgs.“ Bis heute bedauert sie, dass an Rösler keine Straße im Stadtgebiet erinnert.

„Tscherwitschke &
Co.“ – der Laden in
der Feuerwache

Auch Mutter Weisser war nicht untätig und trug, wie damals üblich, durch Näharbeiten ihren Teil zum Haushalt bei.

Wie viele Heimatvertriebene war man stolz darauf, sich eine eigene Existenz aufzubauen. Und so nahm der Vater einen Kredit auf und man erweiterte das Erdgeschoss des Feuerwehrturms mitten im Ort zu einem Geschäft für Haushalts- und Eisenwaren.

Onkel Oswald hatte einen erheblichen Anteil dazu beigetragen und am 7. Mai 1954 fand die Eröffnung des Ladens „Tscherwitschke & Co.“ statt: „Der Tscherwitschke an der Ecke handelt ja mit jedem Drecke“ wurde zum Anziehungspunkt in der aufstrebenden Gemeinde.

Christl, geborene Weisser, sollte das Geschäft übernehmen und wie der Zufall manchmal spielt, hatte sie bei ihrer Ausbildung auf der internationalen Eisenhändlerfachschule in Wuppertal Erich Suckfüll kennen und lieben gelernt. Er entstammt einer alteingesessenen Münchner Geschäftsfamilie und fand sofort Gefallen an der jungen Stadt: „Ja was dad i denn no in München?“

Schwiegervater Weisser vergrößerte für ihn die Eisenwarenabteilung um einen Raum, sodass man in den Sommermonaten 1960 nicht nur die Stadterhebung, sondern auch die Erweiterung des Ladens feiern konnte. 1969 wurde der Grund zwischen der Metzgerei Pichlmeier und dem Haus Stadtplatz Nr. 1 mitsamt dem alten Feuerwehrturm dazugekauft und es entstand ein im wahrsten Sinn „herausragendes Suckfüll-Zentrum“, das nach dem Wunsch von Altbürgermeister Hubert Rösler den Namen „An der alten Feuerwache“ behalten sollte.

Noch jahrelang wurde dort an Silvester zur Freude der alteingesessenen Waldkraiburger das neue Jahr mit einem Blaskonzert begrüßt.

Aufbruch 1950: Vor 70 Jahren wird die erste Vertriebenengemeinde der Bundesrepublik gegründet

Nein, das ist kein Aprilscherz. Die Stadt Waldkraiburg wird heute 70. Am 6. April 1950 wurde die Gemeinde, als erste Vertriebenengemeinde in der Bundesrepublik gegründet, rückwirkend zum 1. April. Damals begann eine Gemeinde- und Stadtgeschichte, die sich von der vieler anderer Kommunen in Bayern unterscheidet. Waldkraiburg hat einen eigenen Weg eingeschlagen. Und wohl nur wenige Vordenker und Visionäre haben 1950 erwartet, was aus diesen bescheidenen Anfängen hervorgehen würde. Schon zehn Jahre später wurde Waldkraiburg zur Stadt erhoben.

Der 70. Geburtstag wird nicht groß gefeiert. Erst in fünf Jahren stehe ein richtiges Jubiläum an, heißt es aus dem Rathaus. In Zeiten von Corona würden große Feierlichkeiten ohnehin nicht in die Landschaft passen.

Die Waldkraiburger Nachrichten nehmen das Datum dennoch zum Anlass für eine ausführliche Berichterstattung. Eine Zeitzeugin erinnert sich an die erste Dekade: Christl Suckfüll, deren Vater Gemeinde-, später Stadtrat war und deren Familie ein legendäres Haushaltswarengeschäft im alten Feuerwehrhaus betrieb – der Turm ist im Volksmund als „Suckfüll-Turm“ bekannt. Bürgermeister Robert Pötzsch hat aus gegebenem Anlass sogar drei Wünsche für Waldkraiburg frei.

Und auf der folgenden Seite schaut Manuel Schwanse, ein junger Waldkraiburger, der in München lebt, aber der Stadt bis heute verbunden blieb, von draußen auf den Jubilar. Die Zeitung schaut zurück auf das Gründerjahr. Und Bürger und Politiker verraten, was sie Waldkraiburg zum Geburtstag wünschen.hg

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