„Wir wollen hier Wurzeln schlagen“

von Redaktion

Wie die erste Vertriebenengemeinde in der Bundesrepublik ins Leben gerufen wurde

Waldkraiburg – Waldkraiburg 2020 – dort, wo nach dem Krieg ein ehemaliges Rüstungswerk samt Barackenlager im Wald stand, breitet sich heute eine Stadt mit über 25000 Einwohnern, erfolgreichen Unternehmen, einer entwickelten Infrastruktur, Schulen, Sozial-, Sport- und Kultureinrichtungen aus. War das vor 70 Jahren vorstellbar?

Architekt als
erster Bürgermeister

Vermutlich haben diese Entwicklung nur wenige für möglich gehalten, Männer wie Hubert Rösler, Architekt aus Nordböhmen, der im Auftrag der Regierung schon im Jahr 1947 einen Siedlungs- und Wirtschaftsplan für eine Stadt mit 12000 Einwohnern erarbeiten sollte.

Rösler, der später zum ersten Bürgermeister Waldkraiburgs gewählt wurde, zählte zu den treibenden Kräften der Gründung der neuen Gemeinde. Und mit ihm die Industriegemeinschaft, eine Vereinigung von Unternehmerpersönlichkeiten, die mit ihrem Know-how und Pioniergeist zusammen mit vielen hervorragend ausgebildeten Arbeitskräften aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten nach Bayern gekommen waren.

Seit 1946 fanden Flüchtlinge und Vertriebene im Werk Kraiburg und den dazugehörigen Barackenlagern eine neue Bleibe, die sie durch harte Arbeit zur neuen Heimat machen sollten.

Die Zuzügler nehmen ihre Geschicke selbst in die Hand, drängen bald und gegen manche Widerstände auf Eigenständigkeit, auf eine selbstständige Gemeinde. Mit ihrer Hartnäckigkeit und dem wirtschaftlichen Potenzial überzeugen sie schließlich die Politik und die Ministerialbürokratie in München.

Auf den 6. April 1950 ist die Entschließung des Bayerischen Innenministeriums über die Bildung der neuen Gemeinde Waldkraiburg, der ersten Vertriebenengemeinde Deutschlands, datiert. Mit Wirkung vom 1. April werden ihr Flächen der Nachbargemeinden Aschau, Fraham, Heldenstein und Pürten zugeschlagen sowie staatliche Forstflächen, insgesamt 619 Hektar.

Freistaat bewilligt
15000 Mark

Für die Einrichtung der Gemeindeverwaltung bewilligt der Freistaat 15000 Mark. Waldkraiburg geht mit einer zweiklassigen Schule für 240 Kinder, einem Kindergarten, einem Notkirchenraum, einer Gaststätte, einem Lichtspieltheater an den Start. Wasserversorgung, Kanalisation, Elektrifizierung stammen noch aus der Kriegszeit. Sogar ein Friedhof ist angelegt, ein Zweigpostamt, eine Sparkassen-Zweigstelle, ein Landpolizeiposten vorhanden. Und 114 Handwerks-, Industrie- und Gewerbebetriebe, fast alles Flüchtlingsfirmen, mit 1200 Beschäftigten und einem Gesamtumsatz von 18 Millionen Mark.

Am 21. Mai 1950 ist Gemeinderatswahl. Rösler wird Bürgermeister und als solcher bei der Gemeindegründungsfeier zwei Tage später sagen: „Wir wollen hier wirklich Heimat finden, wollen wirklich Wurzeln schlagen. Wir lehnen es darum ab, eine Gemeinde fremder Menschen in Bayern genannt zu werden, weil wir wirklich eine bayerische Gemeinde sein wollen.“

Daten zur Stadtgeschichte

• 23. April 1946: Erster Vertriebenentransport erreicht den Bahnhof Kraiburg und das Lager Pürten.

• 1. April 1950: Waldkraiburg wird als erste Vertriebenengemeinde in der Bundesrepublik Deutschland gegründet. Die Gemeinde hat etwa 1912 Einwohner.

• 14. Juni 1960: Waldkraiburg wird zur Stadt erhoben (8703 Einwohner).

• Januar 1963: Waldkraiburg ist mit über 10000 Einwohnern die größte Stadt im Landkreis.

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