Corona bricht jede Tradition

von Redaktion

182. Riedltreffen fällt aus – Dabei wurde dieser Brauch selbst in Kriegsjahren gepflegt

Kraiburg – Es steht für eine uralte, ungebrochene Tradition wie nur ganz wenige Ereignisse im Landkreis: Das Riedltreffen, das seit 1838 jedes Jahr zur Erinnerung an den glücklichen Ausgang einer Schiffshavarie auf dem Inn die Nachfahren der Familie Riedl aus aller Welt am Kraiburger Schlossberg zusammenführt. Selbst in den Kriegsjahren wurde dieser Brauch gepflegt. Mit Corona wird er gebrochen.

Am 25. April, am kommenden Samstag, sollte das geschichtsträchtige Familientreffen, das wohl bayernweit seinesgleichen sucht, wieder in Kraiburg stattfinden. 160 Einladungen hatte Dr. Martin Berg, einer der Organisatoren, Mitte März verschickt.

Gut und gerne 500 Familienmitglieder, die über die halbe Welt verstreut sind, werden auf diesem Weg zum Treffen in Kraiburg eingeladen. Doch diesmal wird niemand anreisen. Keine Woche, nachdem die Einladungen draußen waren, verkündete Ministerpräsident Söder die Reise- und Ausgangsbeschränkungen wegen Corona.

Selbst in den größten Notzeiten kamen die Riedls zusammen

In der Geschichte des Familientreffens ist das ein gewaltiger Einschnitt. Denn selbst in größten Notzeiten kamen die Riedls zusammen. Nicht Inflation noch Kriege konnte das verhindern. Das geht aus Anwesenheits- und Stammbüchern hervor, die die Geschichte dieser Tradition dokumentieren. Selbst 1918 – im letzten Kriegsjahr nach einem Hungerwinter – wurde das 80-jährige Jubiläum mit einem Gottesdienst und dem Treffen begangen.

Und auch in den Jahren des Zweiten Weltkriegs war das so. Für 1944 heißt es dazu in dem Jahrbuch „tief im Kriege, aber der alten Ahnen immer eingedenk“ habe man den Brauch gepflegt. Nur ein Jahr später, amerikanische Soldaten standen schon in Bayern, fehlt ein Eintrag. „Infolge der Kriegswirren“, insbesondere wegen der Tiefflieger- und Bombenangriffe gab es kein offizielles Treffen. Martin Berg geht allerdings fest davon aus, dass auch damals einige Kraiburger Nachfahren am Georgitag in Erinnerung an die Tradition zum Schlossberg hochgestiegen sind.

Selbst das ist in Zeiten der Corona-Krise nicht möglich. Auch Martin Berg wird heuer nicht aus München anreisen. Der 64-jährige Historiker hat das Treffen abgesagt, „in der Hoffnung, dass wir uns 2021 in einer wesentlich entspannteren Situation wieder sehen können. Jedenfalls haben wir das in der Planung“, sagt Berg, der vorsichtig geworden ist und deshalb hinzusetzt: „Wenn dann Veranstaltungen mit bis zu hundert Personen wieder zugelassen sind.“

Die wundersame Rettung eines Schiffzugs und das Gelübde des Johann Georg Riedl

Das Treffen der Familie Riedl geht auf ein Gelübde des Neuöttinger Schiffmeisters Johann Georg Riedl (1801 bis 1876), einem gebürtigen Kraiburger, zurück. Dessen Schiffszug, der schwer mit Getreide beladen war, drohte am 28. April 1832 bei Hochwasser auf dem Inn unterzugehen. Kurz vor der Brücke in Braunau riss ein Zugseil.

Die Schiffe trieben führungslos den Fluss hinunter und drohten an einem Brückenpfeiler zu zerschellen. In höchster Not versprach Riedl, im Falle einer glücklichen Rettung eine Kapelle auf dem Kraiburger Schlossberg zu erbauen. Wie durch ein Wunder kamen die Schiffe heil an den Brückenpfeilern vorbei. Mannschaft und Ladung waren gerettet.

Johann Georg Riedl hielt sein Gelübde und machte sich an den Bau der Kapelle. Doch weil auch damals die Mühlen der Bürokratie bei Bauangelegenheiten manchmal langsam mahlten, dauerte es noch vier Jahre, bis der Stifter im Mai 1836 die Baugenehmigung von König Ludwig I. erhielt. Am Georgitag, dem 24. April 1838, wurde das Kirchlein auf dem ehemaligen Burg- und Schlossberg eingeweiht. Ein Stück des zerrissenen Zugseils hängt bis heute in der Kapelle, die weit ins Inntal hinaus grüßt und als Wahrzeichen des Marktes gilt. Mit der Einweihung begann die Tradition der Familientreffen. Bis heute kommen Nachfahren aus der Neuöttinger, der Kraiburger und der Mühldorfer Linie der Riedls an einem Wochenende rund um den Georgitag zusammen, um hier in Erinnerung an die wundersame Rettung einen Gottesdienst auf dem Schlossberg zu feiern und die Kontakte zur weitläufigen Verwandtschaft zu pflegen. Die Teilnehmer reisen nicht nur aus der Region, aus Österreich und Norddeutschland an, sondern aus vielen anderen Ländern und sogar aus Übersee, aus Brasilien, Kanada oder den USA. 60 bis 80 Gäste kommen in der Regel zu diesen Treffen, 200 bis 300 sind es in Jubiläumsjahren. Riedls, die mit dabei sein wollen, müssen ihren Stammbaum nachweisen. Mit den Freunden vom Kulturkreis Kraiburg, der die Veranstaltung unterstützt, und den Bruderschaften der Schifferleute aus Neubeuern, Nußdorf und Wasserburg in ihrer Tracht sind aber auch andere Namen vertreten. Das Gelübde war mit einer Armenspende verbunden. 150 Brotwecken aus Weizenmehl sollten jedes Jahr an Bedürftige ausgegeben werden. Bis heute wirkt das nach. Am Ende des Gottesdienstes werden Brotweckerl verteilt, die die Pfarrei spendet.hg

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