Gefangen in den eigenen vier Wänden

von Redaktion

Opfer häuslicher Gewalt tun sich schwer, während der Corona-Krise Hilfe zu suchen

Waldkraiburg – Experten sind sich einig: Die Lage von Opfern häuslicher Gewalt wird sich durch die Corona-Krise verschärfen, weil sie aufgrund der Ausgangsbeschränkung auf sich gestellt sind. Im Landkreis ist davon bislang nur wenig zu spüren. Es könnte die Ruhe vor dem Sturm sein.

„Zu Hause bleiben“ – so lautet seit Wochen der Appell an alle, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Was aber, wenn das eigene Zuhause der schlimmste Ort ist, den man sich vorstellen kann? Ein Ort ist, an dem man immer wieder Opfer von Gewalt wird, von Menschen, denen man eigentlich vertraut? Gleichzeitig fehlen die sozialen Kontakte, die Opfern häuslicher Gewalt Mut machen, sich Unterstützung zu suchen. Bei Konflikten sind die Opfer aktuell auf sich gestellt, können der Situation nur schwer entfliehen und sich Hilfe suchen.

Nur zwei neue
Fälle bekommen

„Seit der Ausgangsbeschränkung haben wir zwei neue Fälle bekommen“, sagt Manuela Christ-Gerlsbeck vom Verein „Frauen helfen Frauen“. Das sei weniger als üblich. Doch hinter den verschlossenen Türen kann sich ein ganz anderes Bild abzeichnen, das sich aber erst zeitversetzt zeigen wird. „Die Frauen können keinen Kontakt zu uns aufnehmen, solange der Täter permanent zu Hause ist.“ Den Telefonhörer in die Hand zu nehmen, während der Täter im Zimmer nebenan sitzt, ist einfach nicht möglich. Sich die Zeit für ein Beratungsgespräch zu nehmen, fällt dem Täter auf. Weil die öffentlichen Verkehrsmittel nur eingeschränkt fahren, wird der Weg nach Waldkraiburg noch schwieriger.

Sobald sich aber die Corona-Situation entspanne und eine halbwegs geregelte Normalität wieder möglich sei, werden sich die Frauen Hilfe suchen. Davon geht Manuela Christ-Gerlsbeck fest davon aus. Aus der Erfahrung weiß sie, dass es nach den Sommer- und Weihnachtsferien immer einen leichten Anstieg bei den Fallzahlen gebe. Sie sieht aber auch ein Stadt-Land-Gefälle: Im ländlichen Raum gebe es keine so „eklatante Wohnsituation“, was die Situation in den Familien entspannen könne.

Birgit Heller vom Weißen Ring Mühldorf schätzt die Lage ähnlich ein. „Die große Welle wird erst kommen, wenn sich die Situation wieder lockert und alles abebbt.“ Der Verein unterstützt Opfer von krimineller Gewalt, begleitet die Menschen bei Terminen und versteht sich als Lotse im Hilfesystem. Opfer könnten ihrer momentanen Situation nicht entfliehen, wenn der Täter die ganze Zeit zu Hause ist.

Nicht abzusehen sei, welchen Weg die Opfer nach dem Ende der Corona-Krise gehen: „Melden sie sich bei einer Beratungsstelle oder machen sie den Kreislauf der Gewalt erst einmal mit?“, sagt Birgit Heller. Auch ohne Corona-Krise gebe es eine hohe Dunkelziffer, viele Opfer würden ihre Anzeige bei der Polizei wieder zurückziehen.

Ein erhöhtes Fallaufkommen kann bislang auch die Polizei nicht feststellen. Inwiefern Gewaltvorfälle, die während der Ausgangsbeschränkung stattgefunden haben, erst zu einem späteren Zeitpunkt angezeigt werden, müsse abgewartet werden, schreibt das Bayerische Innenministerium in einer Pressemitteilung. Unabhängig von Corona: Opfer können sich jederzeit an den Notruf oder eine Polizeidienststelle wenden. Die Polizei werde konsequent gegen häusliche Gewalt vorgehen.

Sozialsystem
gefordert

Wer Opfer von Gewalt wird, ist auch während der Corona-Krise nicht allein. Der Frauennotruf und der Weiße Ring sind auch weiterhin erreichbar. „Unsere Beratungsstelle ist momentan zwar nur telefonisch besetzt, aber wir haben am Eingang Zettel mit unserer Nummer hinterlegt. Es fehlt bislang kein einziger“, sagt Manuela Christ-Gerlsbeck. Der Frauennotruf geht neue Wege, um Kontakt mit den Frauen aufzunehmen. Aushänge bei Metzgern und Bäckern sollen auf das Angebot aufmerksam machen, aber für Manuela Christ-Gerlsbeck ist das nur „suboptimal“. „Ob jemand vor Zeugen einen Abriss mit der Nummer des Frauennotrufs mitnimmt, ist fraglich.“ Ab Mai ist die Beratungsstelle möglicherweise wieder einen Tag pro Woche persönlich besetzt.

Die Beratungsstellen werden im Nachgang zur Corona-Krise in den nächsten ein bis zwei Jahren vermehrt Fälle betreuen, davon geht Christ-Gerlsbeck aus. „Das Sozialsystem wird mehr gefordert sein und gut damit umgehen müssen. Das muss nachhaltig sein und kann nicht mit einer Regelwerk-Ausstattung passieren.“

Beratungsstellen für Opfer

Die große Welle wird erst kommen,

wenn sich die Situation wieder lockert.

Birgit Heller, Weißer Ring

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