Ich hätt‘s so gern stinknormal

von Redaktion

„Normal“. Früher, vor gar nicht langer Zeit, war dieses Wort eher negativ belastet. Im Sinne von stinknormal, langweilig, nicht schillernd genug. Routine, Alltag halt. „Normalität“ – was hat dieses Wort heute für einen Klang! Hör ich es nur von fern, leuchten schon die Augen. So ändern sich die Zeiten. Sogar im Urlaub hat sie mir gefehlt, die Normalität. Was hätte ich dafür gegeben, nach einer schönen Radtour gemütlich einzukehren auf eine einfache Brotzeit.

Auch seit ich wieder am Schreibtisch in der Redaktion der Waldkraiburger Nachrichten sitze, allein, nur über Fonie mit Kollegen im Homeoffice verbunden, lechze ich nach einem kleinen Stückchen Normalität. Einer Stadtratssitzung zum Beispiel. Man gönnt sich ja sonst nichts in diesen Tagen.

Aber normal hat sich auch das nicht angefühlt am Dienstag dieser Woche, als vor dem Stadtsaal Mund-Nasen-Masken verteilt und auf Abstand geachtet wurde. Dort, wo sonst 600 Leute sitzen, war gerade noch genug Platz für 30 Stadträte, ausgesuchte Verwaltungsmitarbeiter und höchstens 40 Zuhörer.

Und die Tagesordnung war für die letzte Sitzung einer Amtsperiode unnormal umfangreich. Pickepackevoll mit 44 Punkten, weil alle Ausschüsse davor Corona zum Opfer gefallen waren. Nicht einmal die zwölf Stadträte, die ausscheiden, konnten richtig, normal halt, mit einem kleinen Umtrunk nach der Sitzung verabschiedet werden.

Nix ist mehr normal, wenn alles ausfällt, vom weltberühmten Oktoberfest in München bis hin zum fast ebenso traditionsreichen kleinen Treffen der großen Riedlfamilie in Kraiburg, das sogar den Kriegszeiten getrotzt hat. Wenn jede Tradition bricht, wird erschreckend deutlich, wie lange es noch dauern kann, bis wieder Normalität einkehrt und das Leben so aussieht wie vor Corona.

Eins dämmert uns freilich allen: Das Normale, das wir für so selbstverständlich gehalten haben, ist wieder etwas wert. Selbst der Waldkraiburger Einzelhandel, über den wir doch so gerne und regelmäßig jammern, erscheint nach fünf harten ladenlosen Wochen in einem anderen Licht.

Ich weiß schon länger, dass ich gerne in Buchhandlungen gehe. Aber wie sehr und wie lange man sich drauf freuen kann, mal wieder in einem Buchladen zu stöbern, war mir nicht wirklich klar. Das wird was am nächsten Montag. So schön. Und dabei so normal.