Die Diskussion ums Waldbad ging an die Nieren

von Redaktion

Sieben ausscheidende Waldkraiburger Stadträte und Stadträtinnen ziehen Bilanz

Waldkraiburg – Die Corona-krise überschattet auch die Stadtpolitik. So ist es kein Wunder, dass die scheidenden Stadträte ihre Nachfolger nicht beneiden. Schwierige Entscheidungen hatten auch sie zu treffen, vor allem die Diskussionen ums Waldbad ging an die Nieren.

Andreas Knoll (53/SPD/seit 2002): „Es war mir eine Ehre für die Stadt zu arbeiten“, sagt Andreas Knoll, der mit dem im Vorjahr verstorbenen Gerd Ruchlinski „ein gutes Gespann“ in Bauangelegenheiten bildete. Wegen Spannungen in der Fraktion und aus beruflichen Gründen konnte er außerhalb der Gremien nicht so präsent sein, wie er das für nötig halte. „Deshalb habe ich aufgehört.“ Die öffentlichen Diskussionen ums Waldbad habe er als „sehr belastend“ erlebt. „Dass man sich sagen lassen musste, kein Waldkraiburger zu sein, wenn man nicht für den Erhalt am Standort ist“, geht ihm bis heute nach, so Knoll, der auch nach dem Scheitern eines gemeinsamen Neubaus mit Aschau glaubt, dass „das der bessere Weg gewesen wäre“. Bereut habe er die Kandidatur nie. „Trotz harter Diskussionen sind wir respektvoll miteinander umgegangen.“ Eine der wichtigsten Aufgaben eines Stadtrates ist aus seiner Sicht, „den Bürgern deutlich zu machen, was warum geht und warum nicht“. Seine Nachfolger beneide er nicht. Durch die Coronakrise „werden die Steuern wegbrechen und alle großen Projekte auf dem Prüfstand stehen“.

Birgit Kozel (37/UWG/seit 2014): Als interessante Erfahrung wird Birgit Kozel die Zeit im Stadtrat in Erinnerung behalten. „Die Zusammenarbeit hat mir Spaß gemacht, gerade bei uns in der UWG.“ Doch seit sie ein Lokal führt, sei die Zeit knapp. Die Tochter des langjährigen SPD-Stadtrats Seidel und Enkelin des 1984 verstorbenen SPD-Bürgermeisters Kriegisch glaubt, dass sie nicht für die Kommunalpolitik gemacht ist. „Ich bin zu ungeduldig. Es wird sehr viel diskutiert, ich mache lieber gleich was.“

Georg Ledig (63/CSU/seit 2002): „Wir dürfen die Geschichte der Stadt nicht vergessen und müssen immer daran erinnern, wer Waldkraiburg aufgebaut hat.“ Die Belange der Vertriebenen und Spätaussiedler und ihrer Vereine zu vertreten, war dem Kreisvorsitzenden des Bundes der Vertriebenen und stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Banater Schwaben ein großes Anliegen. Mit Anneliese Will (SPD) gebe es nur noch eine Stadträtin, die dem Vorstand einer Landsmannschaft angehört. Ledig ist aber überzeugt, dass es bei der guten Zusammenarbeit mit Bürgermeister und Stadtrat bleibt. Er hätte gerne weiter gemacht, verfehlte aber den erneuten Einzug. „Ich habe den Eindruck, dass ehrenamtliches Engagement nicht mehr honoriert wird wie früher.“

Als eines der wichtigsten Themen sieht er die Geothermie an. „Die Kritik daran habe ich nie verstanden. Die Stadt wird noch viel davon haben.“ Das lange Hin und Her ums Waldbad hat ihn geärgert. „Es steht noch immer. So marode kann es nicht sein. Wir hätten zügig ans Sanieren gehen sollen.“

Alexandra Reisegast (48/ UWG/seit 2008): Zwei Amtszeiten hat sie erlebt, die sich wie Tag und Nacht unterschieden. In der ersten Periode war die UWG ein kleines Häuflein, „die CSU hat die Entscheidungen getroffen“. Nach 2014 war die UWG plötzlich bestimmender Faktor in der Stadtpolitik. In der ersten Amtszeit habe sie vergeblich gegen die Erhöhung der Hundesteuer von 25 auf 100 Euro gekämpft. „In der zweiten haben wir, finde ich, viel erreicht.“ Besonders emotional war für das Vorstandsmitglied der VfL-Schwimmabteilung die Entscheidung zum Waldbad. „Eine wichtige Erfahrung: Man braucht als Stadträtin ein Rückgrat. Man muss lernen, nicht umzufallen, sondern seine Meinung zu vertreten, auch wenn es Kritik gibt.“

Ein spätes Bekenntnis: Mit dem Baurecht sei sie nie warm geworden. Trotzdem will sie ein mögliches Comeback nicht ausschließen.

Bernd Sottek (58/CSU/seit 2008): „Es ist wichtig, dass der Stadtrat sich verjüngt.“ Der Filialeiter einer Firma macht den Platz frei, vor allem weil die berufliche Belastung zuletzt zu groß wurde. „Ich beneide keinen unserer Nachfolger. Durch die Corona-Krise kommen furchtbar harte Zeiten auf den Stadtrat zu“, sagt der Vorsitzende des Rechnungsprüfungsausschusses. Er freut sich über die Fortschritte beim Tierheim-Neubau, glaubt auch, dass sich bei der Organisation der vielen Baustellen im Stadtgebiet einiges verbessert habe, was ihm ein wichtiges Anliegen war. Sein Fazit fällt nüchtern aus: „Man kann als einzelner Stadtrat zu wenig bewegen.“ Bereut habe er seine Kandidatur aber nie: „Wir haben viele Projekte angepackt.“

Alexander Will (66/SPD/seit 2017): „Es hätte mich schon noch gejuckt“, sagt Alex Will, der als Nachrücker für Reinhard Babiak nur ein kurzes Gastspiel gab, aber den Wiedereinzug verfehlte. An Themen hätte es dem Taxifahrer, der sein Ohr am Bürger hat, nicht gefehlt: Beim ÖPNV/Stadtbus sehe er schwarz, die extreme Bauverdichtung störe ihn, weil zu wenig an sozialen Wohnungsbau gedacht werde, beim Waldbad sei er gespannt, was wegen der Corona-Folgen noch rauskommen kann. Seinen Nachfolgern wünscht er, dass sie Hunderte von Seiten starke Haushaltsordner und Baugutachten nicht erst zwei bis drei Tage vor der Sitzung bekommen, um sie durchzuarbeiten. Als Polit-Berater könnte Will Zukunft haben, seine Frau gehört weiter der SPD-Fraktion an.

Rainer Zwislsperger (60/CSU/ seit 2002): Für sein Fach brachte der Polizeibeamte Kenntnisse und Kontakte mit: Acht Jahre lang war er Verkehrsreferent, „einer von 12000 bis 13000 in Waldkraiburg“, wie er lachend sagt. Denn ein bisserl was hat der Posten gemein mit dem Fußball-Bundestrainer. Alle reden mit, und alle wollen mitgenommen werden. Er habe sich darum bemüht, viele berechtigte Anliegen aufzunehmen. Während er sich freut, das es mit dem Ausbau der Staatsstraße 2091 bis zur Pürtner Kreuzung endlich was wird, bedauert er, dass die Ortsumfahrung Pürten nicht vorangekommen ist. Kritisch sieht er, dass viele Projekte, die Jahr für Jahr im Straßenbauprogramm stehen, weiter auf Realisierung warten, „weil die Millionen, die eingestellt wurden, als Spargroschen herhalten mussten.“

„Es waren total spannende Jahre“, sagt er im Gefühl, den richtigen Zeitpunkt für den Absprung erwischt zu haben. Persönliche Gründe waren entscheidend. Mit seiner Frau möchte er mehr reisen, Tochter und Enkelkind in Finnland besuchen. Bei der Feuerwehr, als Stadtführer werde er weiter ehrenamtlich tätig sein. „Und wenn ich Zeit habe, gehe ich als Zuhörer in den Stadtrat. Mit so vielen Parteien wird es richtig spannend.“hg

181 Sitzungen

3042 Tagesordnungspunkte haben Stadtrat und Ausschüsse von 2014 bis 2020 in 181 Sitzungen abgearbeitet, sagte Bürgermeister Robert Pötzsch in der letzten Sitzung, in der er sich bedankte. Die längste Sitzung zum Thema Waldbad dauerte fünf Stunden.hg

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