Waldkraiburg – Pauline Pichlmairs Blick geht immer weltwärts. Die 23-jährige Studentin aus Waldkraiburg ist seit Schulzeiten immer und überall unterwegs. Die Grenzschließungen im Zuge der Corona-Krise haben die junge Weltenbummlerin, die seit Januar Marokko als Yoga-Lehrerin in einem Surfcamp gejobbt hatte, daher besonders hart getroffen. Auch in Marokko wurde der Notstand ausgerufen. Die deutschen Staatsbürger mussten evakuiert werden. Die Heimreise der 23-Jährigen aus dem Camp in Aourir über den Flughafen Agadir nach München und weiter zu ihrer Familie nach Waldkraiburg wurde zum Abenteuer.
Urlaubsort wurde zur
Geisterstadt – Leute
gingen auf Distanz
Bereits nach dem Abi war sie mit Work & Travel drei Jahre lang durch die Welt gezogen. Das Meer und exotische Orte haben es ihr besonders angetan. Warum also nicht ein marokkanisches Camp mit vielen Nationalitäten, die hier zusammenkommen und -arbeiten. Ein perfekter Platz, um neue Kulturen kennenzulernen, am Strand Sonne zu tanken – und dabei Ideen für den eigenen Blog www.paulinelapetite.com zu sammeln. Reisen und dabei all die wunderbaren Eindrücke in Worte zu fassen, das liebt Pauline Pichlmair.
Apropos Eindrücke. Die Geschichte rund um die Evakuierung aus Marokko wird die Bloggerin nicht so schnell vergessen. Weit weg und nebulös sei das Virus anfangs gewesen. Man habe sich keine Gedanken deswegen gemacht – bis Mitte März plötzlich die Grenzen geschlossen wurden. Es hieß, ab 15. März komme niemand mehr in das Land rein oder raus. „Eigentlich wäre mein Flieger nach Deutschland Mitte April gegangen. So ganz ohne neue Gäste wurde aber fast das gesamte Team im Camp gefeuert“, erinnert sich Pauline, die plötzlich in der unangenehmen Situation war, einen Platz in einem Flugzeug nach Hause zu ergattern. Wie viele tausend weitere Deutsche, die sich gerade im beliebten Urlaubsland an der nordafrikanischen Küste aufhielten. Chaotisch sei es zugegangen. Auch, weil das Auswärtige Amt überfordert zu sein schien. „Eigentlich sollte man sich auf einer Website für Flugtickets registrieren und dann per E-Mail benachrichtigt werden. Es funktionierte nicht.“ Am deutschen Konsulat hing ein Zettel, der auf das Auswärtige Amt in Berlin verwies. Ein Witz.
Abwarten und Teetrinken? Keine gute Idee, befand Pauline. Es wurde immer ungemütlicher in der Gegend. „Aourir wurde zur Geisterstadt. Die Einheimischen, sonst sehr gastfreundlich, waren auf einmal distanziert, ja sogar feindselig gegenüber den Europäern.“ Sie wollte so schnell wie möglich raus.
Mit abenteuerlichen Situationen kann sie umgehen. Also tat sie sich kurzerhand mit fünf Kollegen aus dem Camp zusammen, um auf eigene Faust den Flughafen in Agadir zu erreichen. „Ein Kumpel hatte einen Van am Strand geparkt. Der war plötzlich Gold wert!“ Eine Stunde dauerte die Fahrt zum Flugplatz, etwas außerhalb von Agadir.
Wildes Durcheinander
auf dem Flughafen
in Agadir
Als sie ankamen, waren schon rund 1000 Deutsche da. Es herrschte totales Chaos in der Arrival Hall. Von Sicherheitsabstand keine Rede. Und wieder konnten die Mitarbeiter des deutschen Konsulats der Lage nicht Herr werden. „Eine Person mit einem dünnen Stimmchen ohne Lautsprecher hat versucht, Registrierungszettel zu verteilen. Es war ein wildes Durcheinander ohne System.“ Pauline schüttelt mit dem Kopf. Dabei sollten an dem Tag nur zwei Flieger kommen, wo vorrangig Pauschalreisende, alte Leute und Familien mit Kindern untergebracht wurden.
Keine Chance. „Man wusste nicht, ob man lachen oder weinen sollte. Einer der wartenden Gäste hat Gitarre gespielt. Alle waren wir am Ende des Tages fertig.“ Surreal sei das Ganze gewesen.
Was nun? Inzwischen wurde in Marokko der Notstand ausgerufen, die Hotels und Gaststätten waren dicht und ins Camp konnte die Gruppe auch nicht mehr zurück. Um im Van zu schlafen, sei man samt Gepäck einfach zu viele gewesen. „Wir haben uns dazu entschlossen, mit einem Taxi nach Agadir zu fahren und irgendwo eine Bleibe zu suchen…“ Wieder ein Abenteuer, das mithilfe von etwas Schmiergeld glücklicherweise in einem Hotelzimmer seinen Ausgang nahm. „Es war alles wie in einem schlechten Film!“
Am nächsten Vormittag wieder am Flughafen. Inzwischen haben die deutschen Touristen die Sache selbst in die Hand genommen, mit Absperrbändern Reihen abgesteckt und die Menge aufgeteilt. Es ging vorwärts. Endlich. Im vorletzten Flieger, der Marokko verlassen hat, saßen dann Pauline und ihre Freude. Auf dem Weg zum Münchner Flughafen. „Plötzlich schien wieder alles ganz normal.“
Aber normal sollte es so bald nicht wieder sein. Das war Pauline schon während des Heimflugs klar. Die Gedanken kreisten: Wann wird sie wieder reisen können? Traurigkeit stellte sich ein. Aber auch Dankbarkeit. „Dass wir uns in der Gruppe hatten, war unglaublich tröstlich.“ Keine Frage. So ein Erlebnis schweißt zusammen. Auch wenn sich die Wege der meisten in München trennten.
Weltenbummlerin
muss vorerst
daheim bleiben
Und obwohl Konsulat und Auswärtiges Amt in dieser Situation überfordert waren, so habe sich Pauline doch nie allein gelassen gefühlt. „Ich habe nie daran gezweifelt, dass man uns da raus holt. Bekannte anderer Nationen waren da vollkommen auf sich gestellt!“
Am Flughafen getestet und in Quarantäne geschickt wurde Pauline übrigens nicht. Kurz nachdem sie zu Hause in Waldkraiburg angekommen war, kam dann auch die Krankheit. Nein, nicht Covid-19. Dafür verschafften sich Magen und Blase ihr Recht. „Es war halt doch ein größerer Druck, der dann abgefallen ist.“ Wann Pauline Pichlmair wieder auf Achse sein wird, steht derzeit in den Sternen. Zeit, um sich auf das Studium zu konzentrieren – und vielleicht ein Buch über die verrückte Zeit in Marokko zu beginnen.