Kraiburg – Er ist nicht wegzudenken aus dem kulturellen Leben der Marktgemeinde Kraiburg: Eduard „Edi“ Kästner. Jahrzehntelang hat er Liedertafel und Kirchenchor dirigiert, ein Freilichtspiel geschrieben und Regie geführt – und den Sportverein geleitet.
Warum sich der 81-Jährige, der im Waldkraiburger Ortsteil Niederndorf lebt, mit so großem Engagement in der Marktgemeinde einbringt? Aus Dankbarkeit. Weil die Kraiburger ihn, der als Bub aus Westböhmen vertrieben wurde, so gut aufgenommen haben damals. Das hat Kästner auch in die Widmung geschrieben, als er sich jetzt ins Goldene Buch der Gemeinde eintrug.
Der Bub aus Böhmen
fand neue Heimat
„Meine Kindheit war geprägt vom bekannten Satz eines Mariengebetes, ‚Gebenedeit bist du unter den Weibern‘“, erzählt Kästner, der 1939 in der westböhmischen Industriestadt Graslitz geboren wurde. „Als Einzelkind war ich von lauter Frauen umgeben. Schon in der Kriegszeit durfte ich in die weite Welt schauen und als Kind öfter die Tante in Prag besuchen.“
Weil ihm nach dem Krieg die amerikanischen Soldaten imponiert hätten, wollte er in den 1950er-Jahren in die Vereinigten Staaten auswandern. Doch daraus wurde nichts. „Jetzt bin ich froh, dass ich in Kraiburg geblieben bin“, schmunzelt er.
Da er schon sehr früh seine Eltern verloren hat, nahm seine Großmutter den kleinen Edi zu sich und bewahrte ihn so vor dem Waisenhaus. Im November 1946 wurden sie aus der Heimat vertrieben und im Viehwaggon außer Landes gebracht. Niemand wusste, wo es hingeht. Seine Urgroßmutter sei in einem anderen Transport einfach aus dem Waggon geworfen worden. „Keiner wusste wo.“
Nach kurzem Aufenthalt im Lager Mettenheim kamen sie am 21. Dezember 1946 in Kraiburg am Marktplatz an. „Für das Weihnachtsmahl hatte meine Großmutter ein Stümpfl gefrorene Kartoffeln gefunden.“
Vielfältige Hobbys
gepflegt
1947 kam er in Kraiburg in die Schule und hat sich über den Sport im Ort gut eingelebt. Der Turnverein, dessen Vorsitzender er später wurde, „hat mir viel Halt gegeben“, denkt Kästner dankbar zurück. Ab 1950 besuchte er das Gymnasium in Mühldorf und studierte nach dem Abitur 1959 Geografie, Wirtschaft und Recht.
1964 feierte er Hochzeit mit seiner Gisela. Drei Kinder machten die glückliche Familie komplett. Und weil es in Kraiburg keinen Platz gab, baute sich die Familie auf der anderen Seite des Inns, im Waldkraiburger Ortsteil Niederndorf, ein Eigenheim. Beruflich ging Kästners Weg 1972 am Mühldorfer Ruperti-Gymnasium weiter, wo er 14 Jahre lang als Seminarlehrer zahlreiche Gymnasiallehrer ausgebildet hat. Von 1992 bis zu seiner Pensionierung 2002 war er Schulleiter in Laufen.
Zwei Chöre
dirigiert
Nebenher hat er mit großer Leidenschaft seine Hobbys gepflegt, „vor allem die Musik“. Von 1972 bis 2014 war er Dirigent der Liedertafel, seit 1966 leitet er den Kirchenchor St. Bartholomäus, dessen Markenzeichen auch die Cäcilienkonzerte sind. Die daraus vor einigen Jahren entstandene weltliche Abteilung – der „I(N)N HARMONY CHORUS“ – leitet er ebenso. Auch das Freilichtspiel um Bischof Bernhard hat er selbst geschrieben und bei der Aufführung 2017 Regie geführt.
Fußball spielt Kästner, der auch bei der Wiedergründung der Fußballabteilung des TV Kraiburg mitwirkte, nicht mehr, gerne aber noch immer Tennis. Weitere Hobbys? Das Filmen und Fotografieren gehören dazu, das Lesen und das Reisen. Bis vor zwei Jahren war der 81-Jährige noch mit dem Motorrad unterwegs und bereiste damit auch die neuen Bundesländer. „Nach dem Tod meiner Frau Gisela im Jahr 2011 hatte ich noch das Glück, eine nette Lebensgefährtin zu bekommen und große Freude bereiten mir auch meine vier Enkelkinder.“
„Du bist ein nachzuahmendes Beispiel, wie man das Schicksal in die Hand nehmen kann. Und eine kulturelle Institution in Kraiburg“, sagt Herbert Heiml. Dem Ex-Bürgermeister war es zum Ende seiner Amtszeit noch ein großes Anliegen, Kästner ins Goldene Buch eintragen zu lassen und so seine großen Verdienste zu würdigen.
Auch den Erhalt der Bischof-Bernhard-Haus-Säle habe Kästner unterstützt, lobte Heiml. „Es wäre ein Kultur-Verrat gewesen, wenn diese nicht renoviert, sondern geschlossen worden wären“, ist der 81-Jährige überzeugt, der als vertriebener Bub kam und sich heute in Kraiburg daheim fühlt. „Hier kann man was bewegen.“