Waldkraiburg – „Wir sind schockiert und müssen das alles erst einmal verarbeiten“ – der Schreck sitzt noch ziemlich tief in den Gliedern bei Adelheid B. (Name von der Redaktion geändert), die am Freitag mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen wurde. 3.30 Uhr zeigte die Uhr, als Beamte der Polizei den Wohnblock mit der Hausnummer 51 in der Böhmerwaldstraße räumten. „Wir haben keine Information erhalten. Nur, dass wir uns in Gefahr befänden und zügig den Polizeibeamten folgen sollten“, berichtet die 68-Jährige von der Evakuierung mitten im Waldkraiburger Stadtgebiet. In jenem Wohnblock, in welchem der mutmaßliche „Bombenleger von Waldkraiburg“, Muharrem D., gewohnt hatte.
„Ein unauffälliger Typ“, beschreibt ihn die 24-jährige Tochter von Adelheid B. Und ihre Mutter ergänzt, „er hat immer recht freundlich auf der Straße gegrüßt!“ Abends habe man ihn oft weggehen sehen, spät in der Nacht sei ihr Nachbar, der erst seit einigen Wochen in der Wohnung nebenan eingezogen sei, heimgekommen.
Zwei Gebäude hat die Polizei in der Nacht von Freitag auf Samstag evakuiert, rund 60 Bewohner aus dem Gebäude, in dem der 25-Jährige wohnte, sowie aus dem Nachbargebäude wurden vorübergehend im Feuerwehrgerätehaus untergebracht. Kommandant Bernhard Vitze erinnert sich, dass er gegen 2.30 Uhr informiert wurde. Zusammen mit dem BRK wurde die Fahrzeughalle leer geräumt und für die Evakuierten vorbereitet; das heißt Feldbetten und Biertischgarnituren wurden aufgestellt. Die Bewohner kamen gegen 4 Uhr morgens und wurden mit Essen und Trinken versorgt. „An Schlafen war natürlich nicht mehr zu denken. Wir waren viel zu aufgeregt. Der Kleine ist heute noch vollkommen durch den Wind“, berichtet Adelheid B. während sie ihrem sechsjährigen Enkel über den Kopf streicht.
Da sie lediglich wussten, dass es sich um einen SEK-Einsatz handelt, waren auch alle Hilfskräfte etwas angespannt. Doch Vitze sagt, die Evakuierten seien ruhig und gefasst gewesen. Gegen 9 Uhr konnten die Bewohner dann in ihre Häuser zurückkehren. Dort hatten die Spezialkräfte der Technischen Sondergruppe mittlerweile die Wohnung des Beschuldigten durchsucht und konnten eine Pistole sowie weiteres Beweismaterial sicherstellen.
Ganz wohl ist der Familie von Adelheid B. bei dem Gedanken nicht. Die Informationen seien in den vergangenen 48 Stunden nur spärlich gewesen. Man habe sich im Internet informiert. Jetzt, da die Hintergründe und der Täter der Anschläge in Waldkraiburg bekannt sind, sei sie zwar erleichtert, dass der IS-Sympathisant hinter Gitter sitze. „Aber die Verunsicherung bleibt!“, sagt die 68-Jährige. Man fühle sich nicht wohl, wenn es an der Haustür klingelt. „Das müssen wir erst verarbeiten!“
Verarbeitet werden auch die Ergebnisse der ersten Vernehmungen. Die Polizei ermittelt, ob es Mittäter oder Mitwisser gebe. Warum er trotz des Besitzes von so vielen Rohrbomben drei seiner Anschläge „nur“ mit Steinen verübt hat, bleibt nach wie vor unklar. Er habe keinen Führerschein besessen und der Transport der Bomben sei ihm deshalb zu mühsam gewesen, soll er ausgesagt haben. Warum Muslime Opfer seiner islamistischen Gesinnung wurden, ist ebenfalls noch nicht klar. Die Ermittlungen dazu gehen weiter.
Während bei der Polizei nach den Hintergründen der Tat gesucht wird, überwiegt in Waldkraiburg die Erleichterung, dass der Täter so schnell gefasst werden konnte. „Wir sind alle froh, egal wer der Täter war, egal welchen Hintergrund er hatte, wichtig ist, er ist gefasst. Die Türken in Waldkraiburg können wieder ruhig schlafen“, sagt Erkan Artuk. Der Inhaber eines Pizzalieferservices, der Ziel des zweiten Anschlags war, spricht stellvertretend für viele andere. Mit großer Erleichterung wird die Festnahme in der türkischen Community Waldkraiburgs aufgenommen. Bei dem Täter soll es sich um des geständigen Muharrem D. handeln. Die Polizei wollte diese Information weder bestätigen noch dementieren.
War es die Tat
eines Einzeltäters?
In das Gefühl der Erleichterung mischt sich aber auch Zweifel, ob wirklich nur ein Täter hinter der Anschlagserie steckt. Viele fragen sich, woher kommen die vielen Bomben, die Schusswaffe. „Natürlich bin ich froh, dass die Serie aufgeklärt ist“, sagt eine Geschädigte. „Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es nur einer war.“
Der Erfolg der Ermittler ist ein Trost für Gerlinde Roth, Inhaberin der Strickwarengeschäftes Juppe in Waldkraiburg. Ihr Laden war vom Brandanschlag so sehr in Mitleidenschaft gezogen worden, dass sie ihn nicht mehr aufmachen wird. Doch sie ist erleichtert, dass der Täter nun gefasst ist: „Vor allem deswegen, weil die wilden Spekulationen rund um die Anschläge nun hoffentlich ein Ende haben!“ Sie wünscht sich, „dass der schnelle Fahndungserfolg Folgetäter abschrecken wird!“.
Auch für Bürgermeister Robert Pötzsch ist es wichtig, dass der Täter so schnell gefasst werden konnte und man in Waldkraiburg wieder „in Ruhe und ohne Angst weiterleben kann“. Er hofft, dass es „tatsächlich ein Einzeltäter war“. Dabei zeigte er sich ziemlich geschockt, zu was ein Mensch fähig sein kann, der „den Tod von Menschen billigend in Kauf nimmt“.
Gleichzeitig hofft er, dass sich keine Nachahmer finden, und ist erleichtert, dass die ganze Sache „ohne politische Nebengeräusche“ über die Bühne gegangen ist. Das sei ein großer Verdienst der „unwahrscheinlich guten Zusammenarbeit von Polizei, Stadt und der türkischen Gemeinde“. Durch viele Gespräche seien die türkischen Mitbürger ruhig geblieben und es habe keine Spontanreaktionen gegeben. Hier sei es sicherlich auch hilfreich gewesen, dass der türkische Generalkonsul seine Landsleute zu Besonnenheit aufgerufen habe. Auch wenn der mutmaßliche Täter gefasst ist, könne man in Waldkraiburg „natürlich jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen“. Man müsse das aufarbeiten und darauf achten, dass zwischen die türkische Gemeinde, die übrigen Bevölkerungsgruppen und die Waldkraiburger Bürger kein Keil getrieben werde. Ziel von Bürgermeister Pötzsch ist es, in nächster Zeit intensiv daran zu arbeiten, das Zusammengehörigkeitsgefühl der Waldkraiburger wieder zu stärken.
Mit „sehr, sehr großer Erleichterung“ reagiert der Vorsitzende der türkisch-islamischen Gemeinde Waldkraiburg auf die Festnahme des Täters. Ahmet Baskent: „Das war und ist alles sehr belastend für uns. Nervenaufreibend.“ Er hoffe, so der Vorsitzende, dass nun wieder Ruhe einkehrt. „Aber wir müssen achtsam bleiben.“ Auch deshalb, weil noch nicht geklärt sei, ob der Täter wirklich allein war. „Wo hat er die Waffe her? Woher hat er seine Kenntnisse mit Sprengstoffen?“
„Zum Täter kann ich gar nichts sagen. Er ist in der Gemeinde nicht bekannt“, so der Vorsitzende weiter.
So viel Hass ist
unverständlich
Bekannte aus Garching beschreiben den 25-Jährigen als Einzelgänger, der durch seine radikale Einstellung anderen Angst gemacht habe. „Die Leute sind ihm aus dem Weg gegangen und haben den Kontakt mit ihm abgebrochen.“ „Dieser Hass, ich verstehe das nicht.“ Ahmet Baskent ist erschüttert über die islamistischen antitürkischen Beweggründe des Mannes. „Das Tatmotiv überrascht mich. Aber es zeigt sich, dass es richtig war, dass die Polizei in alle Richtungen ermittelt hat“, sagt der Vorsitzende der Ditib-Gemeinde.