Waldkraiburg – „Stellen Sie sich Weihnachten vor ohne Christmette und Familienbesuche“, sagt Ahmet Baskent. Der Vorsitzende der türkisch-islamischen Gemeinde Waldkraiburg macht damit deutlich, wie es vielen Muslimen in Corona-Zeiten mit all ihren Beschränkungen im Fastenmonat geht. Der Ramadan (türkisch: Ramazan), der neunte Monat des islamischen Kalenders, steht für die Waldkraiburger Gläubigen in diesem Jahr nicht nur wegen Corona unter ganz besonderen Vorzeichen.
Am Abend des 23. April hat der Fastenmonat begonnen, nur drei Tage später erreichte eine Anschlagsserie auf türkische Einrichtungen mit einer schweren Brandstiftung in der Stadtmitte ihren Höhepunkt. Fürchterliche Angst ging um in der Gemeinde, bis der Täter, der sich selbst als IS-Sympathisant und Türkenhasser bezeichnet, am Wochenende gefasst wurde.
Koranlesung und
Predigten online
„Da bekommt der Ramadan noch mal eine andere Bedeutung“, sagt Baskent. Der Fastenmonat stehe für Toleranz statt Ablehnung, Liebe statt Hass und friedliches Miteinander statt Feindseligkeit. „Man sieht wie nötig Toleranz und Respekt sind“, sagt der 50-Jährige im Blick auf die schlimmen Ereignisse.
Die Gemeinde hofft nun im Ramadan, dieser intensiven spirituellen Zeit, wieder zur Ruhe zu finden. Im Rahmen der Möglichkeiten, die die Corona-Regeln lassen. Denn: „Ramadan – das ist Gemeinschaft. Das Gemeinsame ist Sinn und Zweck“, betonen Baskent und Imam Önder Eyvaz. Ob im Gebet oder beim Essen am Abend, wenn die Sonne untergegangen ist.
In den ersten zwei Wochen war die Moschee ganz geschlossen. Wie die Kirchen auch setzen viele Gemeinden unter dem Dach der „Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion“ (Ditib) auf Online-Angebote. Auch in Waldkraiburg werden Koranlesungen und Predigten des Imam am Nachmittag gestreamt.
Seit Samstag ist die Moschee wieder offen. Die Gläubigen können in der Früh, mittags und am Nachmittag zum Tagesgebet kommen. Unter strengen Auflagen. Ein Mindestabstand von zwei Metern ist einzuhalten, selbstverständlich Mundschutz zu tragen, eine Anmeldeliste zu führen. Alle sensiblen Stellen, ob Rednerpult, Spendenbox oder Mikrofone sind zu desinfizieren. Kinder unter zwölf dürfen sich nicht in der Moschee aufhalten, Senioren über 65 wird empfohlen, zu Hause zu bleiben. Und jeder muss einen eigenen Gebetsteppich mitbringen. Höchstens 20 Personen können teilnehmen.
„Die Leute sind sehr traurig. Manche schauen ab und zu vorbei“, sagt Imam Eyvaz. Aber zu den Gebeten kommen nur sehr wenige. „Die Menschen sind sehr vorsichtig. Auch am Sonntag waren nur zehn Leute da“, so Baskent.
Für das Freitagsgebet wird die Moschee nicht geöffnet. Zu groß wäre der Andrang. „Wenn 100 kommen, muss ich 80 wegschicken. Wen schicken wir nach Hause?“ Auch das tägliche Nachtgebet, dem eine besondere Bedeutung zukommt, muss aus diesem Grund ausfallen. Dafür gibt es keine Online-Alternative, für das Nachtgebet sei die körperliche Anwesenheit nötig, so der Imam.
Wenn am Abend das Fasten gebrochen wird – am heutigen Mittwoch wird es um kurz nach 20.40 Uhr so weit sein –, dann ziehen sich Muslime eigentlich nicht in den kleinen Familienkreis zurück. Sie feiern mit Freunden, Bekannten. Gemeinden laden einander ein. Einmal im Ramadan ist in Waldkraiburg ein großes gemeinsames Essen vor der Moschee. Und ein interreligiöses, interkulturelles Fastenbrechen mit Gästen aus Kirchen und Stadt an einem Abend ist hier seit vielen Jahren eine feste Einrichtung. Gerade heuer, vor dem Hintergrund der Anschlagsserie, hätte es ein besonderes Zeichen dafür werden können, dass die Menschen zusammenstehen.
Fastenbrechen nur in
der Hausgemeinschaft
Doch all das lässt das Virus nicht zu. Baskent: „Alles geht nur in der Hausgemeinschaft.“ Auch das Ramzan-Bayram oder Zuckerfest, das am ersten Tag nach dem Fastenmonat beginnt, heuer am 24. Mai, wird sich von allen vorangegangenen Festen unterscheiden. Das wird nicht das „türkische Weihnachten“ sein, bei dem die Großfamilien zusammenkommen, um die Kinder mit Süßigkeiten und andere Präsenten zu beschenken. Die Männer werden sich nicht in der Moschee versammeln, um zu beten, sich zum Fest zu gratulieren und die Hände zu schütteln. Und die Jungen werden nach dem Essen nicht die Älteren besuchen, um ihnen die Hände zu küssen und die Ehre zu erweisen. Baskent: „Das können wir nicht machen, grade die Älteren sind besonders gefährdet.“