Waldkraiburg – Tausende Bürger haben am Wochenende in ganz Bayern gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert. Auch in Waldkraiburg, wo sich gut 150 Menschen am Volksfestplatz einfanden, um gegen die aus ihrer Sicht unverantwortlichen Entscheidungen der Politik und deren schwerwiegenden wirtschaftlichen und sozialen Folgen zu protestieren. Die Kundgebung, die die Veranstalter am Stadtplatz geplant hatten, musste auf den Festplatz verlegt werden. In der Stadtmitte, das hatte sich bei der ersten Demo am 1. Mai gezeigt, sei es zu eng, so Georg Deibl, Leiter der Polizeiinspektion, am Rand der Veranstaltung.
Impfgegner waren
stark vertreten
Corona hat eine höchst heterogene Protestversammlung zusammengeführt, äußerlich vereint im Verweigern des Mundschutzes, weltanschaulich und politisch breit aufgefächert. Viele vehemente Impfgegner sind darunter, wie die Teilnehmerin, die sich als Susan Otto aus Gars vorstellt. Sie wendet sich „gegen Bevormundung und staatliche Willkür“ und befürchtet, dass den Menschen Impfstoffe aufgezwungen werden, noch ehe diese klinisch erforscht seien. Andere laufen mit T-Shirts gegen „Systemmedien“ und „Lügenpresse“ auf, wollen „Bill Gates keine Chance“ geben, sehen in der Bundesrepublik des Jahres 2020 die „DDR 2.0“, stellen sie in eine Reihe mit der Nazidiktatur oder befürchten, die Politik wolle mit einflussreichen Lobbyisten eine Weltordnung ohne Freiheiten und Grundrechte etablieren.
Andere Teilnehmer propagieren die „Neue Welt“, fordern mehr direkte Demokratie und Gemeinwohlökonomie. Ein städtischer Angestellter reiht sich ebenso ein wie ein ehemaliges Mitglied der Grünen oder Neurechte. Mitveranstalter Paul Werfinger, der vor einigen Jahren gegen das Moscheeprojekt im Industriegebiet Front gemacht hatte, weil er darin „eine Zentrale zur Errichtung eines Islamischen Kalifats“ sah, hat sich ein „Q“ auf das weiße Shirt gemalt. Das Zeichen steht für eine verbreitete Verschwörungstheorie aus den USA.
Rechts? Links? Renate Kiermeier ist das egal. Politik ist nicht ihr Thema, sagt sie. „Ich war noch nie in meinem Leben wählen, weil ich keine Partei finde, die die wirklichen Sorgen der Menschen aufnimmt. Ich bin komplett unpolitisch.“ Die Waldkraiburgerin stellt sich als „besorgte Bürgerin“ vor. Sie hält die Corona-Maßnahmen für völlig unangemessen. „Scheinheilig“ nennt sie die Politiker, weil sie die verheerenden Folgen des Lockdowns ihrer Ansicht nach ausblenden: Arbeitslosigkeit, Firmenpleiten, Selbstmorde, psychische Erkrankungen aufgrund der Isolation, zerrüttete Familien. Die Zahl dieser Opfer sei höher als die Zahl der Covid-Toten. „Die schlimmsten Folgen kommen erst noch auf uns zu.“
Als Mutter, Großmutter und selbstständige Reiseveranstalterin ist Barbara Aumüller-Geigner von den Maßnahmen betroffen. Die Frau aus Schwindegg tritt als Rednerin bei der Demo auf, kritisiert Eingriffe der Politik in die Grundrechte, mangelnde Transparenz der Entscheidungen. Die komplette Wirtschaft sei an die „Wand gefahren worden. Die von der Regierung versprochenen Soforthilfen sind ein Tropfen auf den heißen Stein.“ Die soziale Gesellschaft sei in „allergrößter Gefahr“, sagt sie im Blick auf die Lage an Schulen, Kindergärten, bei überlasteten Familien. Das Infektionsschutzgesetz sei durch den Bundestag gejagt worden. „Unbegrenzte Schutzhaft ist jetzt möglich.“
Wie sie, so weist auch Oliver Lippert, der bei einem örtlichen Industriebetrieb arbeitet, den Vorwurf zurück, bei den Corona-Demos würden Verschwörungstheorien verbreitet. „Unserem Widerstand wird mit Hass begegnet“, sagt Lippert. Die ganze Nation werde „mit Angst und Schrecken durchseucht von der Regierung und den Medien“. Die Maßnahmen entsprechen aus seiner Sicht nicht der Lage und zerstören die Wirtschaftskraft des Landes. „Warum legt man für fünf Prozent der Menschen mit Vorerkrankungen einen ganzen Staat lahm?“, fragt er. „Lieber sollten fünf Prozent gezielt geschützt werden als eine ganze Nation an die Kette zu legen“, so Lippert unter Beifall.
Polizei muss nicht
eingreifen
Nach gut einer Stunde geht die Demo geordnet zu Ende. Mehrmals mussten die Initiatoren auf Veranlassung der Polizei darauf hinweisen, den Mindestabstand einzuhalten. Besondere Vorkommnisse gab es aus polizeilicher Sicht aber nicht.