Waldkraiburg/München – Der Vorfall ging in der vergangenen Woche durch viele überregionale Medien: Ein 62-jähriger Jugendtrainer vom TSV Maccabi München war von einem Mountainbiker im Englischen Garten heftig angegangen und mit antisemitischen Beschimpfungen beleidigt worden. Der jüdische Fußballtrainer ist in Waldkraiburg gut bekannt. Viele Jahre hat Max Brym im Landkreis Fußball gespielt, vor allem aber hat er in jungen Jahren Linksaußen-Politik gemacht und an seinem Image als „Bürgerschreck“ gearbeitet. Im Sinn des Wortes wurde er ein rotes Tuch für die etablierten Parteien.
So heftig die Auseinandersetzungen mit CSU und SPD in den 1970er- und 1980er-Jahren waren, so wenig habe Antisemitismus dabei eine Rolle gespielt. „Ich war der „rote Max“ und wurde deshalb von den bürgerlichen Parteien heftig angegriffen. Das ist normal“, sagt Brym, dem aber auch damals schon Antisemitismus begegnet ist, in der Schule zum Beispiel.
Von antisemitischem Lehrer verprügelt
Bis heute erinnert er sich an einen Vorfall in der vierten Klasse in Waldkraiburg. Als er eine Rechenaufgabe nicht lösen konnte, habe ein Lehrer ihn mit den Worten „Ich dachte, die Juden sind so gescheit“ schwer misshandelt und am Ohr verletzt, sodass er geblutet habe. Als er das dem Vater erzählte, sei der so wütend geworden, dass er den Lehrer vor der Schule abgepasst und verprügelt habe. Natürlich kam es zur Anzeige, doch ein Gerichtsurteil habe es nie gegeben, sagt Brym. Sein Vater sei ein Überlebender der Shoah, der Lehrer ein ehemaliges SS-Mitglied gewesen. Das Verfahren sei im Sande verlaufen.
Der prügelnde Antisemit war die schlimmste Erfahrung dieser Art, und nicht die einzige. „Viele Lehrer, die damals an den Schulen unterrichteten, hatten ihr Referendariat in den 30er-Jahren gemacht und gingen erst in den 1960er-Jahren in Pension.“
18 Verwandte seines Vaters kamen um
Offene Judenfeindlichkeit habe er später auch vonseiten der jungen Nationaldemokraten erlebt, der Jugendorganisation der NPD, die von 1966 bis 1970 sogar eine Amtsperiode im Bayerischen Landtag saß und auch in Waldkraiburg . „Für die war ich der jüdische Bolschewik.“ Sein Vater, der 2001 in Tel Aviv verstorben ist, stammte aus der Familie eines Straßenhändlers aus der Gegend von Lodz. 18 Verwandte seines Vaters seien in der Shoah umgekommen, sagt er. Von sieben Geschwistern hätten nur sein Vater und dessen Bruder den Holocaust überlebt. Der 62-Jährige ist zwar kein religiös überzeugter Jude, hat aber aufgrund dieser Familiengeschichte eine enge Beziehung zum Judentum.
Und im Moment hat Brym den Eindruck, dass judenfeindliche Beleidigungen und Übergriffe wieder häufiger werden.
Der 62-Jährige ist überzeugt: „Der Antisemitismus kommt in Wellen und hängt von der gesamtgesellschaftlichen Stimmung ab.“ Diesmal spiele die große Verunsicherung durch die Corona-Krise eine Rolle, glaubt er. Auf den Corona-Demos „kursieren absurde Verschwörungstheorien“.
Bei etwa fünf bis sechs Prozent der Bevölkerung sehen Experten ein geschlossenes antisemitisches Weltbild. „Diese offenen Antisemiten fühlen sich in solchen Phasen ermutigt, ihre Haltung rauszulassen.“ Das habe Kontinuität in der Geschichte, immer wieder wurden solche Verschwörungstheorien verbreitet, von den mächtigen und reichen Juden, die die Welt beherrschen.
Als Maccabi-Trainer übel beleidigt
Dass der etwa 40 Jahre alte Mann, der ihn in der Nähe des Chinesischen Turms anging, ein T-Shirt mit der Aufschrift „Coronaleugner“ und „Impfgegner“ getragen hat, sei kein Zufall.
„Ihr jüdischen Schweine seid schuld! Ihr Juden habt das mit dem Corona gemacht! Du jüdischer Dreckskerl“, zitiert Brym den aggressiven Unbekannten, den er angezeigt hat. Offensichtlich hatte die Jacke, die ihn als Trainer beim TSV Maccabi München ausweist und den Davidstern zeigt, dem Radfahrer genügt, um auf ihn los- zugehen.
Seit eineinhalb Jahren leitet Brym das Training einer C-Jugend-Mannschaft des jüdischen Sportclubs, der offen ist für Kinder und Jugendliche aller Nationalitäten und Kulturen. Zuvor war der Münchner bei anderen Vereinen Übungsleiter und hat bis zu einer schweren Verletzung im Jahr 1988 selbst leidenschaftlich gerne Fußball gespielt, auch beim VfL Waldkraiburg und in Mettenheim.
1991 hat der Marxist die Stadt Waldkraiburg verlassen. Seine politischen Aktionen sorgten für Aufsehen, waren aber nicht allzu erfolgreich gewesen.
„In meinem Leben gibt es zwei Inhalte“, sagt der 62-Jährige, „Politik und Fußball“. Und der Übungsleiter, der sich bis heute politisch am linken Flügel der Linkspartei einordnet, setzt hinzu: „Am Fußballplatz mache ich keine Politik.“
Auch der Fußball hat ein Antisemitismus-Problem. Das sieht der Autor und Publizist allerdings eher in der Fanszene von einigen Profi-Clubs, weniger im Amateurbereich. Einmal habe er sein Team vom Feld holen müssen, weil Väter der gegnerischen Mannschaft Spieler als „Drecksjuden“ beschimpft hätten.
Häufiger als diese offene, aggressive Form der Judenfeindlichkeit begegnen ihm latente Formen. Zum Beispiel auf dem Weg zum Training. „Wenn ich in der Trambahn gefragt werde, was für ein Verein Maccabi ist, und ich dann hören muss: Um Gottes Willen, jetzt spielen die Juden auch noch Fußball.“
Brym: Juden sollten sich nicht verstecken
Brym macht die Erfahrung, dass sich in solchen Situationen Leute solidarisieren. Doch häufiger schauen sie weg. „Das ist ein generelles Problem, nicht nur beim Antisemitismus, dass Leute so etwas ignorieren, weil sie Angst haben, sonst angemacht zu werden.“
Viele Juden ziehen daraus Konsequenzen, „setzen in München ihre Kipa erst in der Synagoge auf“, weil sie Angst haben, sich auf der Straße zu erkennen zu geben. Großes Entsetzen löste im Sommer 2019 ein Vorfall in München aus, als eine Rabbiner-Familie bespuckt und verbal angegriffen wurde.
Schon vor diesem Vorfall hatte der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung Juden davon abgeraten, die Kopfbedeckung im öffentlichen Raum zu tragen und damit viele Proteste aus der Politik geerntet. Auch Max Brym lehnt diese defensive Haltung ab: „Ich halte es für ein Armutszeugnis, wenn ein Politiker so etwas sagt, statt ein gesellschaftliches Klima zu schaffen, dass ein Jude sich nicht verstecken muss. Ich gehe damit weiter offensiv um.“ Die Jacke mit der Maccabi-Aufschrift und dem Davidstern bleibt an.