Kraiburg – Die Corona-Krise hat Deutschland ziemlich lahmgelegt. Auch wenn jetzt Stück für Stück Lockerungen in Kraft treten, so können nicht alle jubeln. Erst recht nicht die Chöre, die auf unbestimmte Zeit einen „Maulkorb“ tragen müssen. Auch die Kraiburger Chöre können davon ein Lied singen.
Chorsingen, ein
riskantes Hobby?
Chorsingen, ein riskantes Hobby? Das hätte sich bisher niemand vorstellen können. Die Corona-Pandemie läutete jetzt aber andere Zeiten ein. Die Übertragung des Coronavirus durch Aerosole rückt in den Fokus. Aerosole sind feinste Schwebeteilchen, die nach Austritt aus Mund und Nase durch die Raumluft wirbeln und nicht wie die Tröpfchen relativ schnell zu Boden fallen. Tragen Aerosole infiziertes Material, könnten unter den Chormitgliedern Ansteckungen erfolgen. Gemeinschaftliches Singen in geschlossenen Räumen ist daher und nicht zuletzt auch aufgrund von Kontaktbeschränkungen aktuell in Bayern untersagt.
Wie werden die drei Kraiburger Chorgemeinschaften mit den Einschränkungen fertig? Viel bleibt den Chormitgliedern und ihren Vorständen jedenfalls nicht übrig: Daheim in der Badewanne oder unter der Dusche singen, das geht problemlos. Doch ein Chor lebt nicht nur vom Gesang allein, sondern vom Gemeinschaftserlebnis, das weiß Eduard Kästner, der den In(n)Harmony Chorus sowie den Chor St. Bartholomäus leitet, aus langjähriger Erfahrung ganz genau: „Gerade den älteren Chormitgliedern geben die regelmäßigen Proben und Auftritte eine feste Struktur in ihrem Alltag.“ Dieser wichtige Bestandteil im Leben der Mitglieder falle nun weg. An Konzertreisen sei ebenfalls nicht mehr zu denken.
Josef Wimmer, Vorstand der Liedertafel, sieht das kulturelle und soziale Leben durch das Verbot, gemeinsam zu singen, gleichermaßen stark beeinträchtigt. „Die letzte gemeinsame Probe fand am 10. März statt. Seitdem ist Funkstille in unserem Männerchor“, bedauert er.
Chorleiter nimmt jetzt
Gesangsunterricht
Die Musikalische Leiterin der Liedertafel, Shanna Larionov, erinnert an Maiandachten, die sie nicht musikalisch begleiten konnten. Auch das für den 30. Mai geplante Konzert in der Remise fiel ins Wasser. Larionov: „Da ist die ganze Freude schnell weg.“
Ins gleiche Horn bläst Andreas Miecke, der das Ensemble Vocabile dirigiert. Auch ihm tut es weh, dass seine rund 17 Chormitglieder momentan zum Stummsein gezwungen sind. Mit Übungstracks versucht Miecke seine Kollegen zumindest auf technischem Weg bei Laune zu halten. Um die Durststrecke bis zur nächsten Gemeinschaftsprobe besser verkraften zu können, verordnete sich der Realschullehrer jetzt selber Gesangsstunden. „In einem großen Raum mit entsprechendem Abstand ist ein Gesangsunterricht möglich“, sagt Miecke, der dabei als Schüler und nicht als Lehrer auftritt.
Haus der Musik ist
gespenstisch leer
Die Kulturschaffenden zeigen sich insgesamt ziemlich geknickt. Das Kraiburger Haus der Musik dürfte in nächster Zeit noch gespenstisch leer bleiben. Eduard Kästner fürchtet durch die Zwangspausen zwar kaum Einbußen hinsichtlich der Sangeskunst, aber die Lebensqualität seiner gut 20 Chormitglieder würde durchaus leiden. Die Vertreter der genannten Chorgemeinschaften sind sich trotz der Beschränkungen einig: Gesundheit und Sicherheit gehen vor. Alle Regeln werden akzeptiert. Mit Mundschutz zu singen wäre ein schlechter Witz und draußen unter freiem Himmel wollen sie auch nicht üben.
Josef Wimmer sehnt die Zeit der Genehmigung für den gemeinschaftlichen Chorgesang vehement herbei. Und Andreas Miecke schlägt vor: „Einfach abwarten und Tee trinken“.