Soyen – Sein ältestes – und auch eines seiner Lieblingsstücke – hat Wolfgang Wohlan mit sieben Jahren begonnen. Ursprünglich zeigte der Druck ein Gemälde der Lüneburger Heide: Violette Heidefelder, seitlich karge Bäume, unten in der Mitte beginnt ein Weg. Es hing ursprünglich im Wohnzimmer der Familie. „Ich brauchte eine Pinnwand. Und mein Vater hat gerade Teppichboden verlegt mit doppelseitigem Klebeband“, erklärt der Künstler. „Ich geh’ also auf den Druck drauf, mit doppelseitigem Klebeband. Und ich pappe eine Styroporplatte mit Stoff drauf.“ Es habe etwas gedauert, bis seine Eltern bemerkten, dass das Bild verschwunden war. „Meine Mutter hat fast lachen können. Mein Vater hat nicht mehr ganz so lustig geschaut“, berichtet der Künstler von dem Moment, als die Eltern erfuhren, was mit dem Bild geschehen war. „Ich sagte dann ‚Mama, Papa, ihr braucht euch keine Sorgen machen, ich repariere das wieder.‘
„Ich mache Kunst, um mich Stück für Stück selbst kennenzu-
lernen. In allen Facetten, in denen ich mich verstecke.“ Wolfgang Wohlan
Wohlans Wohn- und Schlafzimmer in Soyen dient gleichzeitig als Ausstellungsraum. Ein Teil der Decke ist mit Holz abgehängt. Nach oben führt eine selbst gebaute Stiege aus Schwemmholz. Sie dient dem Künstler als Schlafplatz. Auf der anderen Seite steht eine Skulptur: Pfeil und Bogen. Sie sind gespannt und reichen fast bis unter die Decke. Quer gegenüber bollert ein kleiner Holzofen, davor stehen Couchtisch, Sessel und ein Schaukelstuhl. In der Ecke ein Schalterfenster: Es erinnert daran, dass dies hier ein Bahnhofsgebäude ist.
Die Räume hat der Künstler bereits seit sieben Jahren für seine Werke gemietet. Bis August bewohnten Familienmitglieder das komplette Haus. „Am 1. September 2017 wollte ich mich hier bei der Gemeinde anmelden, selbst einziehen. Der Möbelwagen war schon gepackt“, berichtet Wohlan, der zuvor in Vogtareuth wohnte. „Dann erhielt ich die Mitteilung, dass der Bahnhof verkauft wurde.“ Jetzt muss er raus. Das erste Mal hat er fast alle seine Werke zusammen. Das erste Mal, dass er sie gemeinsam der Öffentlichkeit präsentiert. Aktuell zeige eine Galerie Interesse an seinen Werken. Sie sind mit Kreide, Öl, Holzstiften oder Acryl gemalt; Es existieren Skulpturen aus Ton und Stein. Da steht beispielsweise „Mo“ am Ende der Sammlung – der Künstler hat seine Ausstellung in fünf Räumen als Rundgang angelegt. „Mo“ besteht aus rötlichem Ton. Sie misst rund 1,20 Meter. Ihre Haare sind zusammengebunden, der Zopf steht nach oben. „Mos“ Oberkörper ist hohl, wirkt, als umschlinge sie ihn mit ihren Armen: Er bietet Platz für ein Teelicht. Von der Hüfte abwärts hat Wohlan ihr ein Tau wie einen Rock umgewickelt. Der Künstler lernte ihr Vorbild bei einem Thailandbesuch kennen. „In einem Buch im Hotel las ich einen Hinweis: Wer eine wundersame, heilsame Massage mitmachen will, soll sich beim Wirt melden“, erzählt Wohlan. „Zwei Tage später kam eine Frau mit zwei Kindern.“ Die Frau war „Mo“ und massierte seinen Rücken vier Stunden lang. „Sie trat mit ihren Füßen auf meinen Rücken. Sobald nur der Gedanke da war, ‚jetzt ist es zu viel“, trat sie sofort woanders hin. Es hat alles in mir gelöst“, schwärmt der Künstler. „Obwohl es Jahre her ist, hält die Wirkung noch heute an.“
Wohlan kam als zehntes Kind in einer Patchwork-Familie zur Welt. In Stephanskirchen im Landkreis Rosenheim wuchs er auf. Er absolvierte eine Lehre zum Steinmetz und Bildhauer. „Mit zwölf Jahren habe ich in eine Terrassenplatte aus Beton eine Blume gemeißelt“, erzählt er von seinem ersten gemeißelten Werk. Insgesamt zwölf Jahre arbeitete der fünffache Vater in seinem erlernten Beruf. „Ich wurde irgendwann immer unzufriedener mit meinen Sachen. Sie wirkten alle leblos“, sagt Wohlan. Daraufhin arbeitete er fast 30 Jahre in der Garten- und Landschaftspflege als Teil einer GmbH. „Wir waren eine ganz schön alternative Truppe“, berichtet Wohlan. „Wir nutzten ganz neue Formen, ließen alles weitgehend naturbelassen. Versuchten, die Natur zu imitieren.“
Nebenbei hat der Künstler immer gemalt und Skulpturen aus Schwemmholz erstellt. Das Holz holt der Künstler aus der Mangfall, dem Inn oder Chiemsee. Dann arrangiert er es alleinstehend oder mit anderen Gegenständen zusammen. Er holt jedoch nicht irgendein Holz aus den Gewässern: „Ich sehe es und nehme es mit. Da ist eine Anziehung, es inspiriert zu neuen Formen“, erklärt der Künstler. Sein Ziel war dabei stets, von der Kunst ein Auskommen zu haben. Vor 20 Jahren verkaufte er seine ersten Werke. „Mit Ach und Krach kann ich nun davon leben“, sagt Wohlan, der seit rund fünf Jahren hauptberuflich als Künstler arbeitet. „Aber es erfüllt mich. Ich mache Kunst, um mich Stück für Stück selbst kennenzulernen. In allen Facetten, in denen ich mich verstecke.“ Und so malt Wohlan viele Selbstporträts und verarbeitet in seinen Werken sein Leben. Rund 5000 Besucher haben seine Kunst seit Anfang September bereits im Bahnhof Soyen angesehen. Anders als geplant stellt der Künstler seine Werke nur noch bis zum 3. Dezember aus, immer von Donnerstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr.