Reformationsjubiläum

Obrigkeitsmaßnahmen? Nur lästig!

von Redaktion

Buchrazzien, Einschüchterung von Amtspersonen, Eingriffe in die Ratswahlen, Denunziation, Kommunikanten-Listen – und das alles in Wasserburg?

Wasserburg – Aufklärung hierzu und Einblicke in ein besonderes Kapitel der Konfessionsgeschichte der Stadt von 1517 bis etwa 1570 verschaffte in einem sehr kurzweiligen Vortrag Professor Dr. Hiram Kümper aus Mannheim, der von Pfarrerin Cordula Zellfelder und Heimatvereinsvorsitzendem Peter Rink im evangelischen Gemeindehaus begrüßt wurde. Zum Abschluss des Lutherjahres diente diese Zeitreise, zu der Heimatverein und die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde eingeladen hatten, auch dazu, Reformation und Gegenreformation in einen regionalen, kirchen- und gesellschaftspolitischen Rahmen zu stellen, der manches in ein neues Licht rückte.

Vor allem das Spannungsfeld zwischen der katholischen Kirche, den bayerischen Herzögen und dem ausgeprägten Selbstbestimmungswillen vor allem der oberen Bürgerschicht der Stadt im 16. Jahrhundert beleuchtete Kümper anschaulich mit zahlreichen Quellen. Aus diesen leitete der Referent ab, dass damals örtliche Pfarrherren, Vikare, Kooperatoren oder Benefizianten durchaus die evangelische Bewegung direkt und indirekt förderten, sei es durch das Singen deutscher Lieder, durch lutherisch angehauchte oder offen mit seinen Thesen sympathisierende Predigten oder gar die Spende der Kommunion mit Brot und Wein. Dass der ‚Laienkelch‘ und andere Rituale auch von den Stadtoberen geduldet, ja sogar gefördert wurden, musste zwangsläufig das Missfallen der bayerischen Herzöge und der katholischen Geistlichkeit erregen.

Bereits 1523/25 waren deshalb drei Wasserburger Priester auf der Grundlage des neu erwirkten ‚breve apostolicum‘ angeklagt worden, welche es ermöglichte ‚gegen den briestern in Bairn, welch mit ketzerischn leren be-fleckht sind, ze handlen‘.

Dass 1528 neun Wasserburger Wiedertäufer in München zum Tode verurteilt wurden, sollte laut Dr. Kümper als zusätzlicher Beweis gelten, dass die Obrigkeit in Bayern vor allem eines wollte: Ruhe im Land, was den Glauben und die daraus entstehenden möglichen Konflikte betraf.

Dazu dienten auch Versuche, durch Reiseeinschränkungen das sogenannte ‚Auslaufen‘ zu verhindern, welches die Wasserburger nutzen, um die Freizügigkeit des Kirchenbesuches in der der Reichsunmittelbarkeit unterstellten Grafschaft Haag zu nutzen, in der offener den lutherischen Lehren angehangen wurde. Dass dort traditionelle Katholiken gegenhielten und ihre Kinder aus Protest gegen lutherische Tendenzen in Albaching beim Pfarrer taufen ließen, sollte nicht unerwähnt bleiben.

Vor allem aber die 1560 vom Landesherren initiierten Visitationen, welche unter anderem mit Kirchenvertretern aus Freising erfolgten, werfen nach Dr. Kümper ein deutliches Licht auf die Sichtweise der damaligen Zeit. Zwar wurden bei Vikar Georg Nicolaus, Kooperator Georg Götschel oder Benefiziant Cosmas Puechschuester einiges bemängelt, letztlich aber auch deren Verhalten nahezu wieder entschuldigt, dem Motto: Wenn’s nicht ganz so schlimm wird, lassen wir’s durchgehen.

Die Wasserburger hielten dicht

Wenn es um Auskünfte über Winkelprediger, Winkelschulen oder Informationen über indizierte Bücher ging, hielten die Wasserburger aber offenbar dicht, was die Obrigkeit dann wohl wieder zu Bücherrazzien und Beschlagnahmen veranlasste. Diese ‚subversive Kultur‘ vor allem in der dem Rat nahen Oberschicht der Stadt führte offensichtlich auch zu einem bereits für 1539 dokumentierten Eingriff in die Ratswahl. Mit Schreiben vom 3. Januar wurde von den bayerischen Herzögen festgestellt, dass ‚ettlich personen dem newen glauben anhenngig sein sollen‘. Diese seien, namentlich aufgeführt, im Rat der Stadt zu ersetzen.

Dass Obrigkeitsmaßnahmen aber zunächst auch verpufften, eher als nur lästig betrachtet wurden, sei laut Dr. Kümper in mehreren Quellen dokumentiert. Mittel der Reglementierung, zu denen auch das akribische Auflisten all derer Bürger, die nicht zur Kommunion gingen, also zu den immer noch Irrenden gehörten, hatten zwar keine rechtlichen Folgen, führten aber im Laufe der Jahrzehnte dann wohl doch zum Erfolg, vor allem nach dem Konkordat vom 5.September 1583 mit der Zunahme des bischöflichen Einflusses. Ab da werden auch wieder Fronleichnamsprozessionen in der Stadt abgehalten, die lange nicht mehr in den Ratsprotokollen als Rechnungsposten aufgetaucht waren. Damit war aber auch die evangelische Bewegung in Wasserburg praktisch am Ende, so der Referent.

Nach einer kurzen Fragerunde, bei der noch Einzelheiten geklärt werden konnten, war für alle Anwesenheit noch Gelegenheit sich das zusammenfassende Buch des Referenten mit dem Titel ‚Zwischen Landesherren und Laienkelch – Evangelische Bewegung und Gegenreformation in Wasserburg am Inn‘ zu erwerben. Diese Forschungsarbeit wurde vom Heimatverein Wasserburg als wissenschaftliche Preisauslobung in Zusammenarbeit mit der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde und dem Stadtarchiv initiiert und soll das Wissen um die Reformationsgeschichte des hiesigen Raumes erweitern helfen.

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