Wasserburg – Der Bürgermeister ist ein Süßer. Leckereien kann Michael Kölbl nur schwer widerstehen. „Wenn ich ‚Plätzchenduft‘ nur höre, freuen sich Herz, Nase und Zunge schon“ bekannte Kölbl bei der Eröffnung der Sonderausstellung „Plätzchenduft liegt in der Luft“ über die Geschichte der Weihnachtsbäckerei. Der Blick auf die Waage am anderen Tag sei dann vielleicht nicht ganz so erfreulich, aber… Schmunzeln allerorten – und nach dem offiziellen Teil hielt immer irgendjemand Kölbl einen Plätzchenkorb unter die Nase.
Viel zu entdecken
Die Frage des Museumsteams, was man denn zur Geschichte der Weihnachtsbäckerei ausstellen sollte, die halfen wieder viele Wasserburger und zwei Museen zu beantworten. Das Museum der Brotkultur in Ulm und das Heimatmuseum Mühldorf steuerten ebenso Exponate bei. Bernd Joa, Dorle Irlbeck, Armin Göttler und Mathilde Fürstenberger, die Damen des Bauernmarktes, das Museumsteam und Ingrid Mohr buken, Barbara Hinterberger lieferte Zuckerfiguren aus dem Biedermeier, in den verschiedenen Depots des Museums fand sich Material, ein paar alte Postkarten kamen per Internetauktion nach Wasserburg und Florian Schindler entwarf eine kleine Weihnachtsmaus, die im Rahmenprogramm für die Kinder eine große Rolle spielt. So haben Besucher jede Menge zu bestaunen.
Gestaunt haben auch die Fachleute, als Modeln aus der Römerzeit auftauchten und auch deutlich jüngere Exemplare aus dem Mittelalter – wie hat man damit „Plätzchen“ gebacken, ohne dass der Teig aufgeht und überquillt? Nun, der Teig bestand zur Hälfte aus Mehl und zur Hälfte aus Honig, erzählte Sonja Fehler, ein paar Gewürze dazu, fertig. Das stellte sich heraus, als Rezepte von 1400 und bald darauf auftauchten. Rezepte, die sich nahezu unverändert in der Schweiz erhalten haben. Aus diesen Urahnen der Weihnachtsplätzchen hat sich im Laufe der Jahrhunderte die heutige Plätzchenvielfalt entwickelt, wie schon Kölbl erklärt hatte.
Ab dem 17.Jahrhundert wird das Gebäck zu wahren Gewürzbomben, so Sonja Fehler. Neue Handelsrouten machten es möglich. Damals allerdings mussten die Bäckerinnen ihre Zutaten erst einmal backfähig machen. Mehl durchsieben ist bis heute normal. Aber der Zucker musste zerstoßen und durchgesiebt werden, die Gewürze zermahlen – Tütchen auf und loslegen gab es nicht. Im Biedermeier entstand, parallel zum bürgerlichen Weihnachtsfest, laut Sonja Fehler die Sitte, dass jede Familie, jede Hausfrau zig Sorten von Plätzchen backt – im Regelfall immer die Gleichen.
Heute werden die Bleche daheim in den Ofen geschoben. Im Biedermeier kamen die rohen Plätzchen auch aufs Blech. Aber dann hieß es warten, bis der Bäcker mit Brotbacken fertig war und signalisierte, dass jetzt die Plätzchenbleche in die Restwärme des Ofens geschoben werden können. „Backe, backe Kuchen, der Bäcker hat gerufen…“ – hat sich bis heute gehalten und Dank der Sonderausstellung „Plätzchenduft liegt in der Luft“ im Museum Wasserburg weiß man auch wieder, wo es herkommt.
Sonja Fehler hat sich wieder einiges im Rahmenprogramm zur Ausstellung einfallen lassen. Los geht es am kommenden Samstag mit einer Plätzchen- und Rezeptetauschbörse im Cafésito im Altstadtbahnhof. Ideale Tauschgröße: 250 Gramm Plätzchen. Tipps und Tricks, ein wenig Geschichte der Weihnachtsbäckerei und Kostproben von Gebäck nach historischen Rezepten gibt es obendrauf.
Die Ausstellung „Plätzchenduft liegt in der Luft“ im Museum in der Herrengasse ist bis zum Dreikönigstag dienstags bis sonntags von 13 bis 16 Uhr zu sehen, an den Adventswochenenden bis 18 Uhr.