Wasserburg – In der Kita, im Altenheim, bei der Feuerwehr, im Mehrgenerationenhaus, die Einsatzorte der zehn Mädchen und zwei Jungen waren höchst unterschiedlich. So wie auch die Erfahrungen, die die zwölf Jugendlichen in den 60 Stunden machten.
60 Stunden neben der Schule – da musste sich der eine oder die andere schon ganz schön durchbeißen. Zum Beispiel Elena, die in die 8.Klasse geht, Ganztagsunterricht hat und am einzigen freien Nachmittag im Mehrgenerationenhaus (MGH) arbeitete. Wenn da „Alt und Jung gemeinsam“ auf dem Programm stand, dann hat sie sich schon darauf gefreut. „Das hat am allermeisten Spaß gemacht“, strahlt sie. Nicht nur, weil sie selber aussuchen durfte, was gemacht wird, sondern „weil die Kommunikation mit den alten Menschen einfach supergut war.“
„Sie ist unglaublich flexibel, kommt mit Alt und Jung gut aus“ Doris Wollmannsberger über Elena
Doris Wollmannsberger vom MGH schmunzelt, als sie Elena lobt: „Sie ist unglaublich flexibel, kommt mit Kindern und Senioren sehr gut aus.“ Und die 14-Jährige machte die Erfahrung, von der auch Kölbl im Rathaussaal schon gesprochen hatte: Wer sich engagiert, bekommt das Engagement zurückgespiegelt. „Stimmt, wenn viele Kinder da sind und alle freuen sich auf mich und wollen mit mir spielen, das ist schon was Besonderes.“
Eine Erfahrung, die sie mit der 15-jährigen Hannah teilt. „Ich musste mich schon manchmal treten, wenn die Schule sehr anstrengend war und ich hier erwartet wurde“, gibt sie zu. Aber wenn sich die älteren und alten Herrschaften im Altenheim St.Konrad auf die zierliche und selbstbewusste Neuntklässlerin freuten und begeistert mit ihr Gedächtnistraining machten, „dann war‘s der schönste Tag der Woche!“
Ethel-Dorothea Kafka vom BürgerBahnhof hatte die Stadtverwaltung auf das FSSJ aufmerksam gemacht und das Projekt dann auch geleitet. „Es war auch für mich ein sehr bereicherndes Jahr“, sagt sie rückblickend. Auch weil es eine „tolle, engagierte Gruppe“ war, selbst die Abschlussberichte seien alle pünktlich da gewesen, erzählt sie mit einem leisen Schmunzeln. Dass die Jugendlichen sich mit ihr wohl gefühlt haben, das sah man im Sitzungssaal, wo‘s eine Orchidee, Süßigkeiten und die eine oder andere Umarmung gab.
Schon bei den schriftlichen Rückmeldungen, aus denen der Bürgermeister kurz zitierte, war oft von „tolle/sinnvolle/schöne Erfahrung“, „viel Spaß“ oder „hat mir viel gebracht“ zu lesen, aber auch von „macht sich gut in der Bewerbung“ oder gestiegenem Selbstbewusstsein war die Rede. Eine Mutter hat festgestellt, „dass es meiner Tochter sehr gut getan hat“ und eine Oma war so stolz auf ihre Enkelin, dass sie den Tränen nah war.
Natürlich hilft das FSSJ den Acht- und Neuntklässlern auch bei der Berufsorientierung. Elena zum Beispiel wusste nicht, ob sie Krankenschwester oder Erzieherin werden will. Jetzt ist klar: Krankenschwester. Denn sie hat mit den Kindern gespielt, gebacken, gebastelt, gekocht, gemalt und hat Bobbycar-Rennen organisiert, auch durchaus gerne. Aber der Umgang mit Erwachsenen ist ihr lieber. Zwei anderen Mädchen ging es genauso.
Und auch Hannah sieht ein bisschen klarer: Dass sie einen sozialen Beruf ergreifen will, das weiß sie schon eine Weile. Jetzt hat sie nach zwei Praktika in einer Behinderteneinrichtung auf lange Strecke überprüft, ob es auch wirklich was für sie ist. Ist es. „Ich habe mich entschieden: Ich möchte mit Behinderten arbeiten. Im Altenheimalltag hätte ich zu wenig Zeit für die Menschen, da ist viel Zeitdruck. Und den gibt es bei der Arbeit mit Behinderten längst nicht so, da kann man sich Zeit für die einzelne Person nehmen.“
Das macht sie gerne, deswegen fand sie es auch besonders schön, wenn sie nicht nur das Gedächtnistraining mit bis zu 20 Bewohnern leitete, sondern auch noch Zeit für das Sprichwörterspiel mit Sieglinde Höfler hatte. „Sie hat zwar ganz oft die gleichen Fragen gestellt, aber sie ist sehr, sehr lieb“, erzählt Hannah. Dass sich die beiden mögen, das ist beim Überraschungsbesuch nicht zu übersehen.
„Ich habe gelernt, mich zu organisieren und mich durchzubeißen“ Hannah
Hannah, die nächstes Jahr mittlere Reife macht, wird dann von einer Reform der Pflegeberufe profitieren: Sie kann eine generalisierte Ausbildung zur Pflegefachfrau machen, muss sich nicht von vorneherein auf eine spezielle Pflegeform festlegen. Denn sie, die in der dritten Klasse aus Bremen ins Wasserburger Umland kam, zieht es langfristig wieder in eine größere Stadt. Und da kommt ihr die Flexibilität zugute.
Ob Elena und Hannah das FSSJ weiterempfehlen würden? Eindeutig ja. Weil es eine tolle Idee ist „und bei der Berufswahl hilft“, sagt Elena. Und Hannah ergänzt: „Weil ich nicht nur ganz tolle Reaktionen bekommen habe, sondern weil ich auch gelernt habe, mich zu organisieren und durchzubeißen.“
Im kommenden Schuljahr will Ethel Kafka das FSSJ noch einmal an der Mittelschule anbieten, die Organisation perfektionieren. Und erst dann an weiteren Schulen Werbung machen. „Aber wenn ein Realschüler oder Gymnasiast aus der achten oder neunten Klasse nächstes Jahr schon mitmachen will, dann soll er oder sie sich gerne bei mir melden.“ Kinder oder Senioren, die sich auf fröhliche, engagierte Jugendliche wie Elena und Hannah freuen, gibt es genug.