Steckbrief

Umtriebig, sozial und herzlich

von Redaktion

Porträt der Woche: Dorle Irlbeck – eine Wasserburgerin mit Leib und Seele

Wasserburg – Was für eine Frau: Voller Herzenswärme, hilfsbereit, liebenswürdig, dabei direkt, streitbar, resolut. Dorle Irlbeck ist eine Persönlichkeit, die fast jeder kennt in Wasserburg. Man darf sie als eine Art Ikone der Stadt sehen – warum nicht?

Fast jeden Tag ist sie in der Gerberei tätig, die ihr Sohn Mario betreibt, auch sonst hat sie viel zu tun. Ehrenamtlich. Der Mann von der Zeitung muss sich jedenfalls gedulden, bis sie zu einem Gespräch Zeit findet. Feinsäuberlich hat sie extra dafür die Stationen ihres Lebens notiert und Gedanken zu Papier gebracht, die ihr wichtig sind. Darin zeigt sich: Dorle Irlbeck will vorbereitet sein, sie ist diszipliniert und strukuriert.

Gleich zu Beginn wird klar: Diese Frau spricht Klartext. Ein Beispiel: Doris steht zwar im Ausweis, aber den Namen mag sie gar nicht. „Ich bin schon immer die Dorle.“

Dirndl sind seit Jahrzehnten ihr Markenzeichen

Zunächst geht es um Blumen aus dem Supermarkt. „Die halten doch nicht lange, kommen aus Afrika oder weiß Gott woher.“ Aber im Preis sind sie eben unschlagbar. „Das ist sehr, sehr traurig für unsere Gärtnereien“, findet Irlbeck.

Und auch zum Thema Motorradfahren hat sie etwas zu sagen. Wichtig ist ihr, dass die Maschinen auf dem Marienplatz abgestellt werden dürfen, die Biker sollen sie vom Café aus immer im Blick behalten können. „Alle, die dagegen sind, waren nie jung.“ Ein Satz frei von Altersmilde.

Doch wunderbar kann sie Anekdoten aus ihrer Jugend erzählen – zum Beispiel die, als sie mit ihrem späteren Mann in Italien auf einer Horex unterwegs war. Damals durften unverheiratete Paare nicht zusammen campen. Dorle Irlbeck fand freilich einen Trick, sich über das Verbot hinwegzusetzen. Den sie allerdings nicht verraten mag, wie sie schmunzelnd erklärt. Sie weiß eben, was sie will.

Etwas anderes als Dirndl trägt sie nicht – es ist ihr Markenzeichen. Seit Jahrzehnten. 100 hat sie davon, „alle handgemacht“, wie sie betont. Den Namen der Schneiderin will Dorle Irlbeck nicht nennen. „Die hat so viel Arbeit, ist über 70.“ Ein Foto im Bildband „Wasserburg am Inn“ zeigt Irlbeck mit dem traditionellen Wasserburger Dirndl, auf das sie ganz besonders stolz ist: „Mein Lieblingsdirndl.“

Dorle Irlbeck ist Wasserburgerin mit Leib und Seele. Seit 1938 wohnt sie im Burgerfeld, seit 1955 in der Abraham-Kern-Straße. Es ist, wie sie berichtet, die Politik, die sie Innstädterin hat werden lassen. Ihr Vater Kurt Knappe wurde erst zum Kreisgeschäftsführer, später zum Kriegskreisleiter der NSDAP in Wasserburg ernannt. Nach dem Krieg kam er in Haft, den Entnazifizierungsprozess im September 1948 überstand er ohne Verurteilung. „Kein einziges Zeugnis gab es gegen meinen Vater. Man hat ihm nichts nachweisen können“, betont die Tochter heute. Als freier Mann habe er den Gerichtsort, das Rathaus, verlassen können. Alle wichtigen Dokumente ihres Vater –von der Geburts- bis zur Sterbeurkunde – habe sie dem Stadtmuseum übergeben. Sie seien so für jeden einsichtbar.

1942 wurde Dorle Irlbeck im Institut der Englischen Fräulein eingeschult. „Damals war ich das einzige evangelische Mädchen unter lauter katholischen. Mein Vater hat aber darauf bestanden, dass ich in den katholischen Religionsunterricht gehe.“ Das war der Tochter ganz recht. „Ich war ja wissbegierig.“ Der Vater setzte auch durch, dass die Kruzifixe, die von den Nazis in den Schulen erst entfernt worden waren, wieder an ihren Platz kamen.

1946 folgte das Gymnasium, wo sie allerdings nur bis zur mittleren Reife blieb. Das Schulgeld übernahm die „geliebte Tante Margarete Brucker“, weil die Konten der Familie gesperrt waren. „Die Mutter war zu stolz, um auf einer Behörde um Hilfe zu bitten.“

Sie arbeitete als Schneiderin, konnte den Lebensunterhalt für sich und die Tochter mit Ach und Krach sichern. Ohne die Hilfe der Tante und der Nachbarn, da ist sich Dorle Irlbeck im Rückblick sicher, „wären wir verhungert, sie haben uns das Leben gerettet“.

1951 stellte sie sich mit einem von der Mutter gefertigten „tollen Kleid“ bei der Brennerei Sigl vor – und bekam eine Lehrstelle als Industriekauffrau. Sie wurde die rechte Hand des legendären Chefs Otto Sigl, „das Mädchen für alles“. Mit eigenem Auto. „Da war ich schon privilegiert.“ Sie organisierte Ausstellungen auf Messen und verschaffte der Firma dicke Aufträge: „Ich war damals ja attraktiv. Mir zuliebe wurde so mancher Karton mit Schnaps und Eierlikör zusätzlich bestellt.“ 105 Lehrlinge bildet sie aus – „die haben aber keine schöne Zeit gehabt“.

Und warum nicht? „Weil ich so streng war“, schiebt sie schmunzelnd nach. „Aber aus allen ist was geworden.“

Bis 1978 blieb sie in den Diensten von Sigl, bis sie in die Gerberei wechselte. Die gab es seit 1785, es ist der älteste Handwerkbetrieb in Wasserburg. Heute ist ihr Sohn Mario der Besitzer. Ziegen, Rehe, Schafe, Marder, Füchse und Biber werden ihm gebracht, die Felle und Häute in mehrwöchigen Arbeitsgängen gegerbt und zugerichtet. Dorle schreibt Rechnungen, noch mit einer alten elektrischen Schreibmaschine. „Das Geschäft läuft gut“, sagt sie. Vor allem Schwiegertochter Patricia und gelegentlich auch die Enkel Larsia und Aryd helfen mit.

„Ich bin schon stolz darauf, was ich in meinem Leben geleistet habe“, sagt sie. „Und vor allem auf meine Familie, die immer hinter mir steht und mir für meine Aktivitäten Zeit gibt. Ohne sie, ohne die Freunde und die gute, hilfsbereite Nachbarschaft wäre mein Leben leer und öde.“ Dabei ist Dorle Irlbeck kerngesund: „Ich werde bald 84, und ich brauche keine einzige Tablette.“ Und wie bleibt sie so fit? „Ich esse fast kein Fleisch, Wurst sowieso nicht.“ Stattdessen Gemüse, Obst und Fisch. Auf Alkohol verzichtet sie ganz und gar: „Der Führerschein ist mir heilig.“

Als einzige Frau bisher hat Dorle Irlbeck 2014 die Joseph-Heiserer-Medaille erhalten, die höchste Auszeichnung der Stadt, auch der Heimatverein hat ihr 2013 eine Medaille verliehen. Sie ist eine umtriebige Frau, die sich vielerorts ehrenamtlich engagiert. Bei mehr als 80 Ausstellungen im Stadtmuseum und in der Sparkasse hat sie mitgewirkt, hat einen Engelweg mit 200 Engeln gestaltet und auch einen Krippenweg. Im Heimatverein ist sie aktiv, bei den Schiffleuten, im Theaterkreis, im Gartenbauverein.

Bei den Wasserburger Bürgerspielen
seit 1988 dabei

Bei den Bürgerspielen ist sie seit 1988 dabei. Und sie hat eine soziale Ader, bemerkt die „verschämten Armen“ in Wasserburg, denen sie den Weg ins Rathaus weist, wo Hilfe angeboten wird. In die Politik zu gehen, steht für sie aber nie zur Debatte: „Politik verdirbt den Charakter. Ich hab‘ meine eigene Meinung.“ Noch so ein Klartext.

Im vergangenen Jahr ist ihr Mann nach 67 gemeinsamen glücklichen Jahren völlig überraschend gestorben. Ihre quirlige Art hat sich Dorle Irlbeck nach seinem Tod dennoch bewahrt. Und ihre Überzeugungen. Das Grab im Altstadtfriedhof hat sie zusammen mit Schwiegertochter und Enkelin bienenfreundlich gestaltet. Auch das ist ihr wichtig. „Gott schütze unsere geliebte Heimatstadt“, sagt sie.

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