Wasserburg – Seit Langem ist sie aus dem Urlaub nicht mehr wegzudenken: Die Postkarte gibt es im deutschsprachigen Raum schon seit 150 Jahren. Die älteste Postkarte mit einem Wasserburger Motiv stammt aus dem Jahr 1870. Diese Art der Postsendung drückt nicht nur Urlaubsgrüße aus, sondern lädt zu Festen ein oder teilt die lustigsten Sprüche aus dem Buchladen mit.
Nicht nur Privatpersonen nutzen sie, auch Unternehmen senden postalische Aufmerksamkeiten. Inzwischen sind 90 Prozent der Postkarten, die Gartner Versandprofi versendet, Werbung, erklärt Stefan Gartner auf Anfrage der Wasserburger Zeitung. Er betreibt eine private Postfiliale am Bahnhofsplatz. Dass so viel Reklame versendet wird, war nicht immer so.
Erstmals eingeführt wird die Postkarte im deutschsprachigen Raum im Jahr 1869 – als sogenannte „Correspondenzkarte“. Ab dem 1. Oktober kann man in Österreich-Ungarn Postkarten kaufen, in Berlin gibt es sie erst seit 1870.
Postkarte im
deutschsprachigen
Raum ab 1869
Die erste lokalbezogene bekannte Wasserburger Postkarte im Archiv Wasserburg, zeigt den Blick auf die Halbinsel von der „Schönen Aussicht“. Neben dem Stadtkern um Rathaus, Frauenkirche und Stadtpfarrkirche St. Jakob ist im Hintergrund die Burg erkennbar. Am linken Rand der Postkarte ist die Rote Brücke über den Inn abgebildet. Der Blick über den Fluss auf die Stadt war schon damals das ein oder andere Motiv wert.
Obwohl Kritiker schon damals im 19. Jahrhundert Datenschutzbedenken haben, kommt die Erfindung beim Publikum gut an. Am ersten Verkaufstag werden in Berlin mehr als 45000 Exemplare erworben, erklärt das Museum für Kommunikation Berlin in einer Ausstellung.
Die Karten bestehen aus einer Rückseite, die – anders als bei heutigen Postkarten – ausschließlich für die Adresse vorgesehen ist und einer gestalteten Vorderseite. Ein kurzer Text wird um das Motiv herum geschrieben. Die heutige Anordnung der Kartenelemente setzt sich erst ab der Jahrhundertwende durch.
Als rasche Kommunikationsmöglichkeit bietet die – seit 1872 – Postkarte genannte Erfindung eine anfangs günstige Alternative zum Brief. Damit erfüllt sie das steigende Kommunikationsbedürfnis der damaligen Bevölkerung: Denn durch die einsetzende Industrialisierung ziehen viele Menschen vom Land in die Stadt. Sie nutzen verstärkt die Postkarte, um sich abzusprechen. Kritische Stimmen, die offen lesbare Karten als „unsittlich“ bezeichnen, verstummen zunehmend.
Auch weniger mit dem Schreiben bewanderte Personen wagen sich an das neue Medium. Die Nachrichten auf den Karten sind verschieden. Sie reichen von Urlaubsgrüßen über Einladungen bis zu Liebeskorrespondenzen und werden im Telegrammstil verfasst.
Mit dem Weltpostverein entsteht 1875 eine internationale „Fangemeinde“ für die Postkarte. Es gründen sich eigene Verlage und Fachgeschäfte. Der rasante Aufstieg der Postkarte beginnt mit der kostenlosen Feldpost im deutsch-französischen Krieg in den Jahren 1870/71.
Durch neue Verfahren können Fotos und Illustrationen aufgedruckt werden. Die Motive reichen von Landschaftsansichten bis zu Porträts. Auch Katastrophenbilder sind nicht ungewöhnlich, weil Postkarten schneller sind als damalige Zeitschriften. Viele Bürger beginnen Karten aus aller Welt zu sammeln. Das Geschäft boomt, ein Beitrag des Deutschlandfunk Kultur bezeichnet die Postkarte als „SMS des 19. Jahrhunderts“.
Allein im Jahr 1900 werden im deutschen Reich 400 Millionen Karten verschickt. Man spricht schon damals von einer Bilderflut.
Für die Zustellung ist seit 1808 das Königreich Bayern zuständig. Mit der Gründung des deutschen Kaiserreichs entsteht zwar eine sogenannte Reichspost, das Königreich Bayern verwaltet seine Post jedoch weitestgehend selbst.
Postkutschen transportieren sowohl Personen, als auch Briefe und Postkarten in Wasserburg entlang der Hauptverkehrsstraße München/Salzburg. Da die Pferde für die schwerfälligen Kutschen häufig gewechselt werden müssen, entsteht in Wasserburg eine „Posthalterei“.
Eine schnelle Beförderung von Post und Reisenden sei unmöglich, klagen die damaligen Posthalter nach Angaben des Archiv Wasserburg. Sie bezeichnen die Hauptverkehrsstraße als einen „bis in den Grund verdorbenen Weg.“
Der erste Wasserburger Posthalter wird – laut dem historischen Wasserburg-Lexikon von Matthias Haupt – Simon Hauner, der damals – neben einer Posthalterei am Marienplatz – in der Postgasse ansässig ist. Dort entsteht auch ein Postgebäude.
Die Infrastruktur und das Postwesen verbessern sich stetig. Im Jahr 1924 übernimmt die Wasserburger Post die Zustellung mit eigenen Postkraftwagen, ihr neuer Sitz ist in einem Zweckbau am Bahnhofsplatz.
Im Ersten Weltkrieg
als Kontakt
in die Heimat
Die Geschichte der Postkarte geht erfolgreich weiter: Im Ersten Weltkrieg werden schätzungsweise zehn Milliarden Karten von deutschen Heeresangehöringen verschickt, darunter viele Ansichtskarten, informiert das Museum für Kommunikation Berlin. Für den Austausch zwischen Front und Heimat sind die Karten sehr wichtig.
Eine Karte aus dem Jahr 1920 zeigt die Stadtpfarrkirche St. Jakob von der Burg aus gesehen. Sie stellt eine Alltagssituation der Wasserburger Bürger dar, eine Frau geht mit Korb auf den Markt. Das Motiv ist von einem Künstler in Farbe gemalt und aufgedruckt.
Seit den 1920er- und 1930er-Jahren kommt die Postkarte in Konkurrenz zu neuen Bildmedien. Das NS-Regime initiiert seit 1933 neue Motive und zensiert ungewollte Darstellungen. Feldpost wird aus Angst vor Überwachung meistens in geschlossen Briefen verschickt.
Nach Kriegsende steigt die Nachfrage nach Postkarten wieder. Die Karten erfüllen überwiegend touristische Zwecke. Aber auch Werbung wird verschickt. In Ostdeutschland druckt der Staat eigene Propaganda-Karten, im Westen sind die Motive frei. Innerdeutscher Postverkehr entsteht.