Wasserburg – Konrad Reisböck kann auf eine reiche Vergangenheit zurückblicken – einen kleinen Teil davon präsentiert der Mann, der seit über 60 Jahren im Betreuungshof Rottmoos lebt, im Kalender „Durch die Linse eines Urgesteins: Wasserburg in alten Ansichten“. Es sind eindrucksvolle Aufnahmen, die er dafür zur Verfügung stellt. Zum Beispiel das Prinzenpaar von 1980, das Hochwasser von 1959, das Brucktor, ein Opel „Rekord“, das alte Café Mohr.
Ein Dutzend Reminiszenzen an das frühere Wasserburger Leben, unspektakulär und doch eindringlich. Bereits in den 50er-Jahren leistete sich Konrad eine teure Nikon-Kamera, die jahrzehntelang sein treuer Begleiter war. Hunderte Fotos befinden sich feinsäuberlich beschriftet und eingeklebt in vielen Alben.
Christine Czekely ist die Betreuerin des 88-Jährigen, sie kennt ihn seit vielen Jahren. „Die Fotografie ist ein großer Teil seines Lebens“, sagt sie. „Jetzt, in höherem Alter, schaut er sich seine Bilder von früher gerne an.“
Reisböck schwelgt in seinen Erinnerungen, so wird ihm jedenfalls nie langweilig. Er ist zwar schwerhörig, und die Artikulation ist beeinträchtigt. Doch er strahlt Lebensfreude aus, gut gelaunt wendet er sich an den Besucher, um über sein Hobby zu sprechen. Czekely weiß seine Worte einfühlsam zu deuten. Sein Spitzname war „Peng Lauskoni“ – nach Czekelys Worten kommt damit Konrads lausbubenhaftes Wesen zum Ausdruck. „Er ist eben einer mit Schwung.“
Doch nicht nur die Fotografie hat es ihm angetan, auch die Blasmusik hat einen festen Platz in seinem Leben. Die Wasserburger Stadtkapelle hat ihn schon längst zum „Edelfan“ erklärt – kein Wunder, denn bei jedem Konzert in und um Wasserburg ist Konrad Reisböck mitten drin statt nur dabei, stets bewaffnet mit seinem Dirigentenstab. Die gängigen Märsche kennt er im Schlaf. Auf seinem Briefkopf nennt sich Konrad selbst „Generalmusikdirigentenmeister und Hoffotograf“.
Am 28. November 1931 wurde er in Atzing bei Prien geboren, er wuchs in Wildenwart bei einer Pflegefamilie auf. Mit sieben Jahren kam er nach München in eine Gehörlosenschule, die 1943 wegen Bombenangriffen geschlossen wurde. Reisböck musste deshalb nach Murnau am Staffelsee wechseln, die Schule wurde dort bis 1947 provisorisch weitergeführt. In seinen jungen Jahren arbeitete er in einer Glaserei in Grassau sowie als Schuhmacherhelfer in München. Im November 1955 kam er schließlich als einer der ersten Bewohner an den Betreuungshof Rottmoos, eine Einrichtung für hör- und sprachgeschädigte Menschen am Wasserburger Stadtrand.
Bis 1995 arbeitete er in den Werkstätten von Gabersee als Glaser. Im Mai 1999 bezog er eine von der Einrichtung angemietete kleine Wohnung im Ortsteil Gabersee. Dort meisterte er seinen Alltag weitgehend selbstständig, unterstützt wurde er vom Betreuungshof Rottmoos. Seit sechs Jahren lebt Konrad nun in der Wohngruppe 3 im Betreuungshof. Angehörige hat er keine mehr. Aber er hat eine Mitbewohnerin, die Loni, vor einigen Jahren als Freundin gewonnen. Czekely freut es sehr: „Er wollte sein Leben lang eine Beziehung, im Alter hat’s geklappt.“ Verkauft wird der Kalender vom Förderverein Rottmoos (9 Euro). Der Erlös kommt hör- und sprachgeschädigten Menschen zugute.