Wasserburg – Sie sind ein ungewöhnliches Paar, der 1,68 Meter große Peter Stenger, 76 Jahre alt, und sein Krampus, der 1,92-Meter-Hüne Osaro Ziegbe, 51 Jahre jünger. Doch die Chemie zwischen den beiden stimmt, haben die vergangenen zwei Tage Arbeitseinsatz als Nikolaus und Krampus gezeigt. Donnerstag und Freitag hatten Stenger und Ziegbe, den in Wasserburg alle nur „Bobby“ nennen, einen vollen Terminkalender: Täglich standen mindestens zwölf Auftritte auf dem Programm.
In den vergangenen Jahren hat oft Peter Stengers Frau den Krampus an seiner Seite verkörpert. Heuer sprang für sie der 25-jährige Flüchtling ein. Die „Personalvermittlung“ hatte der Helferkreis der evangelischen Kirche übernommen. Pfarrerin Cordula Zellfelder und Helferkreisleiterin Monika Rieger hatten Bobby vorgeschlagen, der das Angebot, den Nikolaus als Krampus zu begleiteten, gerne annahm, wie er erzählt. Ziegbes Mutter ist Christin, trotzdem weiß der Sohn nur wenig über die christlichen Traditionen in der Adventszeit. Den heiligen Nikolaus kannte der gelernte Maler gar nicht, nur den Weihnachtsmann. Dass dieser im Voralpenland keine Rolle spielt, sondern stattdessen der heilige Nikolaus, hat der Berufsschüler mittlerweile gelernt.
Tief ist er Donnerstag und Freitag in das traditionelle Wasserburger Familienleben eingetaucht. Er hat gemeinsam mit Peter Stenger in 25 Wohnzimmern gestanden, Geschenke verteilt, den Reden des Nikolaus gelauscht, in strahlende Kinderaugen geschaut. „Es ist eine tolle Erfahrung“, sagt der 25-Jährige, dem als leidenschaftlichem Musiker vor allem eins gefallen hat: die Hausmusik, die bei vielen Gastgebern als Dank für den Besuch des Nikolaus gespielt wurde, die Lieder und Gedichte, die viele Mädchen und Buben vorgetragen haben.
Den Krampus versteht Stenger seit Beginn seiner Nikolaus-Karriere vor 50 Jahren nicht als Schreckgestalt, trotz Fellkostüm und Maske– sondern als liebenswerten Gesellen und Helfer des Heiligen. „Der Krampus ist der Beschützer des Nikolaus“, sagt Stenger zum Part seines Begleiters. Und auch seine Rolle als Nikolaus interpretiert er seit fünf Jahrzehnten auf seine ganz besondere Art: Stengers Nikolaus ist ein heiliger Mann, der den Kindern nur Gutes will. Der schimpft nicht, mahnt nur manchmal, lobt mehr, als er kritisiert.
Auch heuer hat deshalb zur Freude von Stenger kein Kind beim Auftritt von ihm und Bobby geweint. Anfangs reagieren die Mädchen und Buben natürlich vorsichtig abwartend auf den Besuch des heiligen Mannes und seines Begleiters. Doch die Aufforderung, den Stab des Nikolauses zu halten, bricht meistens das Eis, berichtet Stenger. Wenn er aus dem Goldenen Buch vorliest, stehen die positiven Eigenschaften der Kinder im Fokus. Was laut Eltern nicht so gut läuft, wird ebenso liebevoll angesprochen – oft mit Erfolg: In den vergangenen 50 Jahren hat Stenger schon vielen Kindern den Schnuller abgeluchst. Und so manchen Buben und manches Mädchen davon überzeugt, dass es keine Windel mehr braucht. Nur einmal hat er seine Rede nicht anbringen können, weil sich ein Kind so versteckt hatte, dass es nicht zu finden war.
Nikolaus-Premiere
mit mahnender
Botschaft
Heuer feierte Stenger außerdem eine Nikolaus-Premiere: Zum ersten Mal gingen mahnende Worte auch an die Eltern. „Ich habe an sie appelliert, Sorge dafür zu tragen, dass unsere Schöpfung nicht verloren geht, sie also den Kindern ein Vorbild sind im Bemühen, die Natur zu schützen.“