So ein Theater um das Theater

von Redaktion

Ein Blick hinter die Kulissen der Proben in Schnaitsee – Premiere am 28. Dezember

Schnaitsee – Theater, Theater, der Vorhang geht auf …“, singt Katja Ebstein – in Schnaitsee, wo nach Weihnachten die Theatersaison beginnt. Am Samstag, 28. Dezember, ist Premiere der „Münchner Theatergschichtn“. Das heißt für die über 40 Akteure auf und hinter der Bühne: Probenfieber mitten in der Adventszeit. Die Wasserburger Zeitung war dabei – und weiß seit dem Blick hinter die Kulissen das Erfolgsgeheimnis der Theaterleute aus Schnaitsee: Leidenschaft für Qualität und Zusammenhalt.

Schon Baby Anton ist bei der Probe dabei

Der jüngste Probenteilnehmer ist erst zehn Monate alt: Anton, Baby der für die Musikgestaltung zuständigen Regisseurin Elisabeth Lamprecht junior. Der Bub wächst quasi im Theatersaal beim Wirt von Schnaitsee („Taverna Ägäis“) auf. Auf der Bühne die probenden Schauspieler, am Regietisch die Mama: Dem Baby gefällt`s, er schläft oder strahlt fröhlich in die Runde.

Viele Theaterleute kennt Theo gut: Denn die Familie Lamprecht ist fast komplett vertreten. Die Oma beispielsweise spielt mit – eine „Zwiderwurzn“ – also ganz gegen ihren Typ, welshalb Elisabeth Lamprecht auch sagt: „Die Rolle plagt mich.“ Kein Mühen hat sie dagegen mit ihrer anderen „Rolle“ als Zuständige für Garderobe und Fundus. Als Herrin über Kleider, Kopfbedeckungen, Schuhe und Requisiten aller Art passt sie auf, dass jeder Darsteller das passende Gewand zur Rolle und Statur findet. Das ist gar nicht so einfach, denn viele Kostüme sind aus vergangenen Zeiten. Früher waren die Menschen schmächtiger als heute, berichtet Elisabeth Lamprecht.

Heuer spielt das Stück in den 30er Jahren. Drei „Münchner Gschichtn“ hat die Schnaitseer Theatergemeinschaft miteinander verwoben: „Erster Klasse“ von Ludwig Thoma, „Die Linie 8“ von Ferdl Weiss und „Der verflixte Scheinwerfer“ von Karl Valentin. Die drei Szenen spielen sich ab an drei Orten: im Zug, in der Tram und im Theater. Unterwegs ist Josef Filser, ein Ökonom und Abgeordneter, eigentlich Richtung Landtag. Doch er kommt vom Wege ab – mehr sei nicht verraten.

„Eine schöne Rolle“, schwärmt Meinrad Reiter, zweiter Vorsitzender des Theatervereins. Zwei Wochen vor der Premiere ist er mit dem „Filser“ bereits verschmolzen. „Ich sehe immer zu, dass ich den Text ganz schnell zu hundert Prozent kann. Denn erst danach kann ich mich voll und ganz auf das Schauspielern konzentrieren“, sagt er.

Doch Reiter hat noch eine zweite große Aufgabe in der aktuellen Inszenierung übernommen: Der handwerklich begabte Inhaber eines Kfz-Betriebs in Schnaitsee hat das Bühnenbild entwickelt. Es wartet heuer mit einer Raffinesse auf: einem fast originalgetreuen Zugwaggon der Königlich Bayerischen Staatseisenbahn, der mal von vorne und mal von hinten zu sehen ist und sich auch in ein Abteil eines Straßenwagens verwandelt – alles per Schiebetür. Die Ideen für das Bühnenbild kommen Reiter stets beim Radlfahren, erzählt er, während er wohlwollend zuschaut, wie fünf Darsteller gemeinsam mit Bohrmaschine und Zollstock letzte Hand an das Bühnenbild legen. Der Umbau zwischen den Szenen klappt bereits in Sekundenschnelle.

Einen Beitrag zum Bühnenbild hat auch heuer Tierarzt Dr. Arnold Böhm geleistet. Er hat die Kulisse eines Theatersaals für den dritten Akt gemalt – flach auf dem Bauch liegend in der Werkstatt von Reiter auf einer zehn Meter langen Leinwand. Ein Meisterwerk ist die Tiefenwirkung. Der Betrachter wird mit seinen Augen quasi in den Saal hineingezogen. „Ich bin nur ein guter Gebrauchsmaler“, weist Böhm, der auch das oft bewunderte Bühnenbild für das Stück „Watzmann“ im Jahr 2015 erstellt hatte, jegliches Lob für die raffinierte Pinsel- und Linienführung bescheiden zurück.

So professionell wie der Bühnenmaler sein Handwerk beherrscht, so gekonnt ist auch der Auftritt von Johanna Hieke. Sie verdreht als Balletttänzerin dem „Filser“ den Kopf – und tanzt auch im wahren Leben schon seit 19 Jahren auf den Spitzen. Die 24-Jährige genießt die Rolle ihres Lebens im Theater Schnaitsee, das ihr auch die Liebe beschert hat. Hier lernte sie Maxi Pielder kennen, ihren Freund. Der 21-Jährige ist an Laptop und Mischpult für Licht und Ton zuständig. Eine wichtige Aufgabe, denn seit 2007 spielt auch die Musik eine Rolle bei der Theatergemeinschaft. Lieder und Gesang – Texte und Kompositionen zum Teil auch selbst geschrieben – untermalen die Inszenierungen. Ein Grund für den großen Erfolg des Theaters, das in der vergangenen Saison 4200 Gäste besuchten? Regisseur Josef Unterforsthuber sieht einen weiteren Grund: der Zusammenhalt. Seit 1975 ist der Großteil des Teams bereits vor und hinter dem Vorhang gemeinsam aktiv. „Anfangs mussten wir uns noch Trockenshampoo ins Haar reiben, wenn wir Senioren darstellen wollten“, erinnert sich Unterforsthuber lachend, „heute müssen wir unsere Haare nicht mehr färben.“

Talentschmiede ist
der Musikverein

Doch auch Nachwuchsprobleme kennt die Theatergemeinschaft nicht, denn Unterforsthuber, der lange Jugendfußballtrainer war und Mitglied im Musikverein ist, entdeckt dort immer wieder neue Talente. Manche Schnaitseer Theaterfamilie spielt und wirkt schon in dritter Generation mit. Dabei sein ist alles, sagt auch Dritte Bürgermeisterin Anita Meils, die nur eine kleine Rolle hat, diese jedoch mit großer Leidenschaft verkörpert. „Unsere Gruppe ist toll, das Publikum auch“, nennt sie als Grund für ihr Engagement, das zwar viel Zeit in Anspruch nehme, „jedoch „keine Belastung ist – im Gegenteil: Es bereitet mir viel Freude.“

Geduldig wartet sie – bereits gekleidet in einem bodenlangen schwarzen Rüschengewand im Stil der 30er-Jahre – auf ihren Einsatz bei der Probe, angesagt von der dritten Regiefachkraft im Team: von Romy Kinzner. Vereinsvorsitzender Thomas Schachner bringt angesichts der angespannten Konzentration, mit der die Regisseure die Proben verfolgen, loben, kritisieren, korrigieren, die Stimmung auf den Punkt: „Wir befinden uns in der Phase der inneren Anspannung. Jetzt kommt es drauf an, die letzten Details auszufeilen.“

Dabei sein bei der Erfolgsgeschichte des Theaters wollen alljährlich so viele, dass Stücke ausgesucht werden, bei denen möglichst viele mitspielen können. Sie müssen viel Zeit opfern – ausgerechnet in der Vorweihnachtszeit. Allein in der Woche vom 15. bis 22. Dezember wird fast täglich intensiv geprobt, am 22. Dezember ist die Vorpremiere für die Familien der Theaterleute und für alle, die heuer nicht auf der Bühne stehen. Am 23. Dezember wird an den letzten Feinheiten gefeilt, berichtet Unterforsthuber. Am 26. Dezember wird bei der Weihnachtsfeier der Krieger- und Soldatenkameradschaft aufgeführt. Werden Proben und Auftritte ab der Premiere am 28. Dezember bis Anfang Februar zusammengezählt, ist das Team etwa 55-mal im Einsatz.

Karl Valentin
und Liesl Karlstadt

2020 gibt es zwar eine Spielpause, weil in Schnaitsee das Bezirksmusikfest stattfindet. Im Sommer 2021 steht dafür ein Großprojekt auf dem Programm: ein Freilufttheater. Angedacht ist ein Stück von Autor Alois Johannes Lippl: „Der Glockenkrieg“ oder „Die Pfingstorgel“.

Die Auswahl des passenden Stücks ist eine der größten Herausforderungen in jeder Theatersaison, berichtet Unterforsthuber. Heuer ist es zwar keine Monumentalaufführung so wie beim Riesenerfolg „Watzmann“ 2014 beim Kultursommer in Baumburg und 2015 Open Air in Schnaitsee oder der „Weihnachtsgeschichte auf Bayerisch“ nach Charles Dickens im vergangenen Jahr. Dafür ist der Gemeinschaft erneut ein Coup gelungen: drei Stücke bekannter Volksschauspielautoren in einem zu vereinen. Und so spielen auf der Bühne Severin Schluck und Christian Westner Karl Valentin und Liesl Karlstadt, die wiederum einen Elektriker und einen Lehrling spielen.

Kartenverkauf

Restkarten für alle Vorstellungen im Dezember und Januar gibt es noch unter vorverkauf@theatergemeinschaft-schnaitsee.de, und bei Josef Unterforsthuber, Telefon 0151/51237274, montags bis samstags von 8 bis 20 Uhr, sowie im Autohaus Hauer, Meinrad Reiter, Telefon 08074/232, montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr, samstags von 8 bis 12 Uhr.

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