Doppelherz für den Hochwasserschutz

von Redaktion

Spatenstich für ein neues Schöpfwerk am Inn – Stadt investiert 4,5 Millionen Euro

Wasserburg – Das Herzstück der Abwasserversorgung in Wasserburg ist ein unscheinbares, gelbes Gebäude in der Innschleife. Kein Mensch würde vermuten, dass hier im Schöpfwerk alle Fäden, pardon: Leitungen, des Kanalnetzes zusammenlaufen – und neben dem Damm das wichtigste Bauwerk für den Hochwasserschutz liegt. Dieser erhält ab Herbst 2020 eine doppelte Sicherung, denn die Stadt baut ein weiteres, neues Schöpfwerk neben das alte. Gestern war Spatenstich für das Mammutprojekt mit Investitionskosten von 4,5 Millionen Euro.

Am Schlachttag war
der Inn blutrot

Von weitem ist die Großbaustelle nur wenige Meter vom Inn entfernt an einem 26 Meter hohen Bohrturm zu erkennen. Mit ihm werden derzeit Betontpfähle in den Untergrund gerammt, die die Baugrube gegen Hochwasser schützen werden. Derzeit besteht keine Gefahr, denn der Inn trägt Niedrigwasser – die richtige Zeit für den Start der Bauarbeiten.

Bis in die 70er-Jahre sind die Anlieger am damals noch per Hand aufgeschütteten und viel niedrigeren Damm regelmäßig abgesoffen, wenn der Fluss anstieg und das Grundwasser in die Gärten und Gebäude drückte. 13-mal stand das Wasser bei der Großmutter von Bürgermeister Michael Kölbl, der am Riedener Weg nur wenige Häuser von der Baustelle entfernt aufwuchs, im Haus. Montags, wenn Schlachttag war im Schlachthof, färbte sich der Inn sogar blutrot, denn alle Abwässer – nicht nur aus der Altstadt, sondern auch aus Teilen von Eiselfing und Edling, wurden direkt in den Gebirgsfluss geleitet. Erst 1971 ging das Schöpfwerk in Betrieb, das mit seinem Pumpen regulierend in die Entwässerung eingriff, 1988 die Kläranlage mit der Ringkanalisation. 1985 war auch der Deich gebaut worden, damals 70 bis 80 Zentimeter niedriger als heute.

Die Wasserburger fühlten sich sicher, aber dann kam der August 2005 mit einem echten Jahrhunderthochwasser, das das Grundwasser erneut Richtung Häuser und Gärten drückte. Es ging zwar noch einmal gut, doch das in die Jahre gekommene Schöpfwerk stieß an seine Grenzen. 2005 wurde es technisch überarbeitet, es folgte außerdem die Dammerhöhung auf den heutigen Stand.

Der Stadtrat fällte 2007/2008 die Entscheidung, mit dem Bau eines zweites Schöpfwerkes noch einmal die Pumpentechnik nachzubessern. Doch es dauerte noch weitere elf Jahre, bis es gestern endlich soweit war: Mit dem offiziellen Spatenstich starteten die Bauarbeiten. 2016 war zwar schon der Beschluss im Stadtrat gefallen, doch für die Genehmigung musste die Stadt noch den Bebauungsplan für das Areal ändern. Für die Ausschreibung war außerdem ein zweites Verfahren notwendig: Die Arbeiten nur wenige Meter vom Inn, neben und auf dem Damm, sind kompliziert, die Firmen, die sich die Ausführung zutrauen, rar gesät, berichtete Anton Mader vom Planungsbüro Dippold & Gerold.

Neben das alte wird ein zweites, weiteres Schöpfwerk gebaut – der Hochwasserschutz erhält sozusagen ein „Doppelherz“, freute sich Bürgermeister Michael Kölbl beim Spatenstich im Beisein von Vertretern der Bauverwaltung, des Bauhofes und der Kläranlage, des Stadtrates, des Wasserwirtschaftsamtes, der Flussmeisterei und der beteiligten Firmen.

Bevor es im Frühjahr 2020 an den Rohbau geht, findet den Winter über ein aufwendiger Tiefbau statt. Mit Beton aufgefüllte Strahlrohre werden zehn bis 22 Meter in den Boden gerammt, um die Baugrube mit einer stabilen Wand abzudichten. Denn ein Leck würde bei Hochwasser die Altstadt überfluten.

Essigfabrik dient
als Lagerplatz

Auch das neue Schöpfwerksgebäude das neben dem alten entsteht, wird optisch eher unspektakulär aussehen. Die meiste Technik befindet sich im Untergrund. Dort werden ein Rückhaltebecken und Hauptleitungen mit dem Abwasserkanalnetz verbunden. Die vier neuen Pumpen werden pro Sekunde 1000 Liter Wasser bewältigen können, berichtet Planer Mader.

Die Baustellenzufahrt erfolgt über das Gelände der früheren Essigfabrik Burkhardt. Wenn hier am Riedener Weg das zweite Schöpfwerk im Herbst 2020 in Betrieb geht, können auf dem Lagerplatz für die Baumaschinen die Planungen für ein neues Wohngebiet beginnen.

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