Kinobetreiber war „Daniel Düsentrieb“

von Redaktion

Filmtheater in Haag vor 80 Jahren eröffnet – Neues Lichtspielhaus im Zehentstadel?

Haag – Vor 80 Jahren eröffnete Eduard Ederer die „Haager Lichtspiele“ in seinem eigenen „Filmtheater“ an der Mühldorfer Straße. Bis 1979 liefen dort Filme. In den 50er- und 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts erlebte das Kino mit Massenandrang seine Glanzzeit. Vor sechs Jahren zog dort das Jugendzentrum (JUZ) ein. Nun soll Haag auch wieder ein Kino bekommen: im Zehentstadel.

„Die Planungen im gesamten Zehentstadel machen Fortschritte. Inzwischen liegt das Aufmaß vor, das für die Planung im Altbestand außerordentlich wichtig ist“, sagt Bürgermeisterin Sissi Schätz auf Nachfrage der Wasserburger Zeitung. Der Bauausschuss hat die Aufträge an die Fachplaner wie etwa Tragwerksplanung, Elektroplanung und Brandschutz vergeben.

Automatische Ausgabemaschine
für Eintrittskarten

„Sobald das verfeinerte Konzept vorliegt, wird das Architekturbüro Rieger-Lohmann mit Rainer Gottwald die Einzelheiten klären, die für ihn als Kinobetreiber wichtig sind“, so Schätz.

Die vergangene Kino-Ära in Haag war geprägt von Eduard Ederer, der vor 80 Jahren sein Kino eröffnet hat. Er war Mechaniker, er hatte aber auch den Ruf eines „Daniel Düsentrieb“. So konstruierte er sich, wovon andere Kinobesitzer 1939 noch träumten, eine elektrische Ausgabemaschine für Eintrittskarten, Vorführapparate mit automatischer Überblendtechnik und ein Notstromaggregat.

Ederer, der damals auch sein eigenes Motorrad „Marke Ederer“ fuhr, musste nicht wie seine Kollegen Filme auswechseln oder gar bei Stromausfall den Eintritt zurückzahlen – weil er sich zu helfen wusste. 1939 wurden bei der Reichsfilmkammer mit der Nummer 113 und Platzzahl 199 die „Filmtheater Haager Lichtspiele“ eingetragen.

Im Programm, das Elisabeth (seine Tochter) und Alfons Reiter aus Haag gebunden bis heute aufbewahren, hatte er „Frau Stein“ mit Ilse Werner, „Der Fall Deruga“ mit Willi Birgel, „Der Edelweißkönig“ mit Paul Richter, „Der Blaufuchs“ mit Zarah Leander und Paul Hörbiger, „Paradies der Junggesellen“ mit Heinz Rühmann und „Die Pfingstorgel“.

Angefangen hatte Eduard Ederer vor dem Neubau an der Mühldorfer Straße in der Turnhalle am Marktberg mit Vorführungen von Stummfilmen. Dort soll noch der Musiker Kierner auf dem Klavier die flimmernden Streifen untermalt haben.

Nach einer kurzen Pause unter dem Weltkrieg durfte Ederer sofort wieder aufmachen, da er nicht der Partei angehört hatte. Die Amerikaner sahen in seinem Filmtheater amerikanische Filme und hielten hier sogar ihre Messe, wozu Maria Ederer immer Blumenschmuck mitbrachte.

Dann kam der Aufschwung. Der Eintrittspreis lag bei 70 Pfennigen. Als die Leute wieder Geld hatten, wurde zwischen erstem Platz, zweitem Platz und Sperrsitz unterschieden. Die billigsten waren die „Rasierplätze“ ganz vorne.

Entlang der ganzen Mühldorfer Straße reihten sich die Wartenden, zum Teil mit eigenen Stühlen. Sie kamen zum Kino mit dem Bulldog, mit Rädern, Motorrädern und manche hatten über eine Stunde Fußweg. Einmal wurde dem Ederer sogar die Tür eingedrückt.

Den Eintritt zum letzten Film spendierte der Haager Kinopionier Eduard Ederer für den Neubau der Haager Orgel der Pfarrkirche. Da die Filmbranche in den Augen der Kirche damals in einem schlechten Ruf stand, scherzte Ederer bei der Übergabe des Geldes an Pfarrer Pfäffl: „Das ist sündiges Geld, das musst umwechseln.“ Doch der hatte keine Bedenken: „Na, na das nehm ich gleich mit.“

Vorführmaschine
aus Haag steht
im Kinomuseum

„Bis das Fernsehen gekommen ist, war es ein Renner“, erinnert sich Tochter Elisabeth Reiter. Ihr Vater hatte sogar den Plan für ein zweites Kino auf dem Tisch, doch die Besucherzahlen wurden rückläufig – er schloss sein Kino und starb zwei Jahre darauf. Den elektrischen Vorhang – auch eine seiner Erfindungen – hat niemand bedienen können, sodass sie ihn beim Umbau kaputt machen mussten.

Die Nachfolger hatten kein Glück. Das Kino lag auf Wirtsgrund mit dem Verbot für Bierausschank. Geblieben ist vom Haager Kino eine Vorführmaschine – eine zweite befindet sich im Düsseldorfer Kinomuseum. Außerdem die Programme und die großen Buchstaben „Filmtheater“, die bis zur Umnutzung auf die große Vergangenheit hinwiesen.

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