Isen – „Für viele pflegende Angehörige ist die häusliche Situation manchmal sehr schwierig“, sagt Patrizia Brambring, „sie stoßen oft an die Grenzen ihrer Kräfte“. Die Einsatzleiterin der Nachbarschaftshilfe Isen-Lengdorf-Pemmering weiß, wovon sie redet: Seit 26 Jahren ist sie nahezu täglich im Einsatz, um Kranke oder Senioren in ihren vertrauten vier Wänden zu pflegen und zu unterstützen. Dank einer Palliativausbildung begleitet sie auch Menschen auf ihrem letzten Weg.
Gedächtnisnachmittag
findet einmal
im Monat statt
Doch die erfahrene Fachfrau kümmert sich auch um den möglichst langen Erhalt geistiger und körperlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten. Unter anderem dafür gibt es seit sechs Jahren den Nachbarschaftstreff „Hand in Hand“ in der Bischof-Josef-Straße in Isen. Hier werden zweimal in der Woche neben einem warmen Mittagessen für die Betreuten auch verschiedene Beschäftigungen am Nachmittag angeboten. Bei unterhaltsamen Spielen und leichten Gymnastik-Übungen sollen in lockere Runde die Motorik geschult und das Gehirn fit gehalten werden.
Einmal pro Monat lockt montags ein besonderes Angebot, das im Prinzip zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen soll: Von 14 bis 16 Uhr gibt es im Treff den „Gedächtnisnachmittag“, der sich in erster Linie an Leute, deren Gedächtnis nachlässt, Demenzkranke und ihre Angehörigen richtet. „Das Angebot gibt es schon lange, es hat sich aber möglicherweise noch nicht weit herumgesprochen. Wir haben jedenfalls noch Platz für Teilnehmer“, sagt Brambring, die den Nachmittag gemeinsam mit gut geschulten Helfern gestaltet. Die Einsatzleiterin selbst hat sich mit einer Zusatzausbildung für die Betreuung von Demenzkranken fit gemacht.
Gemeinsam wird
gespielt, gesungen
und gelacht
Der Gedanke, der dahinsteckt, ist einfach: Die Angehörigen bringen ihren Schützling vorbei und haben zwei Stunden Zeit, etwas anderes zu erledigen. „Das klingt nach nicht viel, aber für manche ist schon diese kurze Spanne ein Gewinn“, sagt Brambring. Die Betreuten können in Gesellschaft beieinander sitzen und ratschen, es gibt Kaffee und Kuchen. Gemeinsam wird gespielt, gesungen und gelacht.
An diesem Montag Anfang Dezember sind nur wenige Interessenten gekommen. Zu ihnen gehört Roswitha Stockerl. Nach einem Schlaganfall muss die 54-jährige das Sprechen neu lernen. „Ich muss mich konzentrieren, dann klappt es“, sagt die Isenerin langsam mit betonter Stimme. „Sie macht gute Fortschritte, am Anfang ging es sehr viel schlechter“, lobt Brambring. Was ihr dabei hilft, sind auch viele speziell für das Gedächtnistraining entwickelte Spiele, die aus Spenden für den Treff angeschafft werden konnten.
So wie jenes, bei dem jeder Teilnehmer einen zuvor nicht sichtbaren Gegenstand aus einem Säckchen zieht. Er soll dann erklären, was es ist und war er damit tut. „Das ist ein Pinsel. Damit streiche ich die Glasur auf die Plätzchen“, sagt jemand am Tisch. Der nächste muss nicht nur seinen Gegenstand erklären, sondern auch wiederholen, was die anderen zuvor zu ihren Dingen gesagt haben. In diesem Beispiel sind es ein Sieb für Puderzucker, ein Teigschaber, ein Teefilter und Ähnliches. Schnell entsteht eine Geschichte übers Kuchenbacken und Teetrinken. Die Runde ist heiter und gelöst, wenn jemand nicht weiterweiß, helfen die anderen. Manchmal greift auch Inge Schadler, die an diesem Nachmittag als Helferin dabei ist, ein. Im Anschluss gibt es ein Spiel mit einem Würfel, der auf einer Seite ein Tropfen-Symbol hat. Fällt es beim Würfeln, greift die ganze Runde zum Glas, es wird ein Spruch aufgesagt und dann wird getrunken. „Viele alte Menschen trinken zu wenig“, sagt Brambring, „dieses Spiel hilft dabei, Flüssigkeit aufzunehmen“.
Es wird an den Gedächtnisnachmittagen viel gesungen, die Liedtexte sind vielen seit Jahrzehnten vertraut und werden aus dem Unterbewusstsein hervorgeholt. „Das hat meinem Mann gut gefallen“, erinnert sich Marianne Gaigl. Innerhalb von sechs Jahren hat sie ihren an Parkinson erkrankten Alois oft von Pemmering nach Isen in den Treff gefahren. „Dort war er gut aufgehoben und hat sich wohlgefühlt“, erinnert sich die 77-Jährige. Sie selbst habe die Zeit genutzt, in der nahegelegenen Turnhalle zum Seniorenturnen zu gehen. „Da hatte ich mal Zeit für mich“. Ihr Mann hatte derweil Vergnügen in der Runde. „Herr Gaigl hatte einen oft hintergründigen Humor, den wir sehr geschätzt haben“, erinnert sich Patrizia Brambring. Im Lauf der Jahre verschlechterte sich der Zustand von Alois Gaigl, der in Pemmering als Postbote und Mesner bekannt war. Seine Frau brachte ihn selbst noch im Rollstuhl in den Treff, auch wenn es ihr selbst schwerfiel. Aber die Sprach- und Motorikübungen verhalfen ihm zu ein bisschen mehr Selbstständigkeit. „Als es gar nicht mehr ging, kamen Helfer von der Nachbarschaftshilfe zu uns nach Hause und haben uns, neben der Caritas, unterstützt“, sagt Marianne Gaigl. Sie sei dankbar, dass es solche Einrichtungen gibt.
Für Patrizia Brambring ist das ein schönes Lob. „Es ist mir ein besonderes Anliegen, dass sich die Angehörigen immer mal wieder eine Pause gönnen. Sie leisten physisch und psychisch Enormes. Wenn noch mehr den Mut aufbringen, das Angebot zu nutzen, können wir den Montags-Treff auch gern zweimal monatlich anbieten“. Wer sich dafür interessiert, solle sich einfach bei ihr erkundigen.