Wasserburg – Was für ein Gefühlschaos: Gegen 19.30 Uhr Jubel, weil sich SPD-Bürgermeisterkandidat Michael Kölbl mit 63 Prozent der Stimmen deutlich gegen seine zwei Mitbewerber durchsetzen konnte, gestern Morgen dann Entsetzen bei der Bürgermeisterpartei: Sie hat im Stadtrat zwei Sitze verloren.
SPD: „Sitzverluste sind
zu Herzen gegangen“
SPD-Fraktionsvorsitzender Wolfgang Janeczka war zwar deutlich bemüht, die Fassung zu bewahren. Und doch ist ihm der Sitzverlust „sehr zu Herzen gegangen“, wie er einräumt. Denn es traf drei verdiente, erfahrene Stadtratsmitglieder: Nicht mehr dabei sind Marlene Hof-Hippke, ehemals Zweite Bürgermeisterin, Stadtwerkereferentin Dr. Christine Mayerhofer und Polit-Urgestein Peter Stenger – „tolle, geschätzte Kollegen“. „Es tut mir auch menschlich gesehen so leid“, betont Janeczka.
Neu im Team der SPD-Fraktion ist Dr. Martin Heindl, der für Bürgermeister Michael Kölbl, der auf sein Stadtratsmandat verzichtet, nachrutscht. Heindl stand auf Platz elf der SPD-Liste. Der Chefarzt der Gynäkologie an der Romed-Klinik Wasserburg ist in der Innstadt ein geschätzter Bürger.
Die SPD ist also Siegerin und Verliererin der Wahl gleichermaßen. Dass ihr Bürgermeisterkandidat so erfolgreich war, die Stadtratsliste jedoch nicht, „trifft uns sehr“, sagt der Fraktionsvorsitzende. Er glaubt, dass auch die Wasserburger Sozialdemokraten unter dem Minustrend der SPD auf Bundes- und Landesebene gelitten hat. Und vermutet, dass auch unpopuläre, jedoch dem Allgemeinwohl dienende und sachlich begründete Entscheidungen in der Stadtpolitik – etwa zur Einführung der Parkgebühren – geschadet haben. Am relativ hohen Altersdurchschnitt der Liste, die auf den vorderen Plätzen vor allem erfahrene Stadträte aufwies, kann es nach Überzeugung von Janeczka nicht gelegen haben. Denn: „Wir brauchen in diesen schwierigen Zeiten erfahrene Leute, wenn wir was bewegen wollen.“
Grüne: Alle gesetzten
Ziele erreicht
Wahlsieger in Wasserburg sind die Grünen – obwohl ihr Bürgermeisterkandidat Christian Stadler mit 13,9 Prozent der Stimmen noch hinter Heike Maas (23,1 Prozent) lag und schlechter abschnitt als 2014, als er auch angetreten war. Doch Grünen-Sprecherin Steffi König weist darauf hin, dass Stadler keinen Amtsbonus wie Kölbl hatte und aus beruflichen Gründen nicht die Zeit in einen aufwendigen Haustürwahlkampf investieren konnte wie Maas. Außerdem hätten die Grünen bei der Stadtratswahl ihre drei Ziele erreicht: einen Sitz hinzuzugewinnen sowie das Gremium mithilfe der Grünen jünger und weiblicher zu gestalten. Das hat alles geklappt: Mit Katharina Hausmann und Bettina Knopp sind zwei junge Frauen in den Stadtrat gerückt. Sie waren bei der Aufstellung der Liste bewusst auf die Plätze eins und zwei gesetzt worden. Bürgermeisterkandidat Stadler und König kandidierten erst danach. Bettina Knopp war sogar einmal Vorsitzende der Wasserburger SPD, war jedoch nach Auseinandersetzungen innerhalb der Partei zu den Grünen gewechselt.
König ist angesichts des zu 100 Prozent erreichten Ziels bei der Stadtratswahl „sehr zufrieden“. Auch vor dem Hintergrund der Tatsache, dass es in Wasserburg acht Listen gab, von denen vor allem zwei, die ÖDP und das Bürgerforum, auch typisch grüne Themen besetzen.
CSU: Erfolg ohne
Stimmenmagneten
Als Wahlsiegerin – „im bescheidenen Rahmen betrachtet“ – sieht sich nach Angaben des Vorsitzenden Wolfgang Schmid auch die CSU, denn sie hat ihr Ziel, die sechs Sitze zu halten, erreicht. „Das ist ein Erfolg, denn wir mussten auf große Stimmenmagneten der vergangenen Jahre verzichten“, sagt Huber. Dritter Bürgermeister Otto Zwiefelhofer beispielsweise war nicht wieder zur Wahl angetreten, Andreas Aß hört auf, Oliver Winter ist schon ausgeschieden. Dass es gelungen ist, die Sitze zu halten, liegt nach Einschätzung von Schmid am engagierten Wahlkampf „unserer Heike“. Sie habe stark gekämpft und viele Leute motiviert. „Super happy“ sei sie, berichtete gestern auch Heike Maas, die sich darüber freut, dass mit ihr und Elisabeth Fischer zwei Frauen der CSU im neuen Stadtrat sind und durch sie, Markus Bauer und Christoph Klobeck auch die Unternehmerseite stark vertreten ist. Als größte Partei setzt Schmid jetzt auf erfolgreiche Koalitionsverhandlungen. Und macht keinen Hehl daraus, dass ihm die Zusammenarbeit mit dem Wasserburger Block gut gefallen hat. Gemeinsam könne man die stärkste Fraktion und ein starkes bürgerliches Lager bilden, hofft Schmid. „Wir bedanken uns herzlich beim Wähler und sehen das gute Ergebnis als Auftrag, weiterhin ein verlässlicher Partner der Stadt zu sein.“ Die Themen seien vorgegeben: Bau des Depots, des Feuerwehrhauses, Sanierung des Badrias, Umsetzung des Stadtentwicklungsprogramms: „Wir haben viel Pflicht, wenig Möglichkeiten zur Kür“, so Schmid.
Wasserburger Block
nicht unzufrieden
„Wir haben unser Ziel, einen weiteren Platz, leider nicht erreicht, doch unzufrieden sind wir nicht“, zieht Armin Sinzinger für den Wasserburger Block Bilanz. Dieser hätte gerne einen dritten Sitz erobert und eine eigene Fraktion gebildet. Deshalb lautete das Fazit knapp: „Passt scho.“ Die Zusammenarbeit mit der CSU in der vergangenen Ratsperiode habe gut funktioniert, „da haben wir gute Erfahrungen gemacht“. Ob es auch im neuen Stadtrat so weitergeht, das müssten jetzt die Verhandlungen der nächsten Wochen zeigen. „Die Karten sind neu gemischt“, findet Sinzinger.
ÖDP: Auf Anhieb
einen Platz
Wahlsieger ist auch die ÖDP in Wasserburg: Auf Anhieb schaffte es die nur mit neun Kandidaten besetzte Liste, Christian Flemisch im Stadtrat zu platzieren. Keine Überraschung für den 48-Jährigen, denn die ÖDP hatte bei der Europa-Wahl 2019 fünf Prozent der Stimmen erhalten und sich für die Kommunalwahl in Wasserburg etwas ausgerechnet. So viele Stimmen gab es diesmal zwar nicht, doch es reichte für einen ersten Stadtratssitz. Für Flemisch ein großer Erfolg, denn die ÖDP hatte vor der Listenanerkennung zuerst Unterstützerunterschriften sammeln müssen. Schon dabei war der Zuspruch groß, jetzt hat die Partei die Früchte „der harten Arbeit“ geerntet, so Flemisch. Was ihn ebenfalls freut: Im neuen Stadtrat sitzen nach seiner Einschätung viele Mitglieder, die sich den Klima-, Umwelt- und Artenschutz auf die Fahnen geschrieben haben. „Das ist eine gute Basis für die Zusammenarbeit.“ Den Wahlerfolg will die ÖDP auch nutzen, um den eingeschlafenen Ortsverband Wasserburg wiederzubeleben.
Bürgerforum: Erfolg durch Verjüngung
„Sehr zufrieden“ äußerten sich auch die Vorsitzende des Bürgerforums, Edith Stürmlinger, und Fraktionsvorsitzender Lorenz Huber. Das Bürgerforum hat die drei Sitze gehalten – mit deutlich erhöhtem Stimmenanteil als 2014, als die Gruppierung um den dritten Platz zittern musste. Huber und Stürmlinger haben persönlich die besten Ergebnisse ihrer politischen Karriere eingefahren. Natürlich hätte das Bürgerforum gerne noch einen vierten Sitz erobert, doch das war eher ein Wunschgedanke, sagen sie. Den Erfolg führt Stürmlinger auch darauf zurück, dass sich das Bürgerforum personell deutlich verjüngt und einen Mitgliederzuwachs verzeichnet hat. Als Nachrücker stehe mit Markus Dresp, dem Zweiten Vorsitzenden, ein Vertreter der jüngeren Generation ziemlich weit oben. Auch Gastwirt Peter Fichter hat mehrere Listenplätze gutgemacht: Er schaffte es auf Rang fünf beim Bürgerforum.
Freie Wähler: Stark
in Reitmehring
Josef Baumann, Freie Wähler Reitmehring/Wasserburg, hätte zwar ebenfalls gerne für einen jüngeren Kandidaten einen weiteren Sitz geholt, zeigt sich aber „hoch zufrieden“ über die Tatsache, dass die zwei Plätze im Stadtrat gehalten werden konnten. Im Stammgebiet Reitmehring gab es besonders viele Stimmen, das freut Baumann auch angesichts der Kontroversen um das Feuerwehrhaus. „Unser Stammwähler haben uns signalisiert, dass wir hier auf dem richtigen Weg sind.“
Linke Liste hält
ihren Platz
Ihren Sitz im Stadtrat behalten hat auch die Linke Liste Wasserburg. Für die bisherige Stadträtin Sophia Jokisch übernahm den Platz Christian Peiker. Er war gestern berufsbedingt für eine Analyse nicht zu erreichen.