Rosenheim – Herzinfarkte, Alkoholexzesse und Randale: Durch seinen Beruf hat Michael Steidl einiges erlebt. Der 43-Jährige arbeitet als stellvertretender pflegerischer Leiter der Zentralen Notaufnahme des Romed-Klinikums in Rosenheim. Jetzt hat er gemeinsam mit dem Autor Fabian Marcher (41) ein Buch geschrieben.
Eine permanente
Anspannung
Wenn jemand stirbt, öffnet Michael Steidl ein Fenster. Es ist seine Art, mit dem Tod umzugehen. War es schon immer. Der 43-Jährige sitzt im Eingangsbereich der Notaufnahme in Rosenheim. Er trägt seine blaue Dienstkleidung, dazu weiße Sneakers. In seiner Brusttasche stecken zwei Kugelschreiber, seinen linken Unterarm ziert ein schlichtes, ringförmiges Tattoo. Vor 30 Minuten hat er seine Schicht beendet. Trotzdem schweift sein Blick immer wieder zu der großen gläsernen Schiebetür, durch die fast täglich blutende Unfallopfer auf der Trage hereingefahren werden oder Menschen hereinhumpeln, die umgeknickt sind. Im Moment ist wenig los. Michael Steidl nennt das „die Ruhe vor dem Sturm“. Er traut ihr nicht, weiß, dass jeden Moment das Telefon klingeln kann, um einen neuen Notfall anzukündigen. Diese „permanente Anspannung“ gehört seit 20 Jahren genauso zu seinem Leben, wie volle Urinflaschen, verärgerte Patienten und trauernde Angehörige.
„Langweilig wird es nie“, sagt er. Seine Antworten sind kurz, seine Stimme ist leise. Die Müdigkeit merkt man ihm an. Sie steckt in jedem Wort, in jeder Bewegung. Zeit zum Entspannen und Abschalten hat es für ihn in den vergangenen Monaten nur selten gegeben. Zum einen wegen seines Berufs. Zum anderen, weil er sich vor rund einem Jahr dazu entschieden hat, ein Buch zu schreiben, gemeinsam mit dem Rosenheimer Autor Fabian Marcher.
„Eigentlich habe ich damals nur blöd dahergeredet“, sagt Steidl. Er habe Fabian Marchers Frau, Julia Lorenzer, die damals seine Patientin war, erzählt, dass man in der Notaufnahme „so wahnsinnig viele interessante Geschichten erlebe“, ihm aber die Zeit fehle, alles aufzuschreiben. Zwei Wochen später hält er ein Kärtchen mit zwei Namen, einer Telefonnummer und einer E-Mail-Adresse in den Händen. Darunter die Worte „Betreff: Buchprojekt“.
Steidl kontaktiert das Paar. Sie treffen sich, lernen sich kennen. „Wir haben gemeinsam überlegt, wie so ein Buch aussehen könnte“, sagt Marcher. Der 41-Jährige ist ausgebildeter Buchhändler, arbeitet seit sechs Jahren als freier Autor und hat neben Kriminalromanen auch Reiseführer und Erfahrungsberichte veröffentlicht. Mit dem Schreiben kennt er sich aus, Erfahrung in der Medizin hat er keine.
„Eigentlich war die Idee, dass mir Mike von seinen Tagen erzählt und ich es aufschreibe“, sagt Marcher. Doch schnell sei ihm klar geworden, dass eine „authentische Nacherzählung“ so nicht möglich ist. Also beschließt er, Steidl zu begleiten. Aus einem Tag wird eine Woche, schließlich ein ganzer Sommer. Er ist bei Nachtschichten dabei, später beim Start des Herbstfestes. Er beobachtet, macht sich Notizen in seinem kleinen, schwarzen Buch. In den Pausen unterhalten sich die beiden Männer. Steidl beantwortet Fragen, erklärt Krankheitsbilder genauer. Marcher schreibt mit, verwandelt die kurzen Stichpunkte in ausformulierte Sätze. Er füllt Seite um Seite, jeden Tag sitzt er vor seinem Computer und arbeitet an dem Manuskript.
Ein Sommer unter
Ärzten und Pflegern
Die fertigen Entwürfe schickt er an Steidl, der sie liest, Korrekturvorschläge macht und überprüft, ob die Fachbegriffe stimmen. Im Februar ist das Buch fertig. Dann kommt Corona und erschüttert den Klinikalltag. „Uns war sofort klar, dass wir das nicht ignorieren können“, sagt Marcher. Also ändern sie einige Passagen, dokumentieren ihre „persönlichen Eindrücke aus dem Brennpunkt des Geschehens“. Drei Monate später schicken sie das Buch an ihren Verlag, mittlerweile wurde es veröffentlicht. Entstanden ist ein Buch, das einen Einblick in den Arbeitsalltag einer Notaufnahme gibt. Aber auch Probleme wie Pflegenotstand, die Belastung des Personals im Schichtdienst oder die zunehmende Gewaltbereitschaft gegenüber den Ärzten und Pflegern wird beleuchtet. Eine Spritze und ein Stift über den jeweiligen Kapiteln verdeutlichen, aus wessen Perspektive die Geschehnisse geschildert werden – von dem Laien oder dem Profi.
Keine Roboter
ohne Emotionen
„Es ist ein surreales Gefühl, das Buch jetzt in den Händen zu halten“, sagt Steidl. Er sei nervös gewesen, habe nicht gewusst, wie seine Kollegen, aber auch die Klinikleitung reagieren würden. Eben weil er keiner ist, der sich gern in den Mittelpunkt stellt. Doch die Sorge scheint unbegründet. „Die Resonanz war durchweg positiv.“
Er hofft, dass das Buch dabei hilft, den Beruf des Pflegers attraktiver darzustellen. Will informieren, warum „manche Dinge so sind, wie sie sind“. Dass Pfleger eben nicht nur „emotionslose Roboter“ sind, sondern unter der Arbeitsbekleidung ein Mensch mit einem Privatleben steckt. Jemand, der seit Tagen nicht mehr richtig geschlafen, oder gerade einen Patienten verloren hat. Bemitleidet werden will Steidl nicht, nur besser verstanden werden. Auch weil es irgendwann jeden einmal in die Notaufnahme verschlagen könnte.