Wasserburg – Im August erwarb die Stadt Wasserburg für ihre Museumssammlung einen kleinen Wandschrank aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Das Möbelstück zeigt auf einzigartige Weise den Übergang von der Gotik in die Renaissance und stammt aus einem bekannten Wasserburger Altstadthaus, erklärt Museumsleiterin Sonja Fehler.
Frisch aus der Restaurierung kommend, ist er nun im Museum eingetroffen: ein kleiner Wand- oder Nischenschrank. Schon auf den ersten Blick wirkt er mit seiner rot-schwarzen Bemalung, dem schmalen Türchen und dem Metallschloss recht geheimnisvoll.
Der hochrechteckige, hölzerne Schrank ist nur 65 Zentimeter hoch. Die schmale Tür lässt sich auf der rechten Seite öffnen. In ihrer Mitte ist ein rautenförmiger Beschlag mit einem ovalen Metallgriff angebracht, mit dessen Drehung sich die Tür öffnet. Auf der Innenseite befindet sich ein schmaler Metallriegel. Über 400 Jahre alt ist dieser Schließ- und Öffnungsmechanismus! In der Restaurierung wurde er wieder gangbar gemacht.
Beinahe von allen Seiten ist das Schränkchen mit einer roten Farbe bemalt, obwohl es an seinem ursprünglichen Bestimmungsort in die Wand eingelassen war und man nur die Frontseite sehen konnte. Dass seine Seitenteile dennoch farbig gefasst sind, ist als Qualitätsmerkmal zu verstehen. Allein die Rückwand sowie das Innere wurden roh belassen.
400 Jahre alter
Schließmechanismus
Doch nicht allein wegen seiner Wasserburger Herkunft ist der kleine Wandschrank als Museumsobjekt interessant, sondern darüber hinaus auch als Übergangsmöbel von der Zeit der Gotik zur Renaissance. Die einfache und massive Konstruktion seines Korpus sowie manche Elemente der Bemalung sind noch gotisch gehalten. Hierzu zählen die stilisierten Lilien in den Ecken sowie die Zirkelschlagornamente am Rand der Frontseite. Letztere leiten sich aus der Kreisform ab, welche für die Epoche der Gotik charakteristisch ist. Erste Anklänge an das Renaissance-Dekor lassen sich in dem schlank gestalteten Schloss und in der floralen Malerei auf der Tür finden. Die schwarze Farbe, in der die Blumenelemente auf dem roten Grund ausgeführt wurden, setzt sich aus Ruß und einer Kaseinbindung zusammen. Derartige arabesken und mauresken Pflanzenornamente kamen im 16. Jahrhundert in den deutschsprachigen Raum. Sie stammen aus dem vorderen Orient, wo sich diese Form der Ornamentik vermutlich aus dem islamischen Bilderverbot und spätantiken Dekorationsformen entwickelt hatte.
Das Schränkchen stammt aus dem Maikäferhaus am Heisererplatz und hat noch einen großen Bruder: Einen größeren, freistehenden Schrank mit ähnlicher Bemalung, der allerdings nicht den Weg ins Museum fand.
Exponat aus dem
Maikäferhaus
Hans Maikäfer war der letzte Wasserburger Wagner. Er führte seine Werkstatt am Kaspar-Aiblinger-Platz noch bis 1992 – da war er selbst bereits 82 Jahre alt. Schon Vater und Großvater gingen dem Handwerk nach, sodass Maikäfer ältere Werkstattteile aus dem 19. Jahrhundert der städtischen Sammlung schenken konnte. Sie fanden Eingang in die Dauerausstellung des Museums und sind im Dachgeschoss zu sehen.