Wasserburg – „Wir schaffen das!“ Vielen klingt der berühmte Satz von Bundeskanzlerin Angelika Merkel noch in den Ohren, den sie ab Ende August 2015 einige Male im Zusammenhang mit der stark gestiegenen Zahl aufgenommener Geflüchteter wiederholte. Zu diesem Zeitpunkt hatte Wasserburg schon gut zwei Jahre Erfahrungen mit dem Thema Asyl. Man reagierte nicht unvorbereitet auf die neuen Herausforderungen. Trotzdem war es Ende November 2015 nach der Belegung der Realschulturnhalle nicht leicht mit der Hilfe an sich, mussten doch knapp 400 Asylsuchende in der Stadt betreut werden. Mit dabei war von Anfang an Pfarramtsassistentin Monika Barthold-Rieger. Sie schaffte es, einen Helferkreis zu organisieren, der bis heute nicht kapituliert, wenn Probleme auftreten.
Wie ging es los mit dem Helferkreis?
Damals hat eine Mitarbeiterin der Diakonie eine Mail ins evangelische Pfarramt geschickt, in der wir informiert wurden, dass es in Wasserburg ein Haus mit acht Flüchtlingen gibt, die Betreuung bräuchten. Da haben Pfarrerin Zellfelder und ich beschlossen, es selbst zu machen. Das war eine gute Entscheidung, denn auch wenn es nicht möglich war und ist, diese Hilfe während der Dienstzeit zu leisten, ist es hilfreich, ein Büro als Anlaufstelle zu haben. So sind Ehrenamtlichen gleich versichert, da der Helferkreis zur Kirchengemeinde gehört. Im Moment gibt es im Stadtgebiet 14 Unterkünfte, die vom Landratsamt Rosenheim betrieben werden und die einzige Gemeinschaftsunterkunft im Landkreis.
Welche Hilfen waren Ende 2015 die dringlichsten, als fast täglich neue Geflüchtete zugewiesen wurden?
Wenn man in ein fremdes Land kommt, fühlt man sich gleich weniger schlecht, wenn ein netter Mensch einem die Hand reicht und bei den organisatorischen Dingen des Alltags Unterstützung anbietet. Einfache Sachen wie Arztbesuche, Mülltrennung, Einkaufen und Übersetzen der Behördenpost. Viele Bürger haben mitgeholfen. Organisiert wurde es so, dass für jede der damals 18 Unterkünfte ein Ansprechpartner zuständig war. Das ist noch heute so. Je größer die Unterkunft, desto mehr Ehrenamtliche gibt es. Somit waren 2015 etwa 80 Ehrenamtliche im Helferkreis tätig.
Mit unterschiedlichen Kulturen, unterschiedlichen Erwartungen, unterschiedlichen Probleme umzugehen erfordert viel Geduld und Kraft.
2015 hatten wir viele Helfer. Manche haben dann gemerkt, dass dieses Ehrenamt doch nicht für sie passt. Gründe dafür waren sicher unter anderem die Frustration über nicht erteilte Arbeitsgenehmigungen, aber auch der „Papierkrieg“, mit dem man plötzlich konfrontiert war. Die Unterstützung durch die Ehrenamtskoordinatoren der Caritas und dass man die Schützlinge zu den Experten der Asylsozialberatung schicken kann, ist da eine große Hilfe.
Viele Leute waren auch skeptisch, zeigten vor allem in den sozialen Medien offen ihre Ablehnung gegenüber den neuen Mitbürgern. Wie geht der Helferkreis damit um?
Naja, mich haben schon Leute angesprochen, die mir vorgeworfen haben, die Flüchtlinge wären hier, weil sie so gut unterstützt würden. Da frage ich: „Wie wäre die Situation ohne die Arbeit der Integrationshelfer?“ Im persönlichen Gespräch können Missverständnisse meist geklärt werden. In den sozialen Netzwerken ist das nicht so einfach. Man muss halt mit Trollen leben.
Das Patenprojekt Asyl Wasserburg erhielt für das Jahr 2015 den Sozialpreis des Landkreises Rosenheim. Bedeutete dieser Preis einen Motivationsschub?
Die Urkunde hängt im Pfarramt. Das ist eine schöne Erinnerung. Natürlich hat uns dieser Preis vom Landrat motiviert. Wir sind auf gute Zusammenarbeit mit dem Landratsamt angewiesen.
Lässt sich die ehrenamtliche Arbeit im Bereich Asyl von 2015 noch mit der von 2020 vergleichen?
Unsere Arbeit endet nicht mit der Anerkennung der Geflüchteten. Mittlerweile betreuen wir auch viele, die in eigene Wohnungen gezogen sind. Dann geht es um Hilfe bei der Arbeits- und Wohnungssuche, beim Umzug und Leben in Deutschland mit allen Rechten und Pflichten. Die Unterstützung der Kinder bei schulischen Belangen ist eine große Aufgabe, vor allem auch jetzt in Zeiten von Homeschooling.
Welche Unterstützungen wünscht sich das Team des Helferkreises?
Wir sind immer dankbar, wenn wir Menschen finden, die sich als „Paten“ um eine Familie kümmern. Zurzeit ist ein großes Problem, dass die sogenannten „Fehlbeleger“, also Menschen, die anerkannt sind und aus den Unterkünften ausziehen müssen und auch wollen, keine Wohnung finden. Interview: Karlheinz Rieger