Riedering − Am Salinweg in Riedering gibt es neue Mieter: Eine Falkenfamilie hat sich den Dachgiebel eines Hauses als Wohnung auserkoren. Nach wenigen Wochen Brutzeit wurde aus den zwei Untermietern eine zehnköpfige Großfamilie. Bald aber wird diese wieder ausziehen. Acht Falken-Jungen haben Horst Schmid und seine Frau gezählt, selbst das kleinste hat sich mittlerweile getraut, aus der Luke heraus in die große Freiheit zu starten. Falken habe er schon öfter in der freien Natur beobachtet, erzählt Schmid. Aber dass sie sich ausgerechnet das Wohnhaus seiner Nachbarin zum Brüten ausgesucht haben, freut ihn sehr.
Nach wochenlanger
Funkstille sind die
Kleinen geschlüpft
Im April sei „Frau Falke“ wohl schon am Brüten gewesen, denn „Herr Falke“ kam immer wieder mit einer Maus im Schnabel oder sonstigen Leckereien zur Dachluke und schlüpfte hinein in die gute Stube. Die alte Fernsehantenne eines anderen Nachbargebäudes diente den beiden schon vorher als Aussichtspunkt. „Vielleicht haben sie dadurch Geschmack an der Wohngegend gefunden“, mutmaßt Schmid. Dann aber herrschte wochenlang Funkstille.
Und plötzlich ging der Radau unter dem Dach los. Die Falken-Jungen seien jetzt sicher geschlüpft, habe er noch zu seiner Frau gesagt, berichtet Schmid. Seitdem begutachtet er − genau wie seine Gattin − immer wieder mit dem Fernglas und der Kamera den Dachgiebel der Nachbarin.
Zum Schlafen
ins Wohnzimmer
geflüchtet
Anneliese Schug, besagte Nachbarin, freut sich über die neuen Untermieter über ihrem Schlafzimmer. Dass sich das Falkenpaar ausgerechnet ihr Haus als Brutstätte ausgesucht hat, macht sie in gewisser Weise stolz. Doch nun werden die Jungvögel größer und der Appetit wächst, sodass der Lärmpegel stets sehr hoch ist: „Ab halb 3, 3 Uhr frühmorgens geht es los.“ Mittlerweile hat Anneliese Schug klein beigegeben und ist ins Wohnzimmer zum Schlafen umgezogen. Tagsüber schaut sie trotzdem gerne nach oben zu den Neumietern.
Und erst vor Kurzem sei sogar ein besonders neugieriges Junges direkt durch das offene Schlafzimmerfenster hereingeflogen, erzählt Anneliese Schug: „Erst aufs Bett und dann unter den Heizkörper.“ Als der Jungvogel dann die eigentliche Wohnungsbesitzerin wahrnahm, sei er auf dem selben Wege wieder verschwunden.
Falken mit
Kamera beim
Brüten beobachtet
„Erst wagen sie sich immer weiter nach vorne an die Brüstung, dann pumpen sie ganz heftig, und irgendwann trauen sie sich und fliegen los.“ Haargenau hat Schmid die Flugversuche der Jungvögel beobachtet und mit der Kamera festgehalten. In anderen Gemeinden wie Rosenheim oder Eggstätt haben die Verantwortlichen eine Kamera installiert, um die Falken beim Brüten zu beobachten. In Riedering gibt es keinen „Big Brother“, lediglich von außen nehmen die Anwohner am Leben der Falkenfamilie teil.
Erwin Heigl, seines Zeichens Falkner und unter anderem verantwortlich für das Falkenprojekt in Rosenheim, habe ihm, Schmid, gesagt, dass man für die Vögel nicht viel tun könne.
Erst wenn einer nicht fliege, komme er vorbei. Das sei aber nicht nötig gewesen, meint Schmid. Die Jungvögel hätten alle schon eine erste Flugrunde gedreht.
Doch dann tauchte doch noch ein weiterer Jungfalke auf: Gleich einem Uhu habe er aus der Dachluke geblinzelt, sei nach vorne getänzelt und habe sich dann doch zurückgezogen. Lautstark habe man seinen „Tititi-Ruf“ gehört.
Während Horst Schmid noch meinte, „der hat Hunger“, zeigte seine Frau mehr Mitgefühl: „Der fühlt sich sicher einsam.“ Irgendwann habe er sich aber doch getraut zu fliegen. Und nun ist es wieder ruhiger geworden am Salinweg. Schade, meint Schmid. Wenn sich die Jungvögel so gut weiterentwickeln, würden sie bald unabhängig und suchten sich ein eigenes Revier.
Ob sie sich im nächsten Jahr wieder am Salinweg einmieten, weiß Schmid natürlich nicht. Aber schön wäre es schon, wieder Untermieter zu haben, verrät er hoffnungsvoll.