Wasserburg – „Wer erkennt, wo schon neu aufgemauert worden ist?“, fragte Architekt Frank Hölldobler vom Büro Kayser & Böttges, Barthel & Maus die Stadträte, als er sie in die Geheimnisse der Sanierung der Stadtmauer einführte. Von der Neustraße bis zum Roten Turm wird die Wasserburger Stadtmauer entlang des Friedhofs saniert, schwer zu übersehen sind die überdachten Gerüste.
Die Stadtmauer vereint ein Baudenkmal, ein Bodendenkmal und ein Naturdenkmal. Letzteres hängt mit dem Efeu zusammen, der hier seit 150 Jahren wächst, wuchert und die Mauer zum Teil instabil gemacht hat (wir berichteten).
Als Baumaterial
zweckentfremdet
„Die Steine der Mauer wurden in früheren Jahrhunderten auch abgetragen und als Baumaterial verwendet. Im 19. Jahrhundert haben Anwohner einfach in einer Nacht- und Nebelaktion im unteren Bereich Mauersteine herausgenommen, damit die Fuhrwerke durchpassten. Damals gab es ein Verfahren der Stadt gegen einzelne Bürger“, berichtete Bürgermeister Michael Kölbl (SPD). Die „Ausdünnung“ ist klar zu erkennen, der Architekt spricht von „ausgefressenen Bereichen“.
Der Architekt teilte die Mauer ein: Der untere Teil stammt aus dem 13. Jahrhundert, der obere aus dem 15. Jahrhundert. Im oberen Mauerbereich seien auch Ziegel verbaut und kleinere Steine, weiter unten sieht man die dicken Fluss-Steine. Die Ziegel sind abgeplatzt und manche komplett bröselig, Letztere werden partiell ersetzt. „Alle auszutauschen, das würde den Charakter der Mauer verändern“, so der Architekt.
Teile, die nicht mehr allein tragfähig sind, werden wieder aufgemauert und bekommen Edelsteinanker. Die ersetzen Bindersteine, „damit nicht eine ganze Mauerpartie rausklappt“, sagt er an einer Stelle außerhalb des Friedhofs.
Beim Restaurieren treffe man auf eine äußere „Schale“ sowie das innere Kernmauerwerk. So besteht die Mauer aus unterschiedlichen Schichten, die unterschiedlich gefertigt sind und ebenso vielfältige Eigenschaften aufweisen. So habe die Kernmauer eine schlechtere Druckfestigkeit als das Schalenmauerwerk –und hier seien verschiedene Bearbeitungsweisen gefragt. Daher wurden verschiedene „Bemusterungen“ gemacht, also an kleinen Flächen ausprobiert, ob Farbe und Körnung beim Kalkmörtel zur Umgebung passen.
An einer Stelle nahe des Friedhofstores waren die Steine der Kernmauer freigelegt. Hier erklärte er, wie versucht werde, den alten Mörtel möglichst zu erhalten und Hohlräume zu verfüllen. Dabei komme das Trockenspritzverfahren zum Einsatz. „So kommt man viel tiefer in die Mauer hinein – im Gegensatz zur händischen Verfugung“, so Hölldobler. Und der Mörtel werde druckstabiler. Partiell werde wenig Material eingebracht, ein schnelles Verarbeiten durch einen erfahrenen Handwerker sei nötig. Derzeit sind zwölf Mann im Einsatz.
Die Mauer auf der Innenseite des Friedhofes ist in besserem Zustand. Hier werden „nur die Flanken leicht geöffnet und, wo nötig, neu verfugt“, so Hölldobler. Durch die Witterung seien Risse entstanden. Hier könne auch der Efeu reinwachsen. „Oben an der Mauer ist der Zustand am schlimmsten, die Krone ist stark der Witterung ausgesetzt“, stellte Bürgermeister Kölbl fest.
An manchen älteren Mauerteilen mussten die Fugen weiter zurück in die Mauer gesetzt werden. Für das einheitliche „Mauerbild“, so Hölldobler, der die Stadträte mit aufs Baugerüst nahm und ihnen erklärte, warum die Betonpfeiler, die mancher Anwesender als „brutalistisch“ bezeichnete, bleiben müssen: An ihnen ist die Mauer mit Stahlstützen „aufgehängt“. Insgesamt elf kleine Löcher hat man dafür gebohrt. Aus Platzgründen stehen die Pfeiler innerhalb des Friedhofes. „Diese Betonstelen sind immer noch der minimalste Eingriff in den Bestand. Und sie dienen dem Efeu als Rankhilfe. Wenn man den Efeu an der Mauer lässt, zerstört er sie über kurz oder lang“, sagte Hölldobler.
Maßnahme kostet
1,8 Millionen Euro
Wolfgang Schmid (CSU) stellte die Frage, ob man die Stadtmauer in eine mögliche Neubebauung, die nach dem Umzug der Feuerwehr angedacht sei, integrieren könnte. Da es sich um ein identitätsstiftendes Denkmal, das immer alleine stand, handle, schüttelte Bürgermeister Kölbl den Kopf. „Das ist auch bauphysikalisch nicht sinnvoll, die Mauer isoliert nicht“, erklärte Christian Stadler (Grüne), der selbst Diplom-Ingenieur im Bereich Architektur ist. Vermutlich werde die Maßnahme in einem Jahr abgeschlossen sein und etwa 1,8 Millionen Euro kosten, so Kölbl. Laut Architekt sei die Einhaltung des Kostenrahmens realistisch.