Die Bierphilosophen von Wasserburg

von Redaktion

Ein Besuch bei den Hobby-Brauern in ihrer Vereinsküche – 2022 wird ausgeschenkt

Wasserburg – So schmeckt „The way to Amarillo“. Das Pale Ale englischer Brauart hat einen frisch-fruchtigen Geschmack – ein wenig nach Zitrus, ein wenig harzig. So außergewöhnlich kann Gerstensaft munden, wenn er selbst gebraut ist. In Wasserburg gärt der Sud, 27 Jahre nach Schließung der letzten Braustätte, wieder – dank des Vereins Wasserburger Bierkultur.

Wer die Mitglieder in ihrer auf Hochglanz polierten Vereinsküche besucht, bekommt noch mehr ausgeschenkt: den „Burgerfelder BBQ“ oder das Wasserburger Ur-Weiße. Denn nicht erst seit der Vereinsgründung vor wenigen Wochen wird in Wasserburg gebraut – daheim in der Küche oder im Keller, sogar in der Garage. Es gibt eine große Szene von Hobbybrauern, berichtet der Verein.

Innstadt ist eine
Hochburg gewesen

Wasserburg ist eine Bierstadt geblieben, obwohl es hier keine gewerbliche Brauerei mehr gibt. Die letzte (Fletzinger-Bräu) schloss 1994. Im 19. Jahrhundert gab es über 15 Brauereien, im Mittelalter noch viel mehr. In Wasserburg erfand 1878 außerdem Lorenz Adalbert Enzinger den Bierfilter. Nach wie vor prägen viele Symbole der Braukunst die historischen Häuserfassaden.

Diese Tradition hat sich bis heute gehalten. Es gibt viele Bürger, die daheim ein eigenes Bier herstellen. So wie der ungekrönte „Meister“ der Wasserburger Hobbybrauer: Georg Raab, dessen Biere – darunter das dunkle „U-Fleck-Kuh“ – Kultstatus in der Stadt genießen. Oder wie der Zweite Vorsitzende des Vereins, Robert Voggenauer (49). Der Wasserburger startete vor sechs Jahren im Einkochautomat für Marmelade. „Der erste Sud war furchtbar“, erinnert er sich schmunzelnd an seine Anfänge. Mittlerweile legt er regelmäßig einen Brautag ein, pflegt eine eigene Homepage und versorgt seine Fangemeinde mit immer wieder neuen Gerstensäften. „Ich mag gerne gute Sachen“, sagt er, „es macht einfach Spaß, ein hochwertiges Lebensmittel selber herzustellen“.

Der „Burgerfelder BBQ“ schmeckt auch der Redakteurin der Wasserburger Zeitung, eine Weintrinkerin, hervorragend. Anders halt, ein Grund, warum Vereinsmitglied Tilmann Diehl (57) so gerne selber braut: Viele Industriebiere schmecken nach seiner Meinung vergleichbar. Wobei: Die Hobbybrauer von Wasserburg kaufen gerne auch aus dem Getränkemarkt. Voggenauer, der als Produktmanager viel unterwegs ist, „sammelt“ Bier auf seinen Geschäftsreisen – und probiert immer wieder neue regionale Sorten aus.

Sie wird ein echtes Wasserburger Bier ergänzen, das 2022 zum ersten Mal – vermutlich bei einem Wasserburger Fest – ausgeschenkt wird, verspricht Vereinsvorsitzender Fabian Pleizier. Der Kriminalbeamte (35) hat seinen Vereinskameraden und -kameradinnen (auch Frauen sind dabei und im Vorstand) bisher nur über die Schulter geschaut. Doch auch er wird sein eigenes Bier herstellen und dabei auf die Erfahrungen der Hobbybrauer aufbauen. Denn der Austausch von Wissen steht im Fokus des Vereins, berichtet Pleizier.

Eigentlich ist Bierbrauen gar nicht so schwer: Denn es braucht nur Wasser, Malz, Hopfen, Hefe. Eigentlich. „Vier Zutaten – 1000 Rezepte“, bringt Diehl die Vielfältigkeit auf den Punkt. Und charakterisiert, worauf es ankommt: „dass die Enzyme arbeiten“. Sie sorgen dafür, dass aus dem Getreidekorn die Inhaltsstoffe gelöst werden. Außerdem kommt es nach Erfahrungen von Voggenauer auf viele kleine Details an: den Härtegrad des Wassers, die Temperatur während der verschiedenen Brauphasen, die Gärzeit, die Hopfenzugabe. „Bier ist ein Lebensmittel mit vielen Facetten“, findet Pleizier. „Jeder, der Bier braut, hat seine eigene Philosophie“, stellt er fest. Was jeder ebenfalls benötigt: Zeit und Geduld – beim Maischen, Läutern, Kochen, Kühlen, Gären, Reifen, Abfüllen, Lagern.

Das weiß auch einer, der das Bier beruflich ausgeschenkt hat: Heinz Wollny, früher Wirt im Wasserburger Land. Eigentlich ist er ein Weintrinker, sagt der 72-Jährige, doch das Bier der Heimbrauer schmeckt auch ihm sehr gut. Jetzt will er auch lernen, wie es gebraut wird. Der Verein ist zur Freude des Vorsitzenden Pleizier ein „bunter Haufen“: Dabei seien auch Vertreter von Berufen aus der Lebensmitteltechnik, Experten für Biologie und Chemie, IT-ler, Banker, Gastronomen, Handwerker und Kommunalpolitiker. „Jeder ist willkommen“, sagt der Vorsitzende.

Am 30. August ist Stammtisch im Café Central ab 20 Uhr (unter Einhaltung der Pandemieregeln) – offen für Neugierige, die die Vereinsarbeit kennenlernen wollen. Eine Mitgliedschaft kostet 20 Euro im Jahr, Spendenquittungen kann der Verein, der als gemeinnützig anerkannt ist, auch schon ausstellen, so Pleizier.

Steuern trotz
Gemeinnützigkeit

Trotzdem: Der Verein Wasserburger Bierkultur muss für jeden Hektoliter Steuern zahlen (9,44 Euro) und hat sich dafür beim Hauptzollamt in Rosenheim angemeldet. Jeder Heimbrauer hat persönlich eine Freimenge von 200 Litern im Jahr, so der Vorstand.

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