Prien – Im September eröffnet eine neue psychosomatische Tagesklinik der Schön Klinik Roseneck als einzige dieser Art in der Region. Im Interview spricht Professor Dr. Dr. Andreas Hillert, Chefarzt der Psychosomatik und Psychotherapie, über die neue Zweigstelle.
Herr Hillert, was ist der Hintergrund für die Neueröffnung der Klinik?
Aktuell sind die Wartezeiten für psychotherapeutische Behandlungen bundesweit extrem lang – teilweise müssen Patienten viele Monate in Kauf nehmen, ehe sie aufgenommen werden können. Es gibt also einerseits einen sehr großen Bedarf. Andererseits füllt die Tagesklinik eine Lücke für Patienten, für die einmal in der Woche stattfindende psychotherapeutische Gespräche nicht ausreichen – etwa, weil sie so massiv beeinträchtigt sind, dass es ihnen nicht adäquat möglich ist, einen normalen Alltag zu gestalten. Patienten ab 16 Jahren, die Unterstützung bezüglich der Tagesstruktur und intensive Betreuung benötigen – aber noch so stabil sind, dass sie weiterhin zu Hause wohnen können – sind in unserer Tagesklinik an der richtigen Adresse.
Wie sind Sie auf Prien gekommen?
Nachdem es bislang nur in den Großstädten und in Rosenheim entsprechende Angebote gab, rücken wir gewissermaßen in den Chiemgau auf. Bevor Patienten nach München fahren, haben sie jetzt die Möglichkeit, eine tagesklinische psychosomatische Betreuung am Chiemsee wahrzunehmen. Das ehemalige Hotelgebäude in der Seestraße 5 bot sich mit seiner Lage für unsere Zwecke an. Die Möglichkeit, eine Tagesklinik in Prien in Bahnhofsnähe fußläufig zu errichten, nahmen wir gerne an.
Wann fällt der Startschuss für den Klinikbetrieb?
Wir werden am 13. September starten – bis dahin sollte der Umbau abgeschlossen sein. Die Tagesklinik steht dann von Montag bis Freitag von circa 8.30 bis 17 Uhr offen.
Wie ist die Klinik aufgebaut?
In den oberen Stockwerken befindet sich künftig die Verwaltung und eine Ambulanz. Erdgeschoss und erster Stock werden im Wesentlichen die Gebäude für die Tagesklinik mit Gruppengesprächsräumen. Außerdem gibt es eine Lehrküche für Menschen mit Essstörung. Gestaltungstherapieräume befinden sich im Gebäude gegenüber. Damit möchten wir ein umfangreiches Therapieangebot machen.
Welche Art von Patienten behandeln Sie hier?
Die eine Hälfte der insgesamt 30 Plätze ist für Menschen mit Essstörungen wie Anorexie und Bulimie vorgesehen. Die andere Hälfte für Menschen, die unter Depressionen, Ängsten oder Zwängen leiden. Die Patienten werden von 16 Mitarbeitern betreut – darunter Ärzte, Therapeuten, Co-Therapeuten und Ökotrophologen.
Die Behandlung ist kognitiv-verhaltenstherapeutisch ausgerichtet – was darf man sich darunter vorstellen?
Kognitiv steht für unsere Gedanken, und Verhaltenstherapie setzt, wie der Name schon sagt, am Verhalten an. Dabei steht zunächst die Diagnose im Fokus und die Frage, was die jeweiligen Symptome aufrecht erhält.
Die Tagesklinik behandelt ihre Patienten nur tagsüber. Welche Vorteile hat das?
Die Patienten müssen sich nicht in einer ganz neuen Umgebung einfinden, sie bleiben in Kontakt mit ihrer realen Lebenssituation, ihrer Familie und dem Freundeskreis. Viele Probleme aus dem Alltag können unmittelbar dort gelöst werden, wo sie auftreten.
Haben sich Krankheitsbilder in der Psychosomatik seit Beginn von Corona verändert?
Anmeldezahlen bestätigen: Der Bedarf ist in allen Altersgruppen gestiegen. Die Kliniken haben so viele Anmeldungen, dass sie gar nicht alle zeitnah aufnehmen können. Gerade Menschen, die vorher schon psychische Probleme hatten, sind durch die Einschränkungen zurückgeworfen worden – aufgrund fehlender Tagesstruktur, durch Untätigkeit und insbesondere auch durch die deutliche Reduzierung sozialer Kontakte. Ganz besonders betroffen sind Jugendliche. Ich hoffe sehr, dass keine Schulschließungen mehr folgen, denn die Heranwachsenden leiden besonders unter solchen Einschränkungen. Um diese wichtigen Entwicklungsphasen angemessen bewältigen zu können, sind intensive Sozialkontakte essenziell. Auch ältere alleinstehende Leute zeigen vermehrt psychische Auffälligkeiten. Dazu kommen Menschen, die durch die Einschränkungen – vom Künstler bis zum Koch oder auf die Ausstattungen von Geschäften spezialisierte Innenarchitekten – beruflich und wirtschaftlich besonders gebeutelt waren oder sind. Der Flurschaden, den Corona auch diesbezüglich angerichtet hat, ist erheblich.
Interview: Marina Birkhof