„Wegen Erfolgs aufgelöst“

von Redaktion

Haager Müllverein gibt es seit über 20 Jahren nicht mehr – Geschichte um die Deponie

Haag – Nun weiden friedlich Schafe auf dem Hügel, der einst für Zündstoff zwischen der Gemeinde und dem Landkreis gesorgt hat. Die Mülldeponie am Schachenwald wurde vor 40 Jahren in Betrieb genommen und vor gut 30 Jahren wieder geschlossen.

„Wegen Erfolgs aufgelöst“ – mit dieser Schlagzeile endete vor über 20 Jahren die Geschichte des Haager „Müllvereins“. Die Früchte der Initiative genießen die Bürger heute noch, davon ist die damalige Vorsitzende und heutige Bürgermeisterin Sissi Schätz überzeugt. Ziele dieser Bürgerinitiative waren die Sanierung und Rekultivierung der Mülldeponie, die Senkung der Müllgebühren, das Einrichten eines Wertstoffhofs und das Aufstellen von Containern.

Aktionsgemeinschaft
gegründet

Die „Aktionsgemeinschaft Müllvermeidung, Sortierung und Verwertung“ entstand aus der Protestbewegung gegen die Mülldeponie des Landkreises im Haager Westen am Schachenwald. „Es hat permanent gestunken“, so Bürgermeisterin Schätz im Rückblick auf die Geschichte des „Müllvereins“. Sie hatte den Vorsitz über zehn Jahre inne.

1983 begann der Streit um die Anlage der „Hausmülldeponie“ des Landkreises im äußersten geografischen Zipfel des Haager Schachenwaldes. Der Bund Naturschutz und später die „Aktionsgemeinschaft Müll“ traten in Aktion, führten Informationsveranstaltungen durch und motivierten die Haager zum Protest gegen die Obrigkeit.

Heide Schmid-Schuh rief für den Bund Naturschutz, den sie damals als Vorsitzende leitete, zum „Windmühlenkampf der Bürger gegen den Müll“ auf. Sie führte als Argument die Geruchsbelästigung an, die über Gutachten dann auch nach „Geruchsfrachten“ im Zentrum des Ortes gemessen wurde. Auch die Beunruhigung der Bürger über mögliche Verunreinigungen des Grundwassers begründeten den „Windmühlenkampf“.

Laut Gutachten gab es plötzlich mehrere Fließrichtungen des Grundwassers. Nach etlichen Veranstaltungen schlossen sich die Gegner 1988 zur „Aktionsgemeinschaft Müll“ zusammen. Zwei Jahre später organisierten die Mitglieder gegen die geplante Umladestation die größte Demonstration in der Haager Geschichte: mit Transparenten, Polizeigeleit und Straßenabsicherung.

1983 bis 1992 war die Haager Deponie in Betrieb – als letzte des Landkreises. Sie verfügte über fünf Hektar mit einem Verfüllvolumen von 450000 Kubikmetern. Die Verfüllung erfolgte in drei Abschnitten. Ebenso verlief die Rekultivierung in drei zeitlichen Abständen. Rekultivierung bedeutete laut dem „Referat Kommunale Abfallwirtschaft“ am Landratsamt Mühldorf, dass Leitungen zur Erfassung des Sickerwassers und des entstehenden Gases eingebaut und eine mit den Fachbehörden und der Regierung abgestimmte Oberflächenabdichtung aufgebracht wurde. Mit einem „Fest ganz anderer Art“, dem „Deponiefest“, legten dann die Haager einen langen Streit mit den Behörden und dem Landrat bei.

Zur Feier am Fuße des grünen Hügels vor den Toren des Haager Westens war auch die damalige zuständige Referentin aus dem Landratsamt, Kriemhild Heller, gekommen. Landrat Erich Rambold, wohl der Auseinandersetzung um den Standort Haag leid, sagte ab. Der große Ansturm der Bevölkerung blieb aber ebenfalls aus. Mit bei der Begehung des Deponiehügels in eigens vorgesehenen Gummistiefeln war der damalige Bürgermeister Hermann Dumbs. 1993 tauften die Haager ihren Fasching gar „Deponiefasching“ und kreierten fantasievolle Kostüme. Bürgermeister Dumbs schloss sich als Deponie-Sheriff dem Zug an, sein Stellvertreter Hans Kürzeder als Deponie-Cowboy.

Was an rauchende Colts, stinkende Abgase und Rechtsstreit erinnert, scheint nun friedlich und ganz im Sinne ökonomischer Zukunftsentwicklung abzulaufen, wie das Landratsamt kürzlich mitteilte: Auf dem Biotop der Deponie blühen bunte Kräuter, Wiesenglockenblumen, Flockenblumen, Hornklee. Darüber grasen Schafe und flattern Perlmuttfalter.

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