Schweiß und Regenschirme

von Redaktion

Ministerpräsident Markus Söder bei der Hitzeschlacht im Mühldorfer Festzelt

Mühldorf – Nur einfach ins Zelt reinspazieren ist an diesem heißen Sommerabend nicht möglich. Erreichbar ist das Erhartinger Festzelt einen Tag vor dem Wiesnauftakt nur über zwei Eingänge an der Altöttinger Straße. So verlangt es das Sicherheitskonzept der Stadt Mühldorf. Schon auf der Straße bilden sich lange Schlangen, die sich 20 Meter vor dem Zelt in Männlein und Weiblein aufspalten. Denn vor den Zelteingängen werden auf Betreiben der Kreis-CSU Taschen kontrolliert und Besucher genau unter die Lupe genommen. „Darf ich Sie abtasten?“, fragt die Dame vom Sicherheitsdienst.

Bier und
Mineralwasser

Bei den Männern ist der Ton legerer: „Wer war noch nicht dran?“

Wer die Kontrolle nicht zulassen will, dem wäre der Zutritt verwehrt geblieben. Unter den Wartenden wird gemunkelt: „Es soll Drohungen mit Spuckattacken und Störaktionen gegeben haben.“

Das Festzelt ist mit 1300 Menschen voll, nur die seitlichen Boxen sind magerer besetzt. Auf den Tischen CSU-Fähnchen und Wahlwerbung der Landkreiskandidaten für die Wahlen am 8. Oktober, Flyer von großem Wert.

Dem Landesvater
lauschen

Gelesen werden sie zwar kaum, angesichts der Saunatemperaturen umso heftiger von den Schwitzenden als Fächer genutzt. Schweiß, Bier und Mineralwasser fließen in Strömen. Hauptsache dabei sein und dem Landesvater lauschen.

Bei Söders Einmarsch zu den Klängen des bayerischen Defiliermarschs – schneidigst intoniert von der Blaskapelle Altmühldorf – springen die meisten Besucher klatschend auf, viele zücken ihre Handys, um den Moment festzuhalten. An seinem Platz von den CSU-Granden des Landkreises begrüßt, nimmt sich Söder flankiert von Personenschützern Zeit, um Fans für Fotos in den Arm zu nehmen und Autogramme zu schreiben. Danach noch ein Prosit mit Landrat und CSU-Kreisvorsitzendem Max Heimerl und ein tiefer Schluck aus dem Masskrug, auf dem Söders Name eingraviert ist.

Als Heimerl in Lederhose und Wadlstrümpf‘ auf der Bühne zur Wiederwahl Söders aufruft, sind durch den offenen Zelteingang Trillerpfeifen zu hören. Sie kommen von einem Grüppchen Männer, sie stehen an der Altöttinger Straße. Die Polizei hat sie dorthin verwiesen, wie Josef Bernhart, Leiter der Polizei Mühldorf und Einsatzleiter des Abends sagt. Mit in die Luft gehaltener Roter Karte und einem Plakat um den Hals bleiben sie dort, bewacht hinter einer Polizeiabsperrung, und blasen immer wieder in ihre Trillerpfeifen.

Als Söder die Bühne betritt, bewaffnen sich seine Leibwächter vor der Bühne plötzlich mit Regenschirmen. Sie sollen wohl dazu dienen, den Ministerpräsidenten vor Wurfgegenständen zu schützen. Doch an diesem Abend fliegt nichts. Nur wenige Male ist ein leises „Buh“ aus den Tiefen des Bierzelts zu vernehmen.

Perspektiven für
ein gutes Leben

Söder spricht den Seinen aus dem Herzen: „Die Seele Bayerns ist auf dem Land daheim. Die Menschen auf dem Dorf haben mehr Verstand als die in einem Berliner Schickimicki-Viertel.“ Auch, wenn manche schreien und pfeifen würden, für ihn und die Zuhörer steht fest: „Wir leben im schönsten Land der Welt. Im Freistaat Bayern!“

Er möchte Groß und Klein auch weiterhin Perspektiven für ein gutes Leben bieten, „Hoffnung und Optimismus“ vermitteln. „Wir werden auch diese Krise überstehen“, ruft er markig ins Zelt. Deutschland brauche ein CSU-geführtes Bayern, denn die Ampel-Regierung benötige ein Gegengewicht. „Eine Regierung hat sich in erster Linie um die eigene Bevölkerung zu kümmern“, nicht um Ukrainekrieg und andere Probleme auf der Welt. Das eigene Volk dürfe nicht verunsichert und mit ideologiegetriebenen Ideen wie dem Heizgesetz unter Druck gesetzt werden.

Den Landwirten will er wieder mehr Freiheit verschaffen, sie als Lebensmittelerzeuger von Bürokratie und Vorschriften befreien. Eines sei doch klar, unterstellt Söder: „Die halbe Welt frisst und säuft bayerisch!“ Überhaupt dürfe jeder essen und trinken, was er wolle. Dazu gehöre, dass man nicht schon in Kitas Fleisch und Wurst verbiete und nur auf vegetarisch oder vegan setze. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Kindergeburtstag mit Brokkoli ein Erfolg werden soll“, ruft er ins lachende Publikum.

Söder zählt auf, was Bayern und Deutschland braucht und wofür die CSU sorgen will: Die Stromsteuer für alle senken, für die Großindustrie genauso wie für den Bürger; die Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel wie Brot, Fleisch, Gemüse soll auf null gesenkt werden: „Alle Familien müssen sich das Essen wieder leisten können.“

Söder prognostiziert, dass die Ampel 2025 keine Mehrheit mehr haben werde und dann die neue Regierung unter Mitwirkung einer starken CSU das Heizgesetz abschaffen werde; die Erbschaftssteuer aufs Elternhaus werde die CSU mit einer Klage in Karlsruhe zu Fall bringen; er wettert gegen die Abschaffung von Noten und Tabellenlisten im Kinderfußball: „Kinder brauchen ein Gefühl für Leistung“; er werde auch dafür sorgen, dass die medizinische Versorgung auf dem Land auch in Zukunft der in Großstädten in nichts nachsteht.

Er habe nichts gegen das Gendern, könne und wolle selbst aber nicht so sprechen. „Verpflichtendes Gendern in Schule und Hochschule wird es mit mir nicht geben“, und er nennt die Grünen eine Partei der „Umerziehung und Verbote“. Deshalb sei für ihn klar: „Ich will keine Grünen in der bayerischen Staatsregierung!“

Gegen stärkeren
Einfluss der AfD

In Bezug auf die AfD spricht er sich vehement gegen deren stärkeren Einfluss in Bayern und deren Pläne zum Austritt aus EU und Nato aus. „Ich sage Nein zur Ampel und Nein zu Radikalen. Ich sage Ja zu einem starken Bayern.“ Um das zu erreichen, sollten die Menschen im Zelt ihren „jetzt verschwitzten“ Ministerpräsidenten wählen: „Ich bin kein ‚Gaudibursch‘, ich kämpfe darum, mein Land zu beschützen. Ich will, dass alle gleiche Chancen haben, will, dass Bayern etwas Besonderes ist, nicht nur irgendein Bundesland.“

Komplett
durchgeschwitzt

Danach bleibt es Söder nur noch, in sein begeistertes Publikum zu winken und sich zu verneigen. Hemd und Sakko komplett durchgeschwitzt, reicht ihm jemand ein Handtuch.

Söder witzelt: „Udo Jürgens hatte in solchen Momenten immer einen Bademantel.“ Bayernhymne, Deutschlandlied, dann fährt er in seinem Wagen in die Nacht, begleitet von den schrillen Tönen einiger Trillerpfeifen.

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