„Ich möchte keine Minute missen“

von Redaktion

Christoph Betzl aus Rott feiert 75. Geburtstag mit ehemaligen Rivalen der Rennbahn

Rott – Gemeinsam haben sie über 1700 Rennen bestritten, über 400 Siege und 900 Podestplätze erreicht, waren fünfmal Weltmeister und viermal Vizeweltmeister: Karl Maier (66) aus Neufinsing, Alois Wiesböck (73) aus Niederbergkirchen und Christoph Betzl aus Rott. Jetzt diskutierten sie über alte Zeiten.

Anlass war der 75. Geburtstag von Betzl, der eingeladen und eine Führung in der Klosterkirche und einen Besuch in der Gruft der Familie Franz Josef Strauß organisiert hatte, beides nur einen Katzensprung entfernt von Betzls Wohnhaus und Werkstatt. Als Überraschungsgast dabei war der ehemalige Bayerische Wirtschaftsminister Otto Wiesheu (1993 bis 2005) aus Zolling.

Franz Josef Strauß
war Motor-Experte

„Ich bin schon immer Bahnsportfan, habe früher regelmäßig Rennen in Wolnzach, Olching, Mühldorf und Nandlstadt besucht“, gestand Wiesheu, der seither einen engen Kontakt zu den einstigen Rivalen der Rennbahn hat. Und noch etwas gab er Preis: „Franz Josef Strauß war ein absoluter Motorsportexperte, wuchs quasi auf der Rennbahn auf!“

Das konnte Geburtstagskind Christoph Betzl bestätigen, der mit der Strauß-Familie eng befreundet war. „Strauß war einst Schmiermaxe bei Sepp Giggenbach aus Mühldorf, der auf Sand- und Grasbahnen daheim war, ebenso auf dem Eis. Franz Josef konnte einen Jap-Motor komplett auseinander und wieder zusammen bauen. Begriffe wie Verdichtung, Zylinderkopf, Kolben, Massestecker oder Zündspule waren sein Gebiet.“

Natürlich ging es in der gemütlichen Plauderrunde fast nur um ehemalige Zeiten. Ob Maier, Wiesböck und Betzl mal bei einer Veranstaltung in einem Rennen gemeinsam am Start waren, tauchte die Frage auf. Betzl, der schon immer genaue Statistik führt, wusste es sofort. „Natürlich, im Weltmeisterschaftsfinale 1980 am Eichenring im niedersächsischen Scheessel vor 30000 Fans“, kam es wie aus der Pistole geschossen. Maier sei damals Weltmeister geworden, Wiesböck Dritter hinter Egon Müller aus Kiel. Betzl selbst sei als Fünfter ins Ziel gekommen.

Die Karrieren von allen drei Bahnsportlern können sich wahrlich sehen lassen. Karl Maier (600 Rennen – über 150 Siege) war von 1975 bis 1997 aktiv. Er wurde viermal Sandbahn-Weltmeister (1980, 1982, 1987, 1988), zweimal Vizeweltmeister und stand fünfmal im Speedway-WM-Einzelfinale. Fünfmal war er auch deutscher Sandbahnmeister und startete unter anderem in der stärksten Speedway-Profi-Liga der Welt für Manchester und Birmingham in England.

Der gelernte Kfz-Meister führt heute eine große BMW-Motorrad-Werksvertretung in Neufinsing, wo er seine einzige Tochter (25) aktuell ins Geschäftsleben einarbeitet. „Sie hat bei BMW eine Ausbildung gemacht und wird mal den Laden hier übernehmen“, lobt er die Tochter.

Alois Wiesböck (600 Rennen – 150 Siege) war auf Sand- und Grasbahnen sowie im Speedwaysport von 1969 bis 1987 aktiv. Der gelernte Automechaniker hatte seinen absoluten Höhepunkt 1979, als er in Marienbad den Weltmeistertitel auf der Sandbahn feierte. Er wurde noch zweimal Vizeweltmeister, stand einmal im Speedway-WM-Finale und wurde seinerzeit von Bundespräsident Karl Carstens mit dem Silbernen Lorbeerblatt ausgezeichnet. Nach dem vierfachen deutschen Meister wurde in seinem Heimatort in Niederbergkirchen nach dem Titelgewinn 1979 eine Straße benannt. Er hat zwei Kinder und vier Enkel und arbeitet heute noch täglich in seiner Werkstatt daheim und liefert Drehteile in Kleinserie und Einzelteilen für die Industrie. „Ich muss jeden Tag an der Maschine stehen, dann geht es mir am besten“, sagt Wiesböck.

Christoph Betzl (500 Rennen – über 100 Siege) war von 1967 bis 1982 aktiv. Im Gegensatz zu Maier und Wiesböck fuhr er nicht nur Sandbahn, Grasbahn und Speedway, sondern auch vier Jahre lang Eisspeedway. Zum WM-Titel reichte es bei dem Rotter nicht, wohl aber zur Vizeweltmeisterschaft 1981 auf der Sandbahn im jugoslawischen Radgona (heute Slowenien).

Sein größtes Erlebnis war das Speedway-WM-Finale 1979 vor 100.000 Zuschauern im polnischen Chorzow. Der Kfz-Meister war auch in der englischen Liga für Poole am Start und betreibt heute noch seine Werkstatt am Ort. Er hat drei Kinder und drei Enkel, betont aber, „zwei weitere Enkel sind unterwegs, kommen im Sommer“. Auf seine Initiative hin gibt es in Rott einen Franz-Josef-Strauß-Weg. Christoph Betzl hatte den Antrag dafür im Gemeinderat eingebracht.

Großes Thema war in der Runde natürlich auch die Speedway-Bundesliga. Alle drei bedauern es sehr, dass sie in Bayern quasi in der Versenkung verschwunden ist, nachdem es mit AC Landshut, MSC Olching, MSC Ruhpolding und MSC Pocking doch einige Hochburgen gab. Karl Maier fuhr für Landshut und Olching und war mehrfach deutscher Mannschaftsmeister, ebenso Betzl der fünf Jahre für den MSC Ruhpolding startete, später für Landshut und Pocking und heute noch von den Bundesligatagen schwärmt. Alois Wiesböck stand bei Bopfingen unter Vertrag, später in Pocking und wurde einmal Bundesligameister.

Und natürlich wurde auch über Eisspeedway geplaudert, wo sich Maier und Wiesböck aber etwas zurückhielten. „Ich habe nur ein einziges Eisrennen bestritten“, gestand Maier und ergänzt, „in Moosinning war der See zugefroren, wir fuhren auf Natureis vor einigen tausend Besuchern, aber dabei blieb es bei mir“.

Es sei nicht seine Sportart gewesen. Gleiches gilt für Wiesböck. „Zweimal war ich dabei, am Eibsee und in Zell am Zee jeweils auf Natureis, aber es war nicht meine Sportart“, erzählte der Niederbergkirchener.

Da konnte Betzl schön länger plaudern. Von 1970 bis 1973 war er voll dabei, war Stammgast in Inzell und stand zweimal im Eisspeedway-WM-Finale, das immer von russischen Fahrern dominiert wurde. Betzl aber sagt: „Ich möchte keine Minute missen, es waren immer spannende Rennen vor Tausenden von Besuchern.“

Und dann gab es noch viele Geschichten rund um den Bahnsport. Betzl hatte sich einige aufgeschrieben. So berichtete er von seiner ersten Russland-Tour nach Leningrad (heute St. Petersburg), Moskau und den Ural. Als 21-Jähriger habe er eine Einladung angenommen und sei dort gestartet. Karl Maier wollte wissen, wie er sein Motorrad rübergebracht habe. „Wir fuhren mit russischen Maschinen, war schon etwas seltsam“, entgegnete Betzl. Bei einem Festabend habe er den sowjetischen Kosmonauten Wladislaw Wolkow kennengelernt, der 1971 bei einem Weltraumflug in einer Sojus-Kapsel ums Leben kam, aber als Held in die Raumfahrtgeschichte einging.

Goldhelm in
Herxheim gewonnen

Der gläubige Rotter berichtete dann noch vom Tod seines Vaters im Mai 1982. Vor dem großen Goldhelm-Rennen in Herxheim habe er den Vater noch im Krankenhaus besucht und der habe sich gewünscht, dass der Bub den Goldhelm gewinnen möge. „Es war irgendwie emotional, ich hatte das schwarze Band auf der Außenbahn gezogen und konnte tatsächlich den Goldhelm gewinnen, übrigens vor Karl Maier, der später Weltmeister wurde“, erzählte Betzl. Er habe den Helm seinem Vater im Krankenhaus gezeigt und der sei dann friedlich eingeschlafen.

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