Baggern für den Artenschutz

von Redaktion

Fischereiverein saniert Laichplätze im Inn – 17 verschiedene Arten nachgewiesen

Wasserburg – Anfang März war es wieder so weit: An der Kapuzinerinsel und auf Höhe der Realschule wurde im Inn gebaggert. Und wie in jedem Jahr mag sich so mancher Spaziergänger gewundert haben, was genau da passiert. Die Antwort darauf kennt Franz Göpfert, der Vorsitzende des Kreisfischereivereins Wasserburg, der für die Maßnahme verantwortlich zeichnet. „Für viele Fischarten steht im Frühjahr die wichtigste Zeit des Jahres vor der Türe, die Laichzeit“, sagt Göpfert. „Und mit dem Bagger sorgen wir dafür, dass sie auch ablaichen können.“ Ablaichen wird es genannt, wenn Fische ihre Eier legen.

Befestigte Ufer
und Querbauwerke

Aber warum brauchen sie dafür die Hilfe eines Baggers? „Unsere Flüsse sehen inzwischen ganz anders aus als früher, bevor wir Menschen angefangen haben, sie für unsere Zwecke zu nutzen“, sagt Hans Ellmer, Gewässerwart des Vereins. „Die Fische haben sich aber über Jahrhunderttausende an den ursprünglichen Zustand angepasst, den wir in wenigen Jahrhunderten zerstört haben. Das führt natürlich zu Problemen.“ Kernproblem seien einerseits die befestigten Ufer, andererseits die Querbauwerke, also alle künstlichen Strukturen, die quer durch das Flussbett errichtet wurden. Das schließe natürlich auch die großen Kraftwerke ein. Ursprünglich sei ein Fluss wie der Inn ein dynamisches System gewesen, das ständig seine Gestalt verändert habe.

Die Kraft des Wassers habe Gestein unterschiedlichster Größen aus den Bergen flussabwärts transportiert, sie habe es aus den Ufern gespült und an anderer Stelle im Flussbett wieder angelagert. Kiesbänke seien entstanden und wieder verschwunden. Aber vor allem hätten diese ständigen Umlagerungsprozesse dafür gesorgt, dass immer ausreichend lockerer, sauberer Kies im Inn vorhanden gewesen sei. Lockerer, sauberer Kies, das ist das entscheidende Stichwort, denn der fehlt im regulierten Fluss. „An den Kraftwerken kommt der Kies nicht durch“, sagt Franz Göpfert, „die lassen nur den feinen Sand passieren. Und auch aus den befestigten Ufern kann kein Nachschub kommen.“ Dieser feine Sand lege sich zwischen und über die Steine, er verstopfe die feinen Lücken zwischen den Kieseln und mache den Flussgrund hart wie Beton. Das ist der Grund, warum die Fischer in Zusammenarbeit mit dem Wasserwirtschaftsamt Rosenheim und dem Kraftwerksbetreiber „Verbund“ hier mittels Bagger nachhelfen. „Jeder Wasserburger kennt das“, ergänzt Ellmer, „wenn man auf der Kiesbank am Inn spazieren geht, sind die Steine wie einbetoniert. Das ist aber nicht der natürliche Zustand, sondern Schuld des Menschen.“ Doch lockeren Kies bräuchten die Fische dringend, um ihre Eier ablegen zu können, erklären die Fischer. Forellenartige Fische wie Huchen und Äschen vergrüben ihre Eier sogar im Kies. Andere würden sie zumindest auf dem lockeren Gestein ablegen, von wo sie die Strömung in die feinen Lücken zwischen den Steinen trage. Dort, zwischen den Kieseln, könnten sich die Eier gut geschützt entwickeln, bis nach mehreren Wochen kleine Fischlarven schlüpfen würden. Diese Larven würden dann sogar noch tiefer in den Schutz des Lückensystems zwischen den Steinen hinabschlüpfen.

Dann dauere es, abhängig von Fischart und Gewässertemperatur, wieder viele Wochen, bis sie bereit seien, ihr sicheres Versteck zu verlassen und sich in den Fluss zu wagen. „Mit dem Bagger helfen wir den Fischen gleich in mehrerlei Hinsicht“, sagt Hans Ellmer. „Wir lockern den Kies einerseits auf, andererseits wird dabei der ganze feine Sand ausgespült. Und zum Dritten heben wir frischen Kies in kleinerer Korngröße unter. Denn auch der fehlt.“

Aber hier endet die Unterstützung der Fischer noch nicht. Etwas weiter flussabwärts haben sie zwei ausgediente Christbäume mit Stahlseilen am Ufer verankern lassen. „Es bringt ja nichts, wenn die kleinen Fischchen zwar schlüpfen, aber dann keine passenden Lebensräume mehr finden und entweder Fressfeinden zum Opfer fallen oder einfach fortgespült werden“, erklärt Franz Göpfert auf die Frage, wozu die Bäume gut seien. Jungfische bräuchten flache Bereiche mit Totholz, das ihnen Schutz und Nahrung biete, fügt er hinzu. Aber sowohl Totholz als auch flache Bereiche seien in unseren verbauten Flüssen, die vielerorts eher monotonen Kanälen glichen, Mangelware. „Früher hat die Dynamik des Flusses von alleine dafür gesorgt, dass alle nötigen Lebensräume vorhanden waren“, ergänzt Ellmer. „Heute müssen wir nachhelfen.“

Dass die Maßnahmen des Vereines wirken, belegen inzwischen auch eindrucksvoll vom Verbund in Auftrag gegebene Untersuchungen der Technischen Universität München, die Eier oder Larven von 17 verschiedenen Fischarten unterhalb der sanierten Laichplätze nachgewiesen haben.

Unter den drei am häufigsten nachgewiesenen Arten sind auch Nase, Äsche und sogar Huchen, die im Inn inzwischen als besonders gefährdet gelten. „Das sind tolle Ergebnisse. Zugleich ist diese breite Akzeptanz des wiederhergestellten Laichareals ein weiterer Hinweis auf die Dringlichkeit der Maßnahme“, stellt Franz Göpfert fest.

Inn transportiert
große Menge Sand

Eine Maßnahme, die aufgrund der großen Menge Sand, die der Inn mit sich führe, jedes Jahr notwendig sei. „Schön wäre es“, ergänzt Hans Ellmer, „wenn in der Öffentlichkeit ein breiteres Bewusstsein für die Probleme unserer Flüsse entstünde.“ Für den aufmerksamen Beobachter sei es übrigens durchaus möglich, in den kommenden Wochen im flachen Wasser die mächtigen Schatten laichender Huchen zu entdecken, sagt Göpfert.

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