„Die warn halt einfach da“

von Redaktion

Wie der Landkreis Mühldorf nach dem Krieg die Vertriebenen aufnahm

Landkreis Mühldorf/Unterreit – Zu seiner zehnten Veranstaltung hatte das Projektteam „Erinnern 45 – Kriegsende im südlichen Landkreis Mühldorf“ zum Wirt in Grünthal eingeladen. Der Nachmittag stand unter dem Motto „Angekommen, aufgenommen und geblieben“ und stellte Schicksale entwurzelter Menschen, die als Heimatvertriebene in der Fremde Zuflucht suchten und sich neue Existenzen aufbauen mussten, in den Vordergrund.

Wechselbad der
Gefühle

Die Besucher, die in der voll besetzten Wirtsstube den Erinnerungen von Zeitzeugen folgten und Gesang und Harfenklang lauschten, waren einem Wechselbad der Empfindungen ausgesetzt: Von Verlust und Entbehrung wurde berichtet, aber auch von Solidarität und guten menschlichen Kontakten. Die Gesamtmoderation oblag Franz Langstein, ihn unterstützten die Historikerin Ulrike Zöller und Daniel Baumgartner vom Geschichtszentrum des Landkreises.

Kurzweilige
Interviews

In kurzweiligen Interviews erzählten die eingeladenen Zeitzeugen viel aus dem Leben damaliger Vertriebener, aber auch Grünthaler, bei denen diese manchmal auf Jahre hinaus einquartiert waren, kamen zu Wort. Zöller befragte eine Grünthalerin und deren Freundin, die mit ihrer Familie als Kind aus dem Sudetenland ins Dorf gekommen war, und deren Freundschaft bis heute andauert. Vom Interviewpartner Baumgartners erfuhr man, dass auf dem Hof seiner Familie sieben Jahre lang Vertriebene einquartiert waren und sich auch an der Hofarbeit beteiligten. Man habe halt zusammengeholfen, Kinder seien dabei „mitgelaufen“ und von „Kinderarbeit“ habe damals noch niemand gesprochen.

Eine Stunde Gehzeit hatten die Kinder zur Mittergarser Schule. Für die Zeitzeugen war das damals aus der Not geborene Zusammenleben vorwiegend unproblematisch – „mei, die warn halt einfach da“ – und schließlich wurden sie wie selbstverständlich zu Mitbürgern.

Breiteren Raum nahmen die Fragen Langsteins an den Steinmetzmeister Peter Franke von der Firma Franke Naturstein in Rott ein. Die Betriebsgründung steht in einer Reihe mit anderen Firmen, deren Besitzer, enteignet und aus dem Sudetenland vertrieben, in Bayern mit ihrem fachlichen Wissen neue Unternehmen aufbauten, nicht zuletzt in Waldkraiburg. Dabei verwies Langstein auch auf die insgesamt zwei Millionen Heimatvertriebenen, die in Bayern eine neue Existenz gefunden hätten.

Peter Franke, Jahrgang 1958, und seine Tochter berichteten von der Konfiszierung des blühenden Steinmetzbetriebs des Großvaters in Saubsdorf, Sudetenland am Kriegsende. Nach der Aufforderung zur Schlüsselübergabe der Betriebsräume und erzwungenem Verlassen der Heimat, sei die Familie mit wenig Gepäck in Güterwaggons zum unbekannten Ziel transportiert worden, unterwegs seien sowohl Erwachsene als auch Kinder gestorben.

Im Gespräch kam man auch auf die tieferen Ursachen des Unrechts der Vertreibung zu sprechen. Aus dem wirtschaftlich prosperierenden Sudetenland seien die Deutschen vertrieben worden, weil ihnen allen nach dem Untergang des Dritten Reichs unterstellt worden sei, Nazis zu sein. Langstein wies dabei auch auf das Massaker von Lidice hin, das die deutsche Besatzung nach dem Attentat auf den SS-Mann Heydrich zur Vergeltung unter der tschechischen Zivilbevölkerung angerichtet hatte. An dieser Stelle und durch den Bericht des damaligen Grünthaler Pfarrers Schwaiger, den Langstein verlas, wurde an diesem Nachmittag einmal mehr deutlich, wie sehr manche im Rückblick verklärte Erinnerungen aus dem Privatleben mit dem Entsetzen über die Verbrechen der letzten Kriegstage kollidierten.

Morde an
Häftlingen

Auf Aufforderung von Kardinal Faulhaber hin berichtete der Geistliche von Morden, die damals von SS-Bewachern an Häftlingen verübt wurden. Sie wurden während der Todesmärsche vom KZ Buchenwald bei Weimar nach Süden unterwegs exekutiert, nachdem Himmler befohlen hatte, keinen Häftling überleben zu lassen.

In Grünthal, so der Ortspfarrer, seien 14 Leichen vergraben, dann von der amerikanischen Besatzung exhumiert und bestattet worden.

Dem Vergessen
entrissen

Neben den getragenen Weisen, die Annelies Brandstätter mit der Harfe erklingen ließ, gab es einen weiteren musikalischen Höhepunkt: Auf ihren Großvater, einen Berufsmusiker aus dem Sudetenland, geht das Grünthaler Heimatlied zurück, das dem Vergessen entrissen werden konnte und von ihr neu transponiert wurde. Ein kleines Gesangsensemble brachte es unter Gitarrenbegleitung zu einer mit viel Beifall bedachten Neuaufführung.

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