von Redaktion

„Das Einzige, was hier berauschen soll, ist die Kunst“, sagt Berthold Köhl. Er und Melina Mierbeth verwandeln ein jahrhundertealtes Haus in Wasserburg zum kreativen Treffpunkt. Das „Atelier R10“ führt das Erbe seiner verstorbenen Besitzerin fort und öffnet am Freitag seine Pforten für alle Kunstfreunde.

Wasserburg – Auf der Wasserburger Halbinsel drängen sich uralte Gemäuer. Doch auch auf der anderen Seite des Inns – in der Rosenheimer Straße 10 – trotzt ein jahrhundertealtes Haus dem Abriss. Einst Klosterbau, dann Kramerladen, jetzt Künstlerhaus – ab kommendem Freitag soll es hier kunterbunt zugehen.

Das Blechdach über dem Eingang und das Bimmeln der Ladenglocke beim Reingehen erinnern noch an den ehemaligen Gemischtwarenladen, der sich hier befand. In ihm bot Familie Schuster Lebensmittel, aber auch Geschirr an – mehrere Generationen lang.

Ein kreativer Treffpunkt
für Klein und Groß

Jetzt führen die Mieter Berthold Köhl und Melina Mierbeth durch das verwinkelte Erdgeschoss und erzählen von ihren Plänen: Ein kreativer Treffpunkt für Klein und Groß, ein offenes Atelier, namens „Atelier R10“ wollen sie schaffen.

Noch stapelt sich neben Getränkekisten für die Einweihung viel Gerümpel. Bis zur Eröffnung am Freitag will Berthold Köhl noch ausräumen: „Dann kann hier jeder rein, wenn er sich an die Spielregeln hält. Hier ist zum Beispiel Alkohol- und Drogenverbot. Das Einzige, was hier berauschen soll, ist die Kunst“, lacht er und deutet auf ein Foto einer dunkelgelockten Frau mit wachen großen Augen, „ganz im Sinne Margaretes“. Die Eigentümerin Margarete Schuster verstarb 2024 mit 74 Jahren überraschend. Ihr geliebtes Anwesen rettete sie vor dem Abbruch mit einem geschickten Schachzug: Sie vermachte es der Stadt Wasserburg mit einem 50-jährigen Abbruch-Verbot und der Auflage, dass ihre beste Freundin Brigitte Mierbeth und deren Tochter das Haus bewohnen dürfen und dass es weiter kulturell genutzt wird.

Die 16-jährige Melina Mierbeth erinnert sich gut an die „verrückte, großzügige, bei allen beliebte“ Gönnerin und zeigt stolz ihren Atelierplatz: „Ich kann hier neue Techniken, etwa Ölmalerei, ausprobieren. Das Wohnen im alten Haus hat ein besonderes Flair. Hier ist alles krumm. Die Toiletten sind am lustigsten. Der Garten von ihr, der ist unglaublich schön.“ Die junge Frau erzählt, dass schon Margarete Schuster Schüler der Mittelschule auf die Hauswände sprayen ließ. Geblieben ist der „Hausdrache“: das Graffiti einer Schlange.

Margarete Schuster hat in ihrer Jugend im wilden Westberlin gelebt und gearbeitet, bevor sie 30 Jahre später wegen ihrer pflegebedürftigen Mutter zurück in ihr Wasserburger Elternhaus zog. Viele durstige Radler versorgte sie im – wie sie es nannte – „Café am Bach“, und bot ihnen in ihrer Ferienwohnung ein Dach über dem Kopf. Im Ladenraum ihrer Großeltern und Eltern befanden sich später einmal ein Getränkemarkt und eine Fahrschule und zuletzt überließ sie den Raum montags einer Gruppe von Malern.

Eine davon ist Regina Müller. Sie schuf ein Doppelporträt, das immer noch im Atelier hängt. Es zeigt Margarete Schuster und Josef Huber. Bis heute ist er hier quasi der Hausmeister. Denn ohne den gelernten Schreiner wäre das Atelier beispielsweise kalt geblieben. Er organisierte einen Holzofen und heizte für die Malgruppe ein. Das will er auch in Zukunft im „Atelier R10“ machen.

Der Mann aus Rott half Margarete Schuster auch, das Haus zu erhalten. Er verlegte Böden, klopfte Putz ab und entdeckte eine alte Ziegelmauer mit Rundbögen. Sie verleiht dem Atelierraum heute seinen besonderen Charme. Josef Huber vermutet, dass sie noch aus der Zeit stammt, als das Gebäude zum Kapuzinerkloster gehörte.

1624 gegründet, mussten die meisten Bauten des Klosterkomplexes endgültig 1960 dem Bau der Mittelschule weichen. „Ich habe hier viel Murks zurückgebaut“, erzählt Josef Huber. Die Hausherrin half ihm im Gegenzug bei seiner Buchhaltung.

In der Geschichte des alten Hauses wird jetzt ein neues Kapitel aufgeschlagen. Die Gymnasiastin Melina Mierbeth ist die Zukunft und Untermieter Berthold Köhl nennt sie „Chefin“. Berthold Köhl bezeichnet sich selbst beruflich als „sehr gut ausgebildeten Waldarbeiter, der vorher in der Seelsorge war“. Er sei spät zur Malerei gekommen, habe davor viel fotografiert.

Ateliertage für
freies Gestalten

„Von mir ist nichts bei der Eröffnung zu sehen. Ich möchte mich bei den Leuten bedanken, die mich unterstützt haben und in gewisser Weise Vorbild sind“, sagt Köhl. Da denkt er auch an seine Tante Gudrun Köhl. Die Künstlerin war die langjährige Leiterin des „Karl-Valentin-Musäums“ in München. Dank ihres Vermächtnisses kann Berthold Köhl das „Atelier R10“ betreiben. Einmal im Monat soll es Ateliertage für freies Gestalten für die ganze Familie geben. „Mein Kunstbegriff ist recht weit. Ich möchte mir nicht anmaßen, zu sagen, das ist Kunst und das nicht“, so Köhl.

Ein uraltes Haus mit vielen Geschichten – Berthold Köhl und Melina Mierbeth schlagen jetzt ein neues Kapitel auf. Ganz im Sinne von Margarete Schuster öffnet das Haus wieder seine Pforten für die Kunst.

Vom Kramerladen zum Atelier

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