von Redaktion

Zehn Staatspreisträger in einem Absolventen-Jahrgang: Die Berufsfachschule für Pflege am kbo-Inn-Salzach-Klinikum Wasserburg gilt als Top-Adresse in puncto Nachwuchsausbildung. Seit September hat sie einen neuen Leiter: Florian Scharfen. Mit 34 ist er einer der jüngsten Schulleiter in Bayern. Wie er die Pflegekräfte der Zukunft ausbildet.

Wasserburg – Die Klassenzimmer sehen ein wenig aus wie Hörsäle: Die Berufsfachschule für Pflege und Krankenpflegehilfe in Gabersee hat zwar außen den altmodischen „Charme“ der 70er-Jahre, vermittelt im Innern jedoch eher eine Campus-Atmosphäre. Die Schülerschaft: junge Leute ab 16 Jahren, aber auch Quereinsteiger 40 plus aus Deutschland und vielen weiteren Herkunftsländern. Die Atmosphäre in diesem sehr heterogenen Umfeld: familiär.

Persönlich und
wertschätzend

163 Schülerinnen und Schüler erlernen an der kbo-Berufsfachschule derzeit die Krankenpflege, ihr Arbeitsplatz: das psychiatrische Fachkrankenhaus. Altersmäßig könnte Florian Scharfen, Nachfolger der verstorbenen Dr. Sabine Balzer, einer von ihnen sein: Denn er ist erst 34. Der neue Schulleiter trägt weiße Turnschuhe zum lässigen Anzug, T-Shirt statt Hemd und Ohrringe. Er eilt geschäftig über die Flure, wird freundlich gegrüßt. „Ich habe mich hier von Anfang an sehr wohlgefühlt“, sagt er. „Es ist eine eigene Welt, sehr persönlich, sehr wertschätzend.“

Scharfen, der in München studiert und gearbeitet hat, wollte wieder weg aus der Großstadt und aus großen Unternehmen. Nach seinen letzten beruflichen Stationen bei Korian, einem der führenden Anbieter für Pflege und Heime in Deutschland, sowie bei der Bayerischen Landesärztekammer, wo er für die Weiterbildung medizinischer Fachangestellter zuständig war, wuchs bei ihm der Wunsch, Schulleiter zu werden. Scharfen hat ein duales Studium der Pflegewissenschaft absolviert, seinen Master in Berufspädagogik gemacht. Er war während seiner Aus- und Weiterbildung außerdem regelmäßig auch am Krankenbett im Einsatz.

In den vergangenen Jahren stellte er fest: Das Lehren liegt ihm, Führungsverantwortung übernehmen ebenso. „Ich habe fast alle Facetten des Berufsfeldes Krankenpflege kennengelernt“, sagt er: angefangen von einer Ausbildung zum Altenpfleger, von der Arbeit auf Station bis hin zum Management in der Pflege, von der Tätigkeit als Berufsschullehrer bis zum Aufbau von Berufsschulen und der Entwicklung von Aus- und Fortbildungsangeboten. „München ist toll für die Karriere, doch ich wollte zurück aufs Land, in eine Arbeitswelt, in der es nicht so anonym zugeht, sondern das Zwischenmenschliche im Vordergrund steht“, erklärt er, warum er sich für die Schulleiterstelle am kbo-Inn-Salzach-Klinikum Wasserburg entschieden hat.

Auch der Träger kbo, das Kommunalunternehmen des Bezirks Oberbayern, habe diesbezüglich einen guten Ruf. „Das Klima hier auf dem parkähnlichen Gelände in Gabersee ist familiär. Es ist eine eigene Welt, in der ich viel Wertschätzung verspüre“, sagt er. Den sogenannten Gabersee-Spirit hat er nach eigenen Angaben schon in den ersten Wochen verspürt.

Für ISK-Geschäftsführer Dr. Karsten-Jens Adamski ist die Entscheidung für Scharfen ein Glücksfall: „Wir haben in ihm einen ausgewiesenen Experten in der modernen Pflegeausbildung, der die hohen Qualitätsstandards unseres Hauses mit einer modernen Pädagogik verbindet.“ Das sei besonders wichtig in den Zeiten des Fachkräftemangels. Das Inn-Salzach-Klinikum, eines der größten Häuser für die Behandlung psychischer Erkrankungen, begegne dieser Problematik mit der eigenen Pflegeschule, bilde quasi den Nachwuchs selber aus, in der Hoffnung, ihn nach der Schulzeit halten zu können. Die Übernahmequote liege bei 90 bis 95 Prozent.

Die eigene Schule trage wesentlich dazu bei, dass es dem Inn-Salzach-Klinikum gelinge, alle Planstellen zu besetzen. Hier arbeiten 1100 Menschen in unterschiedlichen Arbeitszeitmodellen.

Die Berufsschule auf dem Gabersee-Gelände besteht eigentlich aus zwei Bildungseinrichtungen: Denn hier werden Pflegefachkräfte ausgebildet (drei Jahre) und Pflegefachhelfer (ein Jahr). In Kooperation mit der Technischen Hochschule Rosenheim gibt es außerdem ein duales Bachelorstudium Pflege.

Zum 1. August und 1. September haben die neuen Ausbildungen begonnen. Pro Jahr schließen etwa 30 Absolventen ihre Ausbildung ab. Zehn von ihnen, also ein Drittel des Jahrgangs, erhielten heuer einen Staatspreis aufgrund besonders herausragender Leistungen, sagt Adamski stolz. Die Ausbildung unterliegt seit der Reform im Jahr 2020 der Generalistik: Das heißt, es wird nicht mehr unterschieden zwischen Alten-, Kinder- oder Krankenpflege. Die Schüler in der kbo-Berufsschule arbeiten zwar schwerpunktmäßig im psychiatrischen Fachkrankenhaus, absolvieren aber auch Ausbildungseinheiten in der Somatik (hier vor allem in der Romed-Klinik, mit der das ISK im Neubau unter einem Dach vereint ist), sowie in der Alten- und ambulanten Pflege.

Die Einsätze außerhalb des Inn-Salzach-Klinikums führen viele übergangsweise in neue, ungewohnte Welten, eine Erfahrung, die laut Scharfen für manche Azubis eine Herausforderung darstelle. Aufgabe der Schule sei es, Störungen abzufedern, ein Lernumfeld zu schaffen, das Sicherheit und Freude an der Ausbildung vermittle.

Herausforderung seien auch die neuen Medien. Die Digitalisierung des Unterrichts müsse kommen: weg vom Lehrbuch, hin zum Tablet und zu Online-Bibliotheken. Viele Schüler würden außerdem die künstliche Intelligenz nutzen, eine Chance für mehr Effizienz und eine Gefahr gleichermaßen. Denn es gelte zu ermitteln, dass die KI nicht fehlerlos sei, sondern einer kritischen Prüfung unterzogen werden müsse, so Scharfen.

Er steht selber noch hin und wieder vor einer Klasse. Das wird demnächst auch Adamski tun, der in der Vergangenheit bereits Vorlesungen an unterschiedlichen Einrichtungen gehalten hat. Der neue Schulleiter hat den Geschäftsführer quasi als „Lehrkraft“ verpflichtet. Adamski wird Schulstunden über die Struktur des Gesundheitswesens und die Finanzierung geben.

„Für mich eine gute Möglichkeit, Kontakt zum Nachwuchs aufzubauen“, sagt er. Wichtig sei es, auch der Klinikleitung ein Gesicht zu geben, ins Gespräch mit den Mitarbeitern von morgen zu kommen.

Was viele während der Ausbildung ebenfalls brauchen: eine Unterkunft. Wohnen ist zu einem wichtigen Standortfaktor geworden, wissen Adamski und Scharfen. Deshalb werden auf dem Klinikgelände derzeit drei neue Wohnheime gebaut: 57 Appartements, zum Teil möbliert. Am 9. Dezember ist Richtfest. Denn auch das bedeutet es, in einem Klinikum auf dem Land die Ausbildung zu absolvieren: schlechte Zug- und Busverbindungen. Viele können sich ein eigenes Auto nicht leisten. Eine Unterkunft vor Ort stehe deshalb bei vielen Azubis auf der Wunschliste.

Wunscharbeitsplatz
gefunden

Ein Wunsch des neuen Schulleiters ist auf jeden Fall in Erfüllung gegangen: Er hat nach eigenen Angaben das Arbeitsumfeld gefunden, das er sich nach vielen Stationen seiner facettenreichen beruflichen Laufbahn vorgestellt hat.

„Meine Erwartungen sind übererfüllt worden“, sagt er. Auch das Kollegium, zu dem 14 Lehrerinnen und Lehrer gehören, sei hervorragend aufgestellt, das Klima sehr gut. „Ich bin dankbar und froh, dass ich diese Chance bekommen habe.“

Daheim in Grafing findet der 34-Jährige ebenfalls in einem kleinstädtischen Umfeld Entspannung. „Wir haben zwei Hündinnen und vier Katzen, da ist immer was los“, berichtet er lachend. Gemeinsam mit seinem Lebensgefährten widmet er sich außerdem mit großer Leidenschaft den üppigen Pflanzen auf einer grünen Dachterrasse und kocht gerne.

Mit 34 Jahren Schulleiter in einer „eigenen Welt“

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