Da waren es plötzlich sieben

von Redaktion

Stifterfiguren am Lebendigen Kreuz auf der Choraußenseite von St. Jakob werfen Fragen auf

Wasserburg – Noch immer gibt das sogenannte Lebendige Kreuz (Lebensbaum) an der Choraußenseite von St. Jakob Rätsel auf. Während die theologischen Aussagen dieser rund 52 Wandgemälde hinreichend geklärt und interpretiert sind, werfen die „Stifterfiguren“, die unter dem Mantel des Bischofs versammelt sind, viele Fragen auf.

Grundlage einer neuen Auseinandersetzung ist eine Zeichnung des Freskos, die im Archiv des Historischen Vereins von Oberbayern (Stadtarchiv München) verwahrt wird.

Großformatige
Zeichnung angefertigt

Der Historienmaler Julius Schweizer (geboren 1814 in Rauenstein/Thüringen, verstorben 1868 in München) hatte im Vorfeld seiner Renovierungsarbeiten eine großformatige Zeichnung des vorhandenen Bestandes angefertigt, die im Rathaussaal ausgestellt worden war, um Sponsoren zu gewinnen. Später hat er diesen Karton verkleinert wiedergegeben – das Blatt misst nur 21,5 mal 9,5 Zentimeter und enthält alle Details einschließlich der von Joachim Sighart, dem damaligen besten Kenner mittelalterliche Kunst, nach Analogien ergänzten Schriftbänder. Vom 1864 vollendeten Werk hat man Fotografien angefertigt, die jedoch bei den Stifterfiguren und Wappen erhebliche Abweichungen gegenüber der Vorzeichnung aufweisen. Waren ursprünglich sechs Personen (vier Männer und zwei Frauen) dargestellt, sind es nach Abschluss der Arbeiten sieben Personen (vier Frauen und drei Männer). Nicht nur die Zahl, auch die Verteilung auf die Geschlechter und ihre Gewandung und Stellung (knieend/stehend) haben sich verändert, sodass eine Verteilung auf die Familien Pienzenauer und Freyberg unmöglich geworden ist. Darüber, was Julius Schweizer zu der Änderung veranlasst haben könnte, kann man nur spekulieren.

Sollten eventuell Sponsoren und der Stadtpfarrer Theodor Paul König mit in die Szene aufgenommen worden sein? Dabei besteht zwischen einem Porträt des Geistlichen von Julius Schweizer und dem Geistlichen am Lebensbaum keine Ähnlichkeit. Bei einer späteren Renovierung im 20. Jahrhundert soll der Maler sogar Porträts Wasserburger Bürger unter die Geretteten und Verdammten gemischt haben.

Vertreter der
erlösten Menschheit

Maximilian Ritzinger, einer der frühen Interpreten der Ikonografie, deutet die Votanten als Vertreter der erlösten Menschheit: einen Priester und einen Patrizier mit Frau und Kindern. Auf die Details geht er jedoch nicht ein.

Auch wenn Julius Schweizer die Farben der beiden äußeren Wappen falsch wiedergegeben hat, lassen sie sich klar den Familien Pienzenauer (Hans Flach von Pienzenau) und Freyberg (Ursula von Freyberg-Eisenberg, Ehefrau) zuordnen, während das mittlere Wappen auf der Zeichnung keine Ähnlichkeit mit dem heutigen hat. Auf der ursprünglichen Skizze ist es durch eine Leiste waagrecht geteilt, während das Schildhaupt durch einen Stab senkrecht gespalten ist und im heraldisch rechten Feld eine winzige Figur zeigt. Das heute dreigeteilte Wappen ließe sich trotz falscher Tinkturen den Puechbeck auf Buechbach (Agnes von Puechbec, Stiefmutter des Hans Flach von Pienzenau) zuweisen. Es ist schade, dass Julius Schweizer in diesem Bereich des Freskos, das die Hinweise auf die Stifter enthalten hatte, „frei schöpferisch“ gearbeitet und Indizien für immer vernichtet hat. Ungeklärt bleiben weiterhin die Beziehungen des Ehepaares Pienzenauer/Freyberg zu Wasserburg, zumal das Ehepaar bereits Jahrzehnte (1431/1440) vor der Vollendung des Chores gestorben war. Und dass der Chorherr von Freising Johann von Pienzenau (Sohn von Hans Flach von Pienzenau und Ursula von Freyberg, gestorben 1479) Stifter des Freskos sei, wird durch die sekundäre Hinzufügung durch Julius Schweizer nicht sicherer.fst

Artikel 1 von 11